Kriegsgräuel

Kriegsverbrechen, Massaker,...

Texte aus den Jahren
1950 - 1959


Kriegsgräuel - Glaserhau 1944 (Slowakei)
Ein Schüler schreibt Anfang der 1950er Jahre (vermutlich im Jahr 1951) wohl im Rahmen eines Schulprojektes seine eindringlichsten Kriegserinnerungen nieder. Der Autor stammt aus Glaserhau in der Slowakei und hat dort als Kind das Massaker an deutschen Zivilisten miterleben müssen. Die Gräuel ereigneten sich am 21. September 1944 und wurden von slowakischen Partisanen ausgeübt. Zu diesem Massaker gibt es viele Informationen im Netz, u.a. einen eigenen Wikipedia-Artikel.


Die letzten Wochen in der Heimat



Wenn einer vor 1944 durch die Slowakei gereist wäre, hätte es sein können, daß er auf Dörfer mit deutscher Kultur und deutschen Menschen gestoßen wäre. Die Entstehung der deutschen Volksgruppe in der Slowakei beruhte zum geringen Teil auf Resten quadischer und karolingischer Siedlungen aus vormagyarischer Zeit, hauptsächlich jedoch auf Zuwanderungen, veranlaßt durch Aufforderung ungarischer Könige. Durch Urkunden ist die mit dem 11. Jahrhundert beginnende geregelte deutsche Kolonisation nachweisbar. Im Laufe ihrer achthundertjährigen Geschichte haben diese Deutschen sich das unbestrittene Verdienst erworben, das Kulturgefälle zwischen Mittel- und Südosteuropa wesentlich verringert zu haben. Durch Fleiß und Geschick hatten sich die Deutschen die Achtung ihrer slowakischen Umgebung erworben. Nie jedoch haben sie ihren Vorsprung auf vielen Gebieten zu herrschsüchtigen Zwecken mißbraucht. In Frieden und Eintracht lebten Deutsche und Slowaken nebeneinander, bis ein imperialistisches Machtwort im Sinne des Panslawismus dieses enge Band zerriß.

Geht man, von der Quelle des Turezflusses an gerechnet, drei Stunden am Ufer dieses Wassers entlang, so kommt man in das deutsche Dorf Glaserhau. Hier liegt der Bauernhof meiner Eltern. Diese deutsche Siedlung liegt im Herzen der Slowakei. Es ist ein herrlicher Anblick, wenn morgens die Sonne über den bewaldeten Bergkuppen aufsteigt. Man schreibt den 1. Januar 1944. Eine tiefe Schneedecke ist über die Erde ausgebreitet. Hier und da sieht man Leute der Kirche zueilen. Eine schwere Sorge spricht aus diesen biederen Menschengesichertn. Nun ist die Gemeinde in der Kirche versammelt. Der Priester spricht von der Kanzel herab. Er drückt die Hoffnung aus, daß unser Ort von dem Schrecken des Krieges bewahrt bleiben möge. Die Stille wird zeitweilig vom Schluchzen der Frauen und Mädchen unterbrochen. Dunkel liegt die Zukunft auf den Gemütern. Nach der Messe ergießt sich ein Menschenstrom auf den Vorplatz der Kirche. Die Masse löst sich in einzelne Gruppen auf. Überall hört man von der herannahenden Ostfront sprechen. Von Sonntag zu Sontag werden diese Gespräche düsterer. Nun kommen auch noch Gerüchte von Partisanen auf. Wenn ich allein bin und über solche Reden nachsinne, überläuft mich doch manchmal ein kalter Schauer. Im Geiste sehe ich mich mit herausgeschnittener Zunge und abgeschnittener Nase herumlaufen. Daß das nicht das schönste Gefühl ist, kann man sich ja ganz gut denken. Noch vertraut man auf die slowakische Wehrmacht. Der Verrat des Oberkommandierenden der slowakischen Wehrmacht, Catlos, zerbricht jede Hoffnung.

Einnahme unseres Dorfes durch die Partisanen.

