Besatzung

Texte aus den Jahren
1946 - 1949



Erlebnisbericht der Eroberung und Besatzung Tollnigk in Ostpreußen

Eine junge Frau, Mutter von vier Kindern, entschließt sich während des "Russeneinfalls" sich nicht auf die Flucht zu begeben, sondern in ihrer Heimat zu bleiben. Die Folge davon ist ein zweijähriges Martyrium mit unzähligen Erniedrigungen und den täglichen Kampf ums Überleben. Hoffnung keimt auf, als sie eine Postkarte von ihrem Mann erhält, der den Krieg als Soldat überlebt hat und der sich inzwischen im "Reichsgebiet" aufhält.
Meine Erlebnisse vor und nach dem Russeneinfall, sowie unter polnischer Herrschaft, von Januar 45 bis 6. Januar  47, und die Ausweisung!


"Wir hatten in Tollnigk, Ostpr. einen schönen, 150 Morgen großen Bauernhof, der fast 200 Jahre in der Familie war. Es ging uns, soweit ich seit unserem Hochzeitstag, dem 28.11.39, dort als junge Frau eingezogen war, sehr gut. In der Außen- und Innenwirtschaft klappte es, dank dem Fleiß und der Tüchtigkeit unseres Vatis, tadellos. Wir hatten in den fünf Jahren den Wohlstand noch vermehrt und lebten glücklich und zufrieden. Vier Kinder [...] hatten sich inzwischen eingestellt und machten uns viel Freude. - Jedoch sollte das Glück bald getrübt werden. Es war Krieg; - und nach anfänglichen Siegen deutscherseits folgten bald die Rückschläge und Mitte Januar  1945 hallte unsere ostpreußische 
Heimat vom Donner und Kanonen wieder. Der Russe war auf dem Anmarsch. Unser vati war Soldat, und ich mit meinen vier, die Buben 4 und 3 Jahre, die Mädchen 2 Jahre und 10 Monate alt, alleine auf dem Hof. Die ausländischen Arbeiter waren auch noch da. - das Grauen packte uns, als wir am Radio hörten, daß Allenstein, Wormditt und Guttstadt schon in Feindeshand waren und unsere Heimat, durch einen Vorstoß der Russen bis Elbing, bereits eingekesselt war. Was tun, flüchten? Dazu konnte ich mich nicht entschließen, denn wie hätte ich alleine die kleinen durch die von Flüchtlingen überfüllten Straßen, bei ewa 20° Frost ohne warmes Obdach, lebend hindurch bringen sollen! - Also hatte ich mich entschloßen, zu bleiben. Es war mir nicht wohl dabei, denn die Russen waren durch unsere Propaganda als rohe, verbrecherische Elemente hingestellt worden. (Später haben wir feststellen müssen, daß sie die Propaganda noch weit übertrafen.) Deutsche Soldaten kamen und gingen, arme, abgehetzte Menschen und so manchen habe ich noch gestärkt mit Milch, Brot und Fleisch. Unser Vati war inzwischen verschollen, nun hatte ich noch bei all den ängsten die Sorge um ihn. Immer näher rückte der Feind und wir wußten nicht, sind es noch Tage oder nur Stunden, die uns von ihm trennen. Durch meinen Entschluß nicht zu flüchten, obwohl 2 Wagen fertig gepackt standen, war ich etwas ruhiger geworden und hatte mich ganz meinem Schicksal ergeben. Die Nachbarn hatten sich acuh soweit geeinigt. Nur etwa 5 Familien waren über Nacht geflüchtet. Wir schlachteten noch ein großes Schwein und so hatte ich durch die Arbeit etwas Abwechslung. Die Züge verkehrten nicht mehr. Auf dem Bahnhof stand ein langer Flüchtlingszug aus der Bischofsburger Gegend, der nicht mehr weiter konnte. Die Flüchtlinge kamen zu uns um sich Lebensmittel zu holen, denn ihre vorräte waren aufgezehrt. Später wurden sie bei den Bauern untergebracht und der Zug gesprengt. Dann erhielt ich Nachricht von Vati, seine Truppe sei versprengt worden, er befände sich in Heilsberg und wünschte, ich möchte nach Heilsberg kommen. Sofort machte ich mich auf den Weg. Alexander spannte ein und wir fuhren mit dem Schlitten los. Vati war jedoch nicht anzutreffen und so mußte ich unverrichteter Sache wieder heimfahren. Bei dieser Reise bekam ich einen Vorgeschmack vom Flüchtlingselend. Die Straßen waren brechend voll, dazwischen Militär. Es ging nur im Schritttempo voran. Auf den Straßen in der Stadt sah man abgehetzte Menschen, mit Köfferchen in der Hand hin und her eilen. Auch hier ging kein Zug mehr. Ich war froh, als wir von der chaussee wieder auf den Landweg kamen.  Am nächsten Abend fuhr ein Soldat in den Hof. Ich schenkte ihm keine besondere Beachtung, ich dachte, es ist einer von Vielen, denn sie gingen ja in unserm Hause ein und aus. Plötzlich stand er in der Türe und wie freute ich mich, es war Vati, - doch wie sah er aus, das einst so blühende Gesicht war weiß, fast gelb und die Wangen tief eingefallen. Er war gekommen, um noch in derselben Nacht Abschied von uns zu nehmen. Ob für immer? Wer wußte es! - - -

