Nachkriegswirren

Texte aus den Jahren
1946 - 1949



Brief vom 11. Juni 1946 aus Neustedt im Harz nach Berlin

Ein Herr schreibt einer lieben Freundin nach Berlin. In seinem Brief schildert er einen Überfall. Der Herr schreibt den Namen "Ellerich", gemeint ist damit höchstwahrscheinlich die damalige Grenzstadt Ellrich.

"Nun wissen Sie ja, daß Berlin meine Vaterstadt ist. Und dorthin zieht es einen doch wieder zurück trotz Trümmerhaufen und mancher nicht gerade erfreulicher Nebenumstände. Ich kehrte nun wieder um und kam besser über die Grenze als bei meiner Hinreise, die ich, auch „schwarz“ unternahm. Diese Hinreise wird mir lange noch in Erinnerung bleiben, da sie sich sehr dramatisch vollzog und fast tragisch geendet hätte, so man, vielmehr die Freunde, Angehörigen etc., es als Tragik empfunden hätten, wenn ich, dabei meinen edlen Kopf verloren hätte. Die Geschichte hatte folgenden Verlauf: Bei Ellerich wollte ich über die grüne Grenze und schloß mich einem Herrn an, der mit seinem 10 jährigen Söhnchen dieselbe Absicht wie ich hatte. Nebenbei gesagt, hatte ich einen sogenannten Interzonenpaß beantragt, der aber zu lange auf sich warten ließ und den ich heute noch nicht in Händen habe, nach dem ich ca. 8 Wochen auf ihn wartete. Das dauerte mir also zu lange und so ging ich eben ohne Papiere los, da ich dringend in Stuttgart verlangt wurde. Wir wurden im Walde von einem russischen Doppelposten angehalten und vollkommen ausgeplündert. Das heißt, mir wurden Uhr, Trauring, 300 M, Messer, einige Taschentüchter und auch Fourage gestohlen, ebenso meinen Reisegefährten. Dabei fuchtelte mir der freundliche Bandit mit seiner Maschinenpistole fortwährend an Brust und Gesicht herum, so daß ich ihm mit einen Faustschlag das Ding wütend herunterschlug. Er gab mir darauf einen Kinnhacken, durch den ich auf den Waldboden flog. Ich war jedoch sofort wieder auf den Beinen und setzte mich zur Wehr. Da aber das Kräfteverhältnis schon durch den Altersunterschied zu verschieden war, mußte ich den weiteren Kampf aufgeben. Sie forderten nun Vater und Sohn auf vorzugehen, während der eine mich zurückhielt. Ich ahnte aber, daß man mich erledigen wollte. So riß ich mich also bald los und lief hinter den Vorangegangenen her, holte sie bald ein und blieb eng aufgeschlossen bei ihnen. Wenn also die Russen geschossen hätten, wären außer mir auch der Vater mit Söhnchen erledigt worden. Das wollten sie aber nicht, da er sehr zahm war und alles über sich ergehen ließ. So kam auch ich schmuck- und geldlos aus dieser heiklen Affäre. Ich borgte mir dann Geld zusammen und reiste weiter nach Stuttgart, das ich auch arg zerstört wieder sah. Von dort fuhr ich noch nach Würzburg, das mich in seiner Zerstörung, die ganz furchtbar ist, fast elend machte, zu meiner Tochter. Und dann, wie schon zu Anfang erzählt, nach Neustedt und weiter nach Berlin. Nun werde ich Sie also hoffentlich bald wieder sehen und hören."