Die Partisanen breiten sich in der Slowakei immer weiter aus. Einige Nachbardörfer haben sie schon eingenommen. Der erste September 1944 ist ein wunderbarer Tag. Wir sind gerade beim Mittagessen, als zwei Omnibusse an unserem Hause vorbeifahren. Sie sind vollbesetzt von slowakischem Militär. Richtiger gesagt, von früheren slowakischen Soldaten. Die Schüsse, die nun fallen, belehren uns, daß es nur partisanen sein können. Die Feigen, bis an die Zähne bewaffneten, gegen Wehrlose aber grausamen Banditen haben unser Dorf besetzt. Ihre drohenden Waffen lassen eine etwaige Gegenwehr gar nicht aufkommen. Alle Waffen müssen an sie abgegeben werden. Radioapparate, Photoapparate und Fernrohre kommen als nächstes dran. Alles Übrige nehmen sich die Banditen schon nach und nach selbst. Im Gegensatz zu ihren Taten sind ihre Reden, in denen sie sich als "Befreier" hinstellen. Nun, sie haben uns fast von allem befreit. Alels das ist die Folge von fanatischen Hetzreden.

Unsere Väter müssen Schützengräben bauen.

Der Bürgermeister muß austrommeln lassen, daß sich jeder arbeitsfähige Mann zum Schützengräbenbau stellen soll. Man kann nichts dagegen tun. Es wäre Torheit diese Banditen zu reizen. So finden sich fast alle Männer zum Stellungsbau ein. Die Bauarbeiten gehen friedlich ab.

Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Nach diesem Sprichwort handeln auch wir. Wir haben eine kleine Sammlung von Büchern. Darunter auch solche, politischer Art. Meine Mutter läßst uns keine Ruhe diese Bücher zu verbrennen oder wenigstens zu verstecken. Um die Mutter zu beruhigen und weil es ja auch gefährlcih ist, Bücher wie, Hitler: "Mein Kampf", zu besitzen, verbergen wir sie in dem Hühnerstall. Dort wird kein Mensch Bücher vermuten. Jetzt sollte eigentlich alles für unsere Sicherheit getan sein. Die Partisanen werden wieder abziehen, und alles wird wieder gut werden. Leider sollte es ganz anders kommen.

Bestie Mensch.

Die Schatten der Nacht vom 20. - 21.09.1944 liegen über unserem Dorf. Für ein paar kurze Stunden haben die aufgerüttelten Nerven Ruhe gefunden. Oh, wenn wir doch Hellseher wären! So vieles würde ungeschehen bleiben. Zwei hallende Schläge klingen von der Kirchenuhr. Nun ist wieder alles ruhig. Plötzlich werden wir durch ein Dröhnen an der Haustür geweckt. Mein Vater geht öffnen. Zwei partisanen betreten unser Haus. "Mann mitkommen, Stellung bauen!" Ein beängstigendes Gefühl ergreift uns alle. Es ist befremdend, jemand mitten in der Nacht jemand zum Grabenbau abzuholen. Das Weinen mit Mühe verbeißend und mit zitternden Händen packt die Mutter das Essen für den Vater ein. Dieser sprich beruhigende Worte zu ihr. Ratlos sehe ich zu. Dann verlassen die beiden mit dem Vater das Haus. Mutter kann sich nicht mehr länger halten. Laut aufweinend bricht sie zusammen. Der Partisane betritt noch einmal das Haus. Mit seiner kalten Stimme befiehlt er uns, daß wir ruhig sein sollen. Der Mensch muß Nerven wie Drahtseile haben. Jetzt kommt auch noch die Nachbarin ins Haus gestürzt. Auch über ihre wangen rollen Tränen. "Georg soll sich verstecken, die Partisanen holen die Männer aus den Betten und nehmen sie mit! Meinen Matthias haben sie auch weggeholt!" Wir brauchen gar nicht zu antworten; denn sie sieht ja selbst, daß ihre Warnung bereits zu spät kommt. Nur langsam erholen wir uns. Wenn ein Vater über uns wacht, kann nichts Schlimmes passieren. Am Schlaf ist nicht mehr zu denken. Vereint mit der Nachbarin sitzen wir in der Küche. Es ist ganz still. Eine dunkle Ahnung bedrückt uns alle. Sie kann nicht wahr werden, es wäre zu schrecklich. Im Osten wird es endlich langsam hell. Die Minuten sind länger noch als sonst die Stunden. Die aufgehende Sonne findet einen klaren blauen Himmel vor. Dann werden die Männer unter schwerer Bewachung zum Bahnhof geführt. Frauen und Kinder begleiten den Zug. Vor dem Bahnhof wollen die Banditen die Frauen und Kinder zurückhalten, aber der Riegel wird bald trotz der drohend aufgepflanzten gewehre und der Handgranaten durchbrochen. Die Männer müssen in Lastwaggons einsteigen. Die Türen werden geschlossen und so verläßt der Zug den Bahnhof. Die Mütter und Kinder gehen mit einem Angstgefühl wieder zurück nach Hause. Werden die abgeführten tatsächlich nur Schützengräben bauen, oder....? Auch an diesem Nachmittag weiden mein Freund, mein Bruder und ich die noch übrig gebliebenen Kühe und Schafe. Es ist ungefähr nachmittags zwei uhr, als einige MG's zu rattenr anfangen. So außergewöhnlich ist das in dieser Zeit gar nicht. Aber heute sehen wir überall eine Gefahr. Es ist aber noch schlimmer als wir je gedacht hätten. Unseren umherschweifenden Augen können die Menschengruppen, die mit Bündlen auf dem Rücken querfeldein eilen, nicht entgehen. In einer dieser Gruppen erkennen wir unsere Angehörigen. Was ist denn eigentlich los? Diese Frage ist bald geklärt. Daß es nichts Gutes ist, sieht man den Menschen schon von weitem an. Eine Frau ruft uns zu: "Treibt das Vieh so schnell ihr könnt in den Wald, man hat die Männer erschossen, es ist alles aus!" Wir können es nicht fassen. Es ist unglaublich. Die Männer erschossen? Also auch der Vater tot. Das kann nicht wahr sein. Und doch ist es wahr. Der Pfarrer hat die schreckliche Kunde als erster ins Dorf gebracht. Seine Hand war durchschossen. Weiß wie Kreide sah er mehr wie ein Toter als wie ein Lebender aus. So erzählt man uns. Nun ist wirklich alles aus. Was sollen wir tun? Die Toten im Friedhof können nichts mehr hören. Wie haben die es doch so gut. Was wird aus uns noch werden? Mein ganzer Körper zittert. Ich kann an gar ncihts mehr denken. Mein Kopf brummt wie ein Motor. Mechanisch renne ich hinter dem Vieh her. Dann nimmt uns das schützende Dunkel des Waldes auf.