In der nächsten nacht hatten wir etwa 30 Soldaten bei uns, die sagten: "Wir sind die letzten am Feind. Sie hatten 3 Tage keine Verpflegung mehr gehabt und ich teilte Brot, Milch und Klops unter ihnen aus. Einer von ihnen sagte: "Morgen können sie schon den Russen Milch einschen!" [Sollte wahrscheinlich "Einschenken" heißen] - - unsere Nachbarn kamen  zu mir mit gepackten Koffern und Rucksäcken und sagten: "Wir wollen alle zusammen sterben!" In dieser Nacht (schon Nächte vorher) schlief keiner von uns, denn das Geschieße und Gedröhne war furchtbar. Die Kinder hatte ich in voller Kleidung zu Bett gebracht für den Notfall nur zu packen und hinauszutragen. - Gegen Morgen trat etwas Ruhe ein, die Soldaten zogen ab und nun folgte eine unheimliche Stille. - Die Ruhe vor dem Sturm! -

Ich war gerade beim Mittagessen, als ich unsere Ausländer im vorderen Zimmer mit jemand sprechen hörte. Ich dachte zuerst, es seien einige von den Nachbarn gekommen, denn sie verkehrten ja untereinander. Plötzlich hörte ich feste Schritte auf meine Tür zukommen und im nächsten Augenblick (kamen) standen 2 fremde Soldaten vor mir, beide Pistolen aufmich gerichtet! - -

Ich weiß nicht, was ich den Moment dachte. (Genia sagte mir nachher zuerst wäre ich ganz weiß geworden, dann hätte ich geschwankt und zuletzt gezittert.) Sie verlangten etwas von mir, was ich nicht verstand. Die Polen, die nicht von meiner Seite wichen, sagten: "Sie wollen Uhren, oder sie schießen!" Ich holte eine Armbanduhr und der eine von den Russen rieß sie mir gierig aus der Hand. Dann wurde er freundlicher, jedoch der Andere war noch immer wütend, er forderte ebenfalls eine Uhr und fuchtelte mir mit seiner Pistole vor dem Kopf herum. Als Genia ihm versicherte, daß ich wirklich keine mehr hätte, ließ er von mir ab. Dann verlangten sie zu essen. Sie redeten nun freundlich mit uns und versicherten, wir brauchten keine Angst zu haben, es tut uns niemand was. - Ein Stein fiel mir vom Herzen. (Später wurden wir vom gegenteil belehrt.) Als sie fort wollten, ließen sie mir sagen, cih solle ein Pferd geben, wenn nicht, dann schießen sie alle Pferde im Stall tot. Darauf nahmen sie das beste Pferd und ritten davon. - - -

Mit diesem Tag begann für uns eine schreckliche Zeit. Jeden Tag gingen etwa 20-30 Russen bei uns ein und aus. Jeder von ihnen untersuchte alle Schränke, Schubladen und Betten genau und alles, was ihnen geifelnahmen sie mit, auch Lebensmittel. 30 mal am Tage wurden Schubladen ausgeschüttet, Betten aufs Zimmer geworfen, geraubt und geplündert. Ringsumher brannten die Gehöfte. - Das Schlimmste aber war - jede Frau, ohne Unterschied des alters, wurde vergewaltigt. Dabei wurde, wer sich weigerte, geprügelt, vor die Pistole gestellt, oder auf andere schreckliche Art dazu gezwungen. In vielen Fällen sind Frauen und Mädchen erschossen oder erstochen worden. -

