Schlacht bei Gravelotte: "O, grauenhaftes, hartes Schicksal..."

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Als wir einen breiten Graben paßirten, der mit Lehm und Blut vermischtes Waßer enthielt, konnte es die Mehrzahl der Soldaten nicht unterlassen, ihre Tschakos vom Kopfe zu nehmen um damit diese ekelerregende Flüßigkeit zu füllen und begierig in die trockne Kehle hinunter zu gießen...

"Es mochte ungefähr Mittags gegen 12 Uhr sein, als in der Richtung nach Nordost der erste Kanonenschuß ertönte, welchem bald nach mehre folgen sollten! Wie mit einem Schlage erhoben wir uns Alle um nach der Richtung zu schauen woher sich der Geschützdonner vernehmen ließ. Einen Überblick vermochten wir auf dem durchlanggezogene sanfte Einsattelungen unterbrochenen Terrain nicht zu gewinnen. [...] Bald hieß es: "An die Gewehre!" und nun machten wir, noch theilwiese die Gefechtsfelder des 16. August mit ihren Schrecken berührend, unaufhörlich Front= u. Flankenmärsche, bis etwa um 4 Uhr, dem Gewühle der Schlacht, näher und näher gekommen, an einer Anhöhe hinter dichten Hecken gehalten wurde um weitere Befehel abzuwarten. Von der unmittelbar vor uns liegenden Anhöhe hatte man eine herrliche Fernsicht und konnte ich, trotz des Verbots, wonach sich Niemand von seinem Platze entfernen sollte, dem Drange nicht wiederstehn, mich mit mehren Cameraden einige 30 Schritt weiter vorzuwagen, um dem sich von links nach rechts in coloßalster Ausdehnung hinziehenden heftigen Kampfe zuzuschauen. Es war ein grauenhafter unaufhörlicher Geschützdonner, dazwischen ertönte das Geknatter unzähliger Infanteriegewehre und das eigenthümliche Raßel der Mitreilleusen! Man hatte von dieser Anhöhe aus [...] einen ausgezeichneten Einblick in die Bewegungen der vorn operirenden Truppen, - (und wahrlich, die sogenannten Schlachtenbummler, welche stets die Gefechte aus der Ferne ganz gemüthlich ansehen, sind zu beneiden, denn der Anblick einer Schlacht ist ein großartiger!) [...] Jetzt, wir sahen es ganz deutlich, gegen die an den Abhängen vom Feinde besetzten, etagenmäßig über einander hergerichteten Schützengräben, aus denen ein mörderisches Feuer hervorbricht, - gingen die Unseren zum Sturme vor! - Mit eifrigem Intereße wollte ich diese Affaire noch weiter verfolgen, als mich der Ruf: "Fertigmachen!" zu den Gewehren davon eilen ließ. [...] Die Granaten sahen wir schon etwa 1000 Schritt vor uns niederfliegen, und die Shrapnells, einen weißen Kreis, einer Taube gleichend, zurücklaßend, in der Luft zerplatzen. Zur Linken bemerkte man in einem keßelartigen Thale den Verbandplatz, wo die Ärzte und Lazarethgehülfen ihr schweres Amt verrichteten. Als wir einen breiten Graben paßirten, der mit Lehm und Blut vermischtes Waßer enthielt, konnte es die Mehrzahl der Soldaten nicht unterlassen, ihre Tschakos vom Kopfe zu nehmen um damit diese ekelerregende Flüßigkeit zu füllen und begierig in die trockne Kehle hinunter zu gießen. Trotzdem ich gewiß ebenso wenig wie die übrige Mannschaft in folge des bei starker Sonnenhitze und wie sich denken läßt, größten Aufregung höchst anstrengendem Marsche, vor Ermattung und Abspannung, kaum die Zunge noch rühren konnte, und herzlich gern einen erquickenden Trunk zu mir genommen hätte, widerstand ich doch unter diesen Umständen dem innern Drange, verschonte meinen, bis zum höchsten grade erhitzten Magen mit solchem Naß und sprang so gut es ging über den Graben [...] Feindliche Infanterie sahen wir nirgends, denn man konnte des undurchdringlichen pulverqualms wegen kaum auf 100 Schritt etws erkennen. [...] Angelnagt bei den äußersten Umfassungsmauern der Gärten, welche etwa 3 bis 4 Fuß hoch und aus maßiven Stienen bestanden, sah ich einen Gardisten, welcher einen innerhalb der Mauer stehenden Franzosen, der sein Gewehr auf diesen abgeschossen, mit dem Bajonette durchbohrt hatte. Es war ein grauenhafter Anblick! Beide lagen todt nebeneinander nur theilweise durch die Mauer getrennt, auf der Freund und Feind jetzt den ewigen Schlaf schliefen. Der Franzose hatte das Bajonett noch tief in der Brust, und der Preuße lag, das Gewehr krampfhaft in der Hand haltend, mit zerschmetternten Schädel daneben. [...] Bald darauf sah man die hellen Flammen aufschlagen und eine nicht geringe Anzahl verwundeter Franzosen, deren malerischer Anzug in dem Feuerschein sich abspiegelte, hinkend, jammernd und seufzend, uns zueilen. Von tiefem Mitleiden ergriffen, sprangen mit mir einige Soldaten herzu, um diese Unglücklichen vor den alles verzehrenden Flammen zu retten. - An den Rand der nach dem Feinde zu geöffneten Scheune tretend, sahen wir, - o, welch entsetzlicher anblick, von den, um Schutz vor den Granaten zu suchen, sich in das Stroh geflüchteten schwer Verwundeten, denen theilweise Arme und Beine abgeschoßen, und sich nicht fortbewegen konnten, waren bereits mehrere von den Flammen erfaßt, und ohne daß es möglich war, den zum Theil schon verkohlten Körper zu retten, mußen sie unter den herzzerreißensten Tönen elendiglich verbrennen. - O, grauenhaftes, hartes Schicksal, Gott möge euch unglückliche, die ihr in einen ungerechten Krieg gestürzt, an denen rächen, die dieses Unheil angestiftet und zwei große Völker zur Schlachtbank geführt haben! [...] Es gehört gewiß ein höchst pflegmatischer Charakter dazu, solche Scenen mit Gleichgültigkeit anzuschauen, ohne das Einem das Blut in den Adern verstarrt. [...] Die Granaten, welche hin und wider uns über die Köpfe sausend einen hellen Feuerschein in der Luft hervorbrachten, schlugen vereinzelter in das Dorf [...] bis die Kanonen eta 9 Uhr Abends gänzlich verstummten.

Die Franzoen zogen ab; - unser war der Sieg, davon war ein Jeder überzeugt; aber mit welchen Opfern war derselbe erkauft? - darüber konnte uns erst der folgende Tag näher Aufklärung bringen!-"

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