Verborgen.

In den großen Wäldern meiner heimatlichen Berge finden wir zwei Tage und zwei Nächte ien sicheres Versteck. Der Himmel hat sich allmählich bewölkt. Es regnet dünn. Die breiten Baumkronen schützen uns vor der Nässe. Nur kalt ist es, erbärmlich kalt. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß uns eine streifende Partroille der Banditen finden wird. Dazu ist der Wald viel zu groß und zu dicht. Wie lange soll das aber so weitergehen. Milch haben wir ja genug, da wir die Kühe bei uns haben. aber andere Lebensmittel fehlen. Die Eltern konnten in der Eile nicht viel mitnehmen. Man hört kein lautes Klagen. Jeder trägt seine Trauer still mit sich. Das ist aber schlimmer als wenn die Menschen laut weinen würden. Man ist erschüttert, wenn man überall diese leidenden Gesichter sieht. In diesen letzten Tagen hat so mancher das Lachen verlernt.

Das Wiedersehen.

Es hilft alles nichts, wir müssen nach Hause. Der Hunger treibt uns aus unserem Versteck. Wir drei, mein Bruder, mein Freund und ich treten als erste den Rückweg an. Vorsichtig schleichen wir durch den Wald. Umso lange wie möglich in diesem zu bleiben, müssen wir große Umwege machen. Ich verlasse mich ganz auf meinen Bruder. Er ist drei Jahre älter als ich und mag daher sehen, wie wir gut in unseren Hof hineingelangen. Nun müssen wir über freies Gelände. Aber endlich ist es geschafft. Wir betreten unsere Küche und bleiben erstarrt stehen. Wie aus weißem Marmor gehauen stehenw ir in der geöffneten Türe. Ist der Mann, den wir da vor uns sehen unser Vater oder ein Geist. Aber ejtzt stürzen wir auf ihn zu. Keiner von uns kann ein Wort sprechen. Der Vater lebt. Das genügt uns vollkommen. Eine zertrümmerte Welt entsteht wieder mit einem Schlag vor unseren Augen. Mag nun alles wirtschaftliche Gut hin sein, die Hauptsache ist, daß der Vater lebt. Nun kommt auch die Mutter. Oh, was gibt das für ein Wiedersehen. Wir haben uns so viel zu sagen, aber finden die Zeit nicht dazu; denn draußen auf der Straße marschiert der Tot in Gestallt eines jeden Partisanen auf und ab. Der Vater muß sich so schnell wie möglich in der Scheune verstecken. Höchste Eile ist geboten. Kaum ist er in der Scheuen, als drei Partisanen die Küche betreten. Sie müssen gemerkt haben, daß hier Leute sind. Die Mutter soll ihnen Eier kochen. Wenn die den Vater gefunden hätten? Dem Blutbat am 21.09.1944 von Glaserhau sind 187 Männer zum Opfer gefallen. Unschuldig und wehrlos haben sie den Tod gefunden. In einer Gedächtnisfeier 1949 in Schwäbisch=Gmünd erklärte unser Dorfpfarrer, Pöß, der auch dem Blutbad entkommen war: "Wir gedenken der Toten nicht im Gefühle der Rache, sondern der Liebe. Ihr Opfer hat nur dann einen Sinn, wenn die Menschen in Liebe zueinander finden; denn nur die Liebe zu Gott und den Menschen kann ähnliche Verbrechenin der Zukunft verhindern. Wir denken in Liebe an unsere Toten, die stille Wächter unserer lieben Heimat sind, in die wir, wenn Gott es will, wieder zurückkehren wollen!"