Nach etwa 3 Tagen machten sich unsere Ausländer auf die Heimreise und so blieb ich alleine auf dem Hof. Etwa 8 Tage lang hatte ich das ganze Vieh (10 Milchkühe, 18 Stück Jungvieh, 8 Schweine und Geflügel) zu versorgen und hielt mich tagsüber im Stall auf. Die 10 Pferde waren innerhalb 2 Tagen restlich ausgeraubt worden. Die alte Nachbarin, Frau Schwarz, versorgte meine 4 Kinder. Jeden Morgen standen wir auf mit dem Gedanken: "Wird uns der heutige Tag den Tod bringen?" - Mit seinem leben hatte jeder vollständig abgeschlossen. Nach 8 Tagen kam ein Befehl: "Alles Vieh und Pferde sind abzutreiben und auf eine Sammelstelle zu bringen. Jede familie darf eine Kuh behalten. Wer dem Befehl nicht nachkomt, wird standrechtlich erschossen!" Also trieb ich am nächsten Tag das Vihe, das der Stolz des Hofes war, hinaus; aber ohne Entgelt. - Nach weiteren 2 Tagen wieder ein Befehl: "Alle Gehöfte sind sofort bis auf 200 m im Dorfsumkreis zu verlassen. Wer dem Befehl nicht nachkommt und bei Kontrolle noch auf seinem Hof gefunden wird, wird standrechtlich erschossen." Was tun und wohin? - - Ich ging gleich zu meiner Schwägerin, (Tante Ida) die in unmittelbarer Nähe des Dorfes wohnte um Aufnahme bitten. Sie wurde uns gewährt. Als ich nach Hause ging, sah ich schon aus der Ferne etwa 5 Russenwagen von unserem hofe herunterkommen, und als ich hinkam, standen noch 5 Wagen auf dem Hof. Alle Russen plünderten nach Herzenslust. Draußen hörte ich schon meine Kleinen weinen, sie waren alleine und fürchteten sich. Als ich die Wohnung betrat, bot sich mir ein Bild der Verwürstung, das ich nicht wiedergeben kann. Ich fing dann an, meine nötigsten Sachen zusammenzusuchen, welche mir mindestens ncoh 10 mal auseinanderflogen, bei erneuten Russenbesuchen. Am nächsten Morgen ging es los. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte ein herrenloses Pferd gefangen, und fuhr so eien Familie nach der andern ab. Als wir ins dorf kamen, stellte sich uns ein Pole in den Weg, und gebot: "Halt!" Die jungen Leute, (2 Nachbarstöchter und der Kutscher) mußten absteigen und auf dem nächsten Bauernhof Heu aufladen helfen. Ich durfte beid en Kindern bleiben, die jämmerlich weinten. Nach 3 Stunden durften wir weiterfahren und kamen ohne Hindernisse bei Tante Ida an. Hier haben wir wieder schreckliche Wochen verlebt. Die Russen kamen und gingen und manchen Tag wurde ich 2-3 Mal zum Erschießen aufgestellt. Ganz besonders schlimm war es, als die G.P.U. kam. sie suchte nach Gold und Wäsche und als nichts zu findden war, schlugen sie die alten Frauen, (Idas Mutter u. Tante) sodaß sie aus vielen Wunden bluteten; und das 2 Wochen lang jeden oder jeden zweiten Tag. Wir andern wurden meist alle in eine Reihe zum Erschießen aufgestellt. Sie gaben dann nur Schreckschüsse ab, das konnte man aber vorher nicht wissen. Wir waren schon alle so abgestumpft; wir wünschten uns nur das Eine, sie möchten uns doch endlich totschießen. -

Am 3. März 45 kam der schrecklichste Augenblick meines Lebens. Am Abend kamen 2 Russen von der Kommandantur mit folgenden Befehl: "Alle Frauen und Mädchen von 14-40 Jahre, alle Männer und Jungens von 14-70 Jahre müssen morgen früh, 8 Uhr, mit voller Reiseausrüstung, wetterfester kleidung und Verpflegung für 15 Tage, zwecks Einziehung zum Arbeitsdienst, auf der Kommandantur in Frankenau erscheinen. Wer dem Befehl nicht folgt wird standrechtlich erschossen!" - - -
Es war nicht gesagt wohin oder auf wie lange, das war so ihre Art, Menschen zu quälen.

