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Sexualität und Selbstbefriedigung in der Kaiserzeit

  • Tacitus
  • October 31, 2013 at 4:46 PM
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Ein Herr aus Berlin schreibt seine Erinnerungen über seine persönliche sexuelle Entwicklung nieder. Darin beschreibt er unter anderem frühkindliche sexuelle Phantasien und Begebenheiten die er in Zusammenhang mit seinem sozialen Umfeld erfahren hat. Besonders ausführlich schildert er den damaligen Umgang mit dem Thema Selbstbefriedigung. Leider ist die Niederschrift anonym, sodass wir weder wissen, wann der Text verfasst wurde, noch in welcher Zeit der Autor diese Erfahrungen gemacht hat. Im Jahr 1908 hat er als junger Mann außerhalb seiner Heimtstadt gearbeitet, sodass wir glauben, dass der folgende Text sich auf die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende bezieht.

"Von grosser Bedeutung aber war es für meine ganze kindliche und halbwüchsige Jugend ja bis an die Grenze meiner Mannesjahre hinan, als eines Tages - ich stand im zwölften Lebensjahre - meine Mutter mit allen Zeichen einer grossen Erregung und herzlichen bewegung meinen Vater auf mein verändertes Aussehen aufmerksam machte und mir durch empörte Vorhaltungen: "Was machst Du? - Was treibst Du nur?" verständlich zu machen suchte, dass ich durch irgendein, offenbar verabscheuungswürdiges Tun für mein verändertes Aussehen ganz entschieden selbst verantwortlich sei. Nun hatte ich allerdings ein böses Gewissen. [...] Bei meinen auf dieses schimpfliche Tun gerichteten Gedanken erschein es mir geradezu als eine Erleichterung, als ich aus einem von meinem Vater alsbald herbeigeführten Gespräch unter vier Augen entnahm, dass die Eltern ganz etwas anderes gemeint hatten. [...]

Aber meine Sinne waren noch immer nicht aufgetan, sodass ich zwar dunkel erfasste, wovon die Rede war; da mir aber die Anknüpfung an jene meine eigene, aber in ihrer ganzen Bedeutung mir noch unbekannte Äusserung wiederum eine Gedankenrichtung gab, die von dem eigentlichen Sinn der mütterlichen Ermahnungen wegführte, weil ich meinte, sie könnten mich garnicht treffen, so blieb ich noch einige Zeit in einer ahnungsschweren, von geheimer Angst unterströmten Dumpfheit und Stumpfheit des Gefühls. Allmählich nahm dieser Zustand einen nervösen Charakter an, und die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem, wovon die Eltern, bald auch eine ältere Schwester, die Grosseltern und andere, Berufene und Unberufene, wiederholt warnend sprachen, brachte es schliesslich, zum Teil durch einsichtweckende Träume, dahin, dass ich mit für meine zwölf, dreizehn Jahre genügender, durch Lexikonlektüre teils erhöhter, teils beeinträchtigter Klarheit wusste, in welches Laster ich verstrickt war.

Ein mit seinen dunkelheiten und in seiner traktätchenhaften Aufmachung recht ungeschicktes Flugblatt, das mir an einem dunklen Abend ein junger Mensch geheimnisvoll in die Hand drückte, tat ein Uebriges, die Aengste zu vernehmen, die eine Halbklarheit mit ihrer geheimnisvoll=bedrohlichen Umkleidung in meiner Seele erzeugt hatte. Immerhin befolgte ich die wenigen positiven Ratschläge, die der sehr bescheidene Gewinn aus der fieberhaften Lektüre gewesen waren: ich strengte mich Körperlich an, um eine gesunde Müdigkeit zu erzielen. Früh stand ich auf, zwei bis drei Stunden, bevor ich zur Schule ging, also meist zwischen 4 und 5 Uhr, wusch mich kalt von Kopf bis Fuss, lief dann eine Stunde durch den Tiergarten, wobei ich mir Rekordleistungen auferlegte, wie etwa: meinen ganzen Weg im Laufschritt zu machen, oder ich ging zum Schwimmen, das ich heimlich, meine Eltern zu überraschen, erlernt hatte...."

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Aus einer Tagebuch-Notiz

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