Ein gefährliches Abenteuer.

In der Wohnung ist es zu unsicher. Deshalb ziehen wir mit einigen Nachbarn in unseren Keller. Der Keller ist in die Erde gegraben und besteht aus dicken Betonmauern mit einer starken und gut verschließbaren Tür. Hier ist man viel sicherer als im Wohnhaus. Über dem Keller ist unsere Werkstatt. Eines Tages sitze ich und mein Bruder gerade beim Essen, als zwei Freunde gelaufen kommen. Sie riefen: "Kommt schnell it, jetzt fangen sie auch uns!" Josef, das ist mein Bruder, und ich gleich mit ihnen los. Die Partisanen haben höchstwahrscheinlich die beiden laufen sehen, und kommen gleich nach. So schnell wie damals bin ich noch nie über zwei Zäune gekrochen. Als ich mich einmal kurz umsehe, biegt gerade ein Partisan mit der MP in der Hand um die Ecke unserer Werkstatt. Wir verschwinden schnell hinter der Nachbarscheune. Man stelle sich aber unser Entsetzen vor, als uns plötzlich ein "Stoy!" entgegen gerufen wird. Mir klingt dieser Ruf wie die Posaune des letzten Gerichts in den Ohren. Einer von uns kann noch blitzschnell entkommen. Wir anderen drei bleiben wir angewachsen stehen. Das Gewehr zwischen zwei Staketen aufgelehnt, mit erhobener Hand steht ein Bandit vor uns. Dann kommen mehree hinzu. Ein Partisan stößt meinem Bruder mit der MP auf den Arm und fragt. "Wo Vater?" Haben diese Bestien denn noch nicht genug? Menschen sind es in meinen Augen nicht. Die Stimme meines Bruders zittert etwas bei der Antwort: "Ihr habt ihn ja erschossen, wo wird er denn sein!" Ich schlottere wie ein Schiffswrack. Na, denke ich, jetzt bist du dran, dein letztes Stündchen hat geschlagen. Aber diese Hunde sind etwas enttäuscht, daß sie nur solche jungen Knaben vor sich haben. Sie können ihren Bluthunger nicht stillen. Einer von ihnen geht noch in unsere Werkstatt. Er glaubt, daß wir von dort herausgelaufen sind. Unterdes wollt emein Vater eine Zigarette rauchen udn ist deshalb in die Werkstatt gegangen. Als er nun den Banditen auf die Werkstatt zukommen sieht, kriecht er schnell in den Backofen. Der Partisan verläßt, nach dem er nichts bemerkt hat, die Werkstatt. Wir wissen gar nicht, daß mein Vater dort drinnen ist.

Ich fahre den Partisanen Essen zur Front.