Die Nacht konnte ich nicht mehr schlafen, mir war, als wären mir alle 4 Kinder zugleich gestorben. Meine Kleinen verstanden wenigstens nichts davon, aber die 4 Mädchen von Tante Ida weintenund schrieen die ganze Nacht: "Mutti bleib hier, geh doch nicht von uns fort!" - Am anderen Morgen nahm ich Abschied; wer wußte, ob nicht für immer? - Ich ging wohl 10mal von einem Kind zum andern das Herz war mir so schwer, doch dann mußte ich mich endlich losreißen. - Frau Schwarz versprach mir, für die Kinder zu sorgen, solange sie könne. So gingen wir dann los Als wir näher ans Dorf herankamen, hörten wir schon das Weinen und Jammern von Frauen und Kindern. fast aus jedem Hause kam eine Mutter, die ihre Kinderschaar zurücklassen mußte. Das ganze Dorf war laut von Weinen und Wehklagen. - Ja, wir waren ein langer, unendlich trauriger Zug. Als wir vr die Kommandantur kamen, ließ man uns erst 5 Stunden draußen stehen. Dann wurden wir einzeln hereingeholt zum Verhör. Zuletzt hieß es dann, Frauen, die Kinder haben, dürfen zurück nach Hause, es sei ein Irrtum unterlaufen. Alle Übrigen wurden weiter verladen und sind heute in Rußland. -

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gekommen bin, ich war am Ende meiner Kraft. Die folgenden Tage lag ich krank zu Bett. Als dann auch unsere letzte Kuh geraubt war und fast alle unsere Vorräte ebenfalls, ging ich, um meine 4 kleinen Kinder am Leben zu erhalten, zu einer russischen Viehwirtschaft, die auf unserem Nachbarhof, Teschner, Tollnigk, eingerichtet worden war; und bat um Milch. R. war erst 10 Monate alt und alle meine Vorräte an Mehl, Zucker, Fleisch und Fett waren restlos weggenommen worden. 
Der Russe sagte zu mir: "Wenn arbeiten, dann auch Miilch geben!" Also ging ich von jetzt ab alle Tage, von früh bis spät arbeiten udn bekam dafür 2-3 l Milch mit nach Hause. -

Durch alle die körperlichen und seelischen Qualen war ich so schwach und elend geworden, daß jeder sagte: "Die stirbt bald!" und eines Tages brach ich im Kuhstall besinnungslos zusammen. Die Frauen trugen mich in die Küche und dachten schon, nun ist es soweit. Doch ich erholte mich wieder. - Es mußte weiter gelebt werden, denn meine Kelinen brauchten mich doch. Als dann wieder G.P.U. ins Dorf zog, holte uns der Kommandant alle auf die Viehwirtschaft, denn die G.P.U. verschleppte viele Frauen und Männer und er fürchtete, keine Arbeiter zu behalten.

