20. Juli 1944

Texte aus den Jahren
1975 - 1979


Zu diesem Thema lagert 1 Tagebuch aus dieser Zeit in unserem Archiv.


Tagebucheintrag vom 20. Juli 1978

Ein ehemaliger deutscher Soldat schreibt im Alter von 75 Jahren einen ausführlichen Tagebucheintrag zum Thema "20. Juli 1944". Darin schildert er sehr ausführlich, wie er und sein militärisches und geistliches Umfeld damals über das Attentat dachten. Heute sind einige dieser Gedanken kaum nachzuvollziehen. Da sie aber - trotz der nachträglichen Niederschrift - authentisch zu sein scheinen, sie von daher einen authentischen Einblick in die Gedankenwelt von einem Teil der damaligen Bevölkerung geben, möchten wir die Erinnerung zu großen Teilen hier veröffentlichen.
"Der zwanzigste Juli 1944!
Ich war zu dieser Zeit Lehrer an der Heeresfachschule in Benediktbeuren (bekannt durch Goethes „Italienische Reise“ und Carl Orff's „Carmina Banana“)
Hier hörte ich von dem Attentat auf Hitler, Dise Tat ließ alle Welt aufhorchen, z. Teil auch aufatmen. Im Kloster glaubten die Mönche an eine Fügung Gottes. Bald aber hörten wir auch im Radio von den Todesurteilen in Berlin. Hierüber gab es nun im Kloster heftige Diskussionen. Zunächst stritten wir uns mit unserem Lehrgangsleiter (Jurist) über die Heiligkeit des Eides, über den Schwur. Wir alle hatten geschworen, waren auf Adolf Hitler vereidigt worden, alle Soldaten - und die Attentäter! -
Wir hielten also alle das harte Urteil für gerecht. - Was uns aber besonders erregte war die Tatsache, daß die Täter nicht aus den Reihen der bisher bekannten gegner kamen. (z.B. die Juden, Marxisten, Kommunisten, Zeugen Jehovas, Freimaurer oder Kath. Geistliche usw.).