Die Deutschen rücken immer näher. Das Dröhnen der Kanonen wird immer vernehmlicher. Eines Tages kommt ein slowakischer Feldwebel in unseren Hof. Ich muß mit unserem letzten Pferd de Partisanen Essen zur Front bringen. Unterwegs lassen sie halten und füllen ihre Feldflaschen mit Likör, Schnaps und Wein aus den Gasthäusern. Auf freiem Feld wird wieder gehalten. Sie nehmen sich von dem besten Fleisch aus dem Kessel und bieten auch mir ein Stück an. Ich schlage es aber ab. Als mir aber eine Feldflasche mit Likör gereicht wird, kann ich der Neugierde doch nicht widerstehen. Und wirklcih schmeckt er ganz gut. Die Partisanen lachen und sagen nur immer: "Janko pitj!" (Jankotrink) Nachdem wir später an der Front alles abgeladen haben, muß ich allein nach Hause fahren. Es wird schon dunkel. Um acht Uhr ist Sperrstunde und es kann schon neun oder halbzehn sein. Noch immer bin ich auf freiem Feld. Ein nach ziemlich junger Partisan kommt auf mich zu und setzt sich auf den Wagen. Mir ist es doch ein wenig unbehaglich zumute. Als er mir aber das Gewehr zum halten gibt und selbst fährt, atme ich wieder freier. Er scheint noch nicht viel mit Pferden gefahren zu sein. Vor dem Dorf springt er ab und ich fahre allein weiter. Jetzt geht mir auch noch eine Strenge los. Runter vom Wagen komme ich ganz gut, hinauf aber bedeutend schlechter. Ich fühle wie Mörike sagt, ein wunderliches Summen und Klingen im Kopf aber statt in den Ohren. Der Likör hat mich bedeutend mutiger gemacht. nun werde ich auch noch von Banditen angehalten. Jetzt heißt es meine slowakischen Sprachkenntnisse auskramen. Endlich bringe ich doch den Satz zusammen: "Tam horre Voyazi Minasch", das soviel wie, "da draußen Soldaten Essen", bedeutet. Er versteht anscheinend die Bedeutung dieses Satzes nicht und fragt noch einmal. Ich kann ihm, da ich keiner besseren weiß, nur wieder den selben Satz herleiern. Er schüttelt nur mit dem Kopf, läßt mich aber fahren. Ich freue mich königlich über mein perfektes Slowakisch. Während dieser Zeit läuft meine Mutter im ganzen Dorf herum und fragt nach mir. Müde komme ich zu Hause an. Im Keller falle ich gleich auf das ausgebreitete Stoh und schlafe fest ein.

Vom Kriegsgericht verurteilt.

Wieder dröhnt die Trommel. Der Klang, der einem früher nichts ausmachte, klingt nun schauerlich in den Ohren. Man zuckt bei dem Ton unwillkürlich zusammen. Was wird es denn jetzt wieder geben. Nun ruft der Trommler: "Ein Freiheitskämpfer, der vom Kriegsgericht verurteilt wurde, wird um... Uhr erschossen. Wer zusehen möchte, möge zu der Wiese bei ... hingehen. Auch mich treibt die neugierde hin. Meine Mutter will mich nicht gehen lassen. Ich rücke ihr aus. Der Verurteilte wird auf den Platz gebracht. Ein slowakischer Offizier hält eine Ansprache, von der ich aber nichts verstehe. Wie ich nachher hörte, spricht er von der Kameradschaft der Slowaken mit uns Deutschen. Wie zum Hohn klingen diese Worte nach dem Massenmord. Nachdem der Offizier die Rede beendet hat, gibt der Offizier die Befehle, die in deutsch übersetzt lauten: "Fertigmachen! Anlegen! ...." Der Partisan dreht sich um Dafür muß er eine Ohrfeige und einen Fußtritt einstecken. Und wieder ertönt das Kommando: "Fertigmachen! Anlegen! Feuer!" Die Gewehre krachen. Der Verbrecher wischt sich mit den Händen über das Gesicht als ob er sich den Schweiß abwischen möchte. Langsam sinkt er in die Knie und dreht sich beim Fall halbum seine eigene Achse. Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Langsam gehe ich Schritt um Schritt zurück. Der Offizier fängt wieder ganz laut an zu schreien. Blitzschnell drehe ich mich um und laufe was ich laufen kann nach Hause. Zu Hause angekommen atme ich erst wieder auf. Die Knie sind mir doch etwas weich geworden.

Die Befreiung.

