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Eindrücke aus Konstantinopel im Jahr 1900

  • Tacitus
  • December 31, 2019 at 4:21 AM
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Der deutsche Hauptmann im Infanterie-Regiment No. 140 Fritz Sander bereist im Herbst 1900 das Mittelmeer und den Orient und schreibt seine Eindrücke nieder. 1901 veröffentlicht er einen Druck dieser Niederschrift. Besonders interessant sind dabei seine Eindrücke aus Konstantinopel. Über die ehemalige Hauptstadt des Oströmischen Reiches hat der Autor viel zu berichten, einige interessante Auszüge aus diesem Text wir Ihnen hier präsentieren.

"In leichten Nebelschleier gehüllt lag die "Königin der Städte" vor uns, mit ihren goldenen Kuppeln und hohen Minarets, die von der Sonne herrlich beleuchtet waren. [...] Märchenhaft war das Bild, welches das Auge nicht sogleich zu fassen vermochte. [...] Der Kontrast, den das glänzende Panorama Konstantinopels, dessen Schönheit und fesselnde Fremdartigkeit, zu dem Chaos von Schmutz und der widerwärtigen Unordnung der inneren Stadt aufweist, findet auf dem ganzen Erdenrund kaum seinesgleichen. Wenn auch in den letzten jahren, besonders in den europäischen Stadtteilen, anlässlich des Besuches unseres Kaisers, da ganze Häuserreihen niedergelegt und neu aufgebaut wurden, viel zur Erneuerung der Stadt nach europäischem Muster geschehen ist, so zeigt sich doch neben den Bildern fortschreitender Kultur, die fast ausschliesslich Europäern zu danken ist, so viel Schlendrian der berüchtigten türkischen Verwaltung, dass man sich über die, infolge derselben zu Tage tretenden Zeichen eines täglich zunehemnden Verfalles kaum verwundern kann. Alles ist und bleibt sich slebst überlassen, was fällt, das fällt, und was halten will, das hält. Man werfe nur einen Blick auf die Hauptstrasse des Europäer-Viertels, die Grande rue de Pera: leere Wagen versperren den Verkehr; es ist dies zwar verboten, allein die Kutscher, welche dem bestehenden Reglement gemäss dafür verantwortlich zu machen und zu bestrafen wären, wissen nur zu gut, dass sie eine Anzeige nicht zu befürchten haben. Lassen sich ja Orange der Stadtverwaltung blicken, ist es diesen augenscheinlich mehr darum zu thun, von den Straffälligen einen direkt in ihre Tasche fliessenden Backschisch zu erhalten... [...]

Die Polizei ist beispiellos nachlässig. Darum nimmt die Unsicherheit in der Stadt in erschreckender Weise zu, und man möchte der vox populi Recht geben, welche sagt: Wenn die Polizei nicht vom Staate bezahlt werden, so lassen sie sich von Räubern und Spitzbuben bezahlen! Vor jedem grösseren Geschäfte sieht man Haufen von Müssiggängern herumlungern, unter denen viele den Vorübergehenden die Taschen plündern. Die Polizei steht und geht daneben, ohne einzugreifen... [...]

Der lebhafteste Verkehr herrscht auf der neuen Brücke, welche Galata-Pera mit Stambul verbindet. Grossartig ist der Blick von dort aus auf das Häusermeer der drei Stadtteile, auf das von Masten wimmelnde und von unzähligen kleinen Barken und Schiffen belebte goldene Horn, auf die Wasserfläche des in das Marmarameer sich ergiessende Bosporus. "

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