In geistreicher Art hatte unser Lehrer - wie schon öfter - auch an diesem Abend zum Glas Rotwein eingeladen. Irgendwie kam die Rede auf Christus u. seinem Verräter Judas. Die Zahl der Anhänger an die beiden Stifter neuer u. revolutionärer Ideen war zunächst gering. Aber es wurden nach u nach immer mehr. Gleichzeitig wurde auch die Zahl der Gegener immer größer. Wer waren eigentlich die Gegner?, wurde gefragt. Na ja, bei Christus waren es bekanntlich die Hohenpriester u. Schriftgelehrten u. die Pharisäer, also die geistliche u. politischen Führer, die sich durch die neue Lehre verdrängt sahen... [...] Ein anderer Fragte: er könne sich nicht denken, das die Geschichte vom Verrat des Judas, so wie sie uns im N.T. erzählt wird, wahr sein könne. Denn wenn es so wäre, wie geschrieben steht, dann wäre Gott nicht ein Gott u. Christus nicht der Erlöser. Ein Christus, der seine Botschaft auf Verrat aufbaut, der bewußt einen lieben Freund u. Anhänger zum Verrat treibt u. in Selbstmord enden läßt, ist kein Heiland der Welt, kein Religionstifter.
Der Abt war anderer Meinung! Aber - so unterbrachen wir ihn - Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für die neuen Ideen. - Genau so ist es doch heute im Juli 1944: Die neuen Ideen von Freiheit u. Ehre, von der Reinerhaltung des Blutes vom heiligen Boden als Lebensraum u. von den vielen Ideen unserer völkischer Dichter, Denker u. Philosophen, sie alle sind so revolutionär im bisherigem Denken des deutschen Volkes wie die seinerzeitigen Ideen eines Jesus v. Nazareth. Sie mußten auf Widerstand u. Widersprcuh stoßen.
Unser Lehrgangsleiter kam dann wieder auf das Urteil gegen Oberst v. Stauffenberg u. a. zu sprechen. Er als Jurist hielt es für gerecht: „Hochverrat u. versuchter Mord am Staatsoberhaupt im Kriege ist das schlimmste Verbrechen gegen das Deutsche Volk!“
Einer fragte den Abt: „Was wäre geworden, wenn Pilatus statt Barnabas den Jesus frei gegeben hätte?“ Seine Antwort war sehr interessant: „Dann wäre wahrscheinlich die Idee Jesu verpufft. Nur durch seinen Tod bekam sie Leben. - Sehen Sie, u. das ist auch der Grund, warum ich als Christ an die Fügung Gottes denke, wenn Adolf Hitler unversehrt blieb. - Den - so fuhr er fort - was wäre geworden, so fragte ich auch Sie, wenn er getötet worden wäre, also wenn das Attentat gelungen wäre? - Ich will es Ihnen sagen: Die neue Weltanschauung hätte Ihren Märtyrer! Der Nationalsozialismus würde an die Stelle des Christentums treten. und würde es verdrängen!“ So sprach er. -
Und so war jeder im Raume dankbar auf seine Art u. Weise für den Mißerfolg des Attentates vom 20. Juli 1944. Heute - rückschauend - sehe ich die Sache ganz anders!
1. Die Männer um Oberst Graf von Stauffenberg waren - feige! Ja, feige; insofern waren sie feige, als sie nicht - wie jeder Soldat - ihr Leben eingesetzt haben für die beschlossene u. entscheidende Sache. Wenn sie Hitler beseitigen wollten, um das Vaterland zu retten, dann müßte der Oberst die Pistole auf Hitler richten u ihn Auge in Auge erschießen. Die andern Offiziere mußten gleichzeitig Hitlers Adjutanten u. SS-Offiziere erledigen
2. Warum es nicht so geschah, sondern mit dem vielen Risiken (Bombe geht nicht los usw) ist mir unverständlich. Denn geht die Sache schief, sind wir verloren! Diese Konsequenz mußte zu dem Entschluß führen, Hitler mit der Pistole zu erschießen. Aber - wie wir wissen - ging es schief u. die Männer waren verloren. Sie wurden erschossen. Sind sie Helden?
3. Wenn das Attentat gelungen wäre, (u. es wäre mit der Pistole gelungen) dann hätte die Geschichte einen ganz anderen Verlauf genommen. Man kann natürlich nur Kalkulieren:
a) Stalingrad wäre der 6. Armee erspart geblieben, denn der Krieg wäre wohl nach dem Attentat beendet worden, u. zwar
b) beendet worden so oder so. Vielleicht mit einer Revolution durch die alten Parteigenossen zusammen mit der SS.
c) Vielleicht durch eine Besetzung des Reiches durch die Alliierten. Dann aber hatten sie nicht den Vorwand, sie htätten das Gebiet mit Blut erobert, wie geschehen ist.
d) Dann gäbe es wahrscheinlich keine DDR. u. keine Berliner Mauer.
e) vielleicht - - usw.
4. Ob der Abt im Koster benediktbeuren recht behalten hätte? Ich meine, ob Hitler zum Märtyrer u. später zum Mythos geworden wäre, glaube ich nicht. Die Zeiten sind vorbei, in denen man für sowas noch Sinn hätte. Heute gibt es Begriffe wie z.B. Helden, Vaterland, Soldatentod, Waffendienst gleich Ehrendienst usw. nicht mehr. Warum also Märtyrer?
5. Durch das Mißlignen des Attentates waren viele Christen beider Konfissionen unsicher geworden. War es ein Wunder? Hat Gott ihn beschützt? Ist er ein von Gott gesandter Prophet? - Ja, solche Fragen gingen um u. wurden in den Kirchen vielerorts auch positiv beantwortet. Und in jeden Gottesdienst wurde Gebetet für den Führer u. für seine wunderbare Errettung.
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Dieses Thema steht im Zusammenhang mit den Themen:  20. Juli 1944 (1939-1945), Adolf Hitler (1929-1932), Adolf Hitler (1933-1938) und Adolf Hitler (1939-1945)