Kampf ums Essen in französischen Dorf

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...kam ein Soldat meiner Corporalschaft hastig auf mich zugelaufen und flüsterte mir die Worte ins Ohr: "Herr Unterofficier, soeben habe ich gesehen, wie das Weibsvolk mehrere große Bröte in aller Eile die Treppe hinauf nach dem Boden getragen hat!" Sofort von der Erde aufspringend, eilte ich dem Gebäude zu und fand die Regentin bereits wieder harmlos in der Küche beschäftigt...

"Freitag, den 12. August. Morgens 5 Uhr abmarschirt im Eilmarsch. - [...] Heute hatten wir zum ersten Male Gelegenheit, unserm Armeecommandeur, Sr: Königl Hoheit Prinz Friedrich Carl zu begegnen, welcher mit seiner Suite vorbeireitend uns ein militärisches "Guten Morgen Braunschweiger!" zurief, und - "Guten Morgen Köngl Hoheit" donnerte unser Gegengruß dem hohen Heerführer zurück! - Ganz erschöpft kamen wir Mittags 1 Uhrin das Dorf Wellrange (deutsch Wellringen) wo ich mit 40 Mann in einem kleinen Gebäude untergebracht wurde. - Hier fand ich außer einem alten Greise welcher die Feldzüge 1813/15 gegen Deutschland mitgemacht, noch noch 2 junge Frauen, wovon die eine die Tochter des Wirths, eine verheirathete Frau, das Regiment im Hause zu führen schien. Da wir, wenn irgend möglich von den Quartierwirthen verpflegt werden sollten, so ersuchte ich meinen Wirth, resp: deßen Tochter ganz höflich, uns wenigstens das Nothwendigste herbeizuschaffen um den Hunger zu stillen. Wiederholt wurde mir aber unter Thränen versichert, daß weder Brot oder Fleisch noch Speck im hause wäre und die Familie zu arm sei um etwas zu kaufen. - Die Soldaten meinten jedoch kopfschüttelnd, die Sache wäre so schlimm nicht und ordentlich nachgesucht, würde man vielleicht schon versteckte Lebensmittel entdecken. - Das hinterlistige, scheinheilige Franzosenvolk noch nicht kennend, schenkte ich diesen mit heiligen Schwüren betheuerten Worten Glauben und empfing die Rationen an Fleisch und Victualien von dem Fourier der Compagnie, worauf im garten Feuer angemacht, in zwei großen eisernen Töpfen gemeinschaftlich gekocht wurde u. dann Jeder seine ihm zugetheilte Portion mit beßtem Appetite verzehrte. - Als wir, fast sämmtlich im Freien an der Erde sitzend, unser frugales Mittagsmahl verspeist hatten, kam ein Soldat meiner Corporalschaft hastig auf mich zugelaufen und flüsterte mir die Worte ins Ohr: "Herr Unterofficier, soeben habe ich gesehen, wie das Weibsvolk mehrere große Bröte in aller Eile die Treppe hinauf nach dem Boden getragen hat!" Sofort von der Erde aufspringend, eilte ich dem Gebäude zu und fand die Regentin bereits wieder harmlos in der Küche beschäftigt. Ich sagte ihr nun, was mir der Soldat soeben gemeldet, forderte sie auf, die Wahrheit zu gestehen und wenigstens etwas Brot herzugeben, da wir seit einigen Tagen schon nichts erhalten hätten. Als dieses freche Weib trotzdem dabei blieb, daß auch nicht das Geringste derart im Hause sei, stellte ich einen Posten an den Aufgang zum Boden, ging zu meinem Zugführer um ihm die Sachlage vorzustellen und mir Verhaltungsmaßregeln zu erbitten. Es wurde mir der Bescheid, Haussuchung anzustellen und falls die Leute sich dennoch weigern würden, gutwillig etwas herzugeben, was irgend zu finden sei an mich zu nehmen und gleichmäßig an die Soldaten zu vertheilen. Nachdem ich die Frau Wirthin hiervon in Kenntniß gesetzt, und alle meine Warnungen und Drohungen an dem Eigensinn derselben scheiterten, bestimmte ich mehre Leute meiner Corporalschaft, welche an verschiedenen Stellen des Hauses, im Keller sowohl als auf dem Boden gründliche Nachsuchung vornahmen. Es dauerte auch gar nicht lange, als bereits 2 Mann mit 4 großen radförmigen Weizenbröten angeschleppt kamen, andere fanden auch etwas Speck; welches ich nun ungeachtet des von den Frauenzimmern erhobenen Zetergeschreis, gleichmäßig vertheilte. - Die Nacht brachte ich auf einer mit Schilf bedeckten Bodenkammer zu und konnte des ungesunden Dienstes wegen fast gar nicht schlafen."

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