Auch das Faustrecht der Slowakei findet sein Ende. Von drei Seiten dringen die Deutschen in dieses kleine Ländchen ein. Slowakische Freiwillige kämpfen für die Befreiung ihres Vaterlandes auf deutscher Seite mit. Am 2. Oktober 1944 wird mein Heimatdorf von den deutschen Truppen eingenommen. Jubelnd werden sie von uns empfangen. Da zuerst nur das Oberdorf von ihnen besetzt wird, ziehen wir zu unseren Verwandten in diesen Teil des Ortes hinauf. Aber noch wehren sich die Partisanen. Sie schießen dauernd mit Kanonen in unseren Ort. Was ist das alles gegen die vergangenen Tage! Dann werden die Partisanen weiter zurückgedrängt. Der Kessel wird immer kleiner. Um uns vor den einzeln umherstreifenden Banditen zu schützen, wird der Heimatschutz geschaffen. Dieser Schutz besteht aus ganz jungen Knaben und alten Männern. Die Blüte der Männer unseres Dorfes gibt es nicht mehr. Man gibt den übriggebliebenen erbitterten Männern Waffen. Für manch einen Partisanen wird das zum Verhängnis. Die Rächer düngen die slowakische Erde noch mehr mit Blut. Ich möchte hier einen Fall von so vielen kurz wiedergeben. Auf einer Brücke treffen ein Deutscher und ein Slowake, der vorher bei den Banditen war, zusammen. Der Deutsche, dessen Bruder man auch erschossen hatte, fordert den anderen zum Stehenbleiben auf. Der Slowake weiß gleich, daß er nicht mit dem Leben davon kommt. DIe Auge des Gegners sagen ihm alles. Er beteuert seine Unschuld. Kann man ihm glauben? Waren unsere Männer nicht auch unschuldig? So ungefähr müssen die Gedanken des Deutschen sein. Ob unschuldig oder nicht, auch hier ist es nur ein kleines Stück Blei, das ein Menschenleben ausschaltet. Ja, in dieser Zeit steckt die Kugel im Land der Westkarpathen locker im Lauf. Ist das noch ein Land mit christlichen Bewohnern? Von Nächstenliebe sieht man nichts mehr. VIelmehr wird nach dem Sprichwort gehandlet. "Auge um Auge und Blut um Blut."

Ein unvergeßlicher Tag.

Es fällt mir schwer, diesen Tag zu beschreiben. Ich kann ihn aber nicht übergehen. Man hatte die Toten wieder aufgegraben und durch das Dorf zum Friedhof gefahren. Dann entschloß man sich aber anders und brachte sie zu einem schönen Platz an einem Waldrand. Hier wurden sie in einem Massengrab beigesetzt. Heute nun soll die Einweihung des Grabes stattfinden. Da es im Herbst ist, wird es schon sehr früh dunkel. Die Bewohner von Glaserhau wandern alle ohne Ausnahme zum Massengrab. Jeder trägt einen oder auch mehrere Kränzen und Kerzen. Deutsche Soldaten umgeebn mit einem weiten Viereck den traurigen Platz. Sie stehen stramm und haben das Gewehr präsentiert. In diesem Viereck versammelt sich die Gemeinde. Der Priester wartet bis er annimmt, daß alle da sind. Die Kerzen werden angezündet. Es ist schon ziemlich dunkel geworden. Über uns gehen die Sterne auf. Wir beten. Nun spricht der Priester. Alles ist ganz still. Hier und da wird dieses Schweigen von einem Schluchzen unterbrochen. Überall rund um mich sehe ich schmerzvolle Gesichtszüge. Die Toten gehören nicht mehr ihren nächsten Angehörigen alleine, sondern sei gehören uns allen. Ich denke an den fünfzehnjärhigen Nachbarssohn, dera uch hier begraben liegt. Wenn die Rede vom erschießen war, hat er immer gesagt: "Ich muß ja nicht gerade dabei sein." Und nun war er doch dabei. Bei den Menschen, die hier versammelt sind, gibt es wahrlich kein Auge das tränenleer ist. Es ist eine erschütternde Szene. Jetzt weiht der Priester das Grab ein. Die Feier wird wieder mit einem Gebet beendigt. Es dauert aber noch sehr lange bis der Platz wieder ganz leer und still daliegt. Ein Tag wie so viele andere ist wieder vergangen. Kein Mensch in der weiten Welt hat geahnt, daß irgendwo in einem Dörfchen mitten in der Slowakei deutsche Menschen ihre Angehörigen beweinen. Unvergeßlich ist dieser Abend in meinen Kopf eingemeißelt. Mit diesem erschütternden Tag möchte ich die furchtbarsten Tage meines Lebens abschließen.
 

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