Frau Schwarz kam mit uns als "Mutter". Wir bewohnten zu 15 Persnen ein Zimmer und lagen alle nebeneinander auf der Erde. (Bis ich mir später von zu Hause Betten holen durfte.) Auf dem Viehhof ging es einigermaßen. Wir bekamen statt Brot und Kartoffeln auch Milch für die Kinder und waren von Plündern und Vergewaltigen geschützt. Wohl wurden wir deutschen Frauen anfangs in der Nacht heruntergeholt u. mußten großen Trinkgelagen der Offiziere beiwohnen. Später legte sich das. Von früh um 4 Uhr bis Abends um 11 Uhr wurde gearbeitet. Ich sah meine Kinder, außer der kurzen Mittagspause, nur immer schlafen. ostern, und alle Sonntage wurde durchgearbeitet. Zuerst war ich im Kuhstall beim Melken, Füttern und ausmisten. Später beim Dreschen Schnaps kochen, Vieh hüten und zueltzt wieder Schnaps kochen. Jede Arbeit, acuh wenn sie noch so schwer war, z.b. 2 Ctr. Säcke auf den Speicher tragen, mußte von Frauen geleistet werden.
Wir waren zu 16 Frauen dort und trugen unser schweres Los gemeinsam, und darum wurde es etwas leichter. Ich hatte mich wieder ganz gut erholt. - Von der übrigen Welt wußten wir nichts. Es gab keine Zeitungen, kein Radio und auch keine Post. Wir wurden wie Sklavinnen behandelt. Immer und überall brannte die Frage in uns: "Wo ist der Mann? - Wo sind die eltern und wo die anderen Angehörigen?" - -
"Was wird die Zukunft für uns bringen? Soll es ewig so bleiebn?" Man sagte uns immer: "Ihr müßt alle nach Sibirien!" Wenn uns doch manchmal die Vrzweiflung befiel und sie merkten, daß wir auch weinten, dann hieß es nur: "Was weint ihr um Eure Männer, die kommen vor 30 Jahren nicht nach Hause. Wir sind jetzt eure Männer und wenn ihr immerzu weint, werdet ihr erschossen!" Meinen Hof schaut ich immer nur aus der Ferne an. Er lag stolz und schön, aber einsam und verlassen da. Mit keinem Schritt durfte ich hinüber gehen.

Die Möbel aus den Häusern wurden alle mit Lastautos herausgeholt und nach Rußland gebracht.

Schmerzlich war es für mich, als ich auch noch aus meinem hause ein Möbelstück nach dem andern vor meinen Augen abrollen sah. Ich selbst mußte beim Aufladen helfen. Sie sagten dann zu mir, als sie merkten, daß ich traurig war: "Tut dir leid darum? geh zu Hitler, er gibt Dir Neues!" So gingen 7 Monate dahin. Dann hieß es plötzlcih: die Russen ziehen ab und die Polen bekommen das Land! - Unsere Freude war riesengroß. Endlich sollten wir von unsern Bedrückenr befreit werden. Was würde nun kommen? Wir erhofften uns von den Polen bessere Behandlung. Jedoch weit gefehlt! - Die Zivilpolen, besonders aber die Soldaten und die Miliz, trieben es noch ärger als die Russen. -

In der letzten Nacht fing ich an nach Hause zu ziehen. unser Wohnhaus war schrecklich verwüstet und so richtete ich mich im Insthaus nebenan ein. Ich fuhr alles mit einem Kinderwagen herüber, etwa 1 km und gegen Berg und das 6 mal an einem Tage; Betten, Matratzen udn Geschirr, Wannen und was mir sonst geblieben war. Am Abend holte ich die Kinder nach. Unser Abendessen bestand aus trockenem Brot. Lampen hatten wir nicht, ich mußte die Kinder im Dunkeln zur Ruhe legen. Am nächsten Morgen begann ich unser neues Heim etwas gemütlicher zu machen. Aus dem Wohnhaus holte ich mir noch einiges von unter den Trümmern hervor, was ich noch verwenden konnte. Dann ging's auf Nahrungssuche. Mehl und 1/2 Brot hatte ich noch von den Russen bekommen, als Lohn für 7 Monate Arbeit. Aber weiter besaß ich nichts, keine Kartoffeln und kein Gemüse. Ich begann gleich mit dem Kartoffeln einkellern. Das nächste Kartoffelfeld war etwa 2 km von uns entfernt. Es mußte alles mit dem Hauswagen herangeholt werden. Mit 1 1/2 Ctr. gegen berg und das 4-5 mal am Tage, - ich war so erschöpft, daß ich mitunter dachte: "Jetzt schaffst du es nicht mehr!" - Doch die Not trieb voran, der Winter stand vor der Tür und die Kinder mußten erhalten werden, solange es in meiner Kraft stand, mag kosten, was es wolle! - Ich hatte etwa 35 Ctr. zusammen und hätte noch genügend zur Frühjahrssaat gehabt, wenn es nicht anders gekommen wäre. Die Kinder blieben alleine, während ich ausfuhr und oft kam ich zurück und fand wieder alles durcheinander, denn Polen hatten sich inzwischen wieder noch das Beste ausgesucht.

Die Polen zogen umher, zu 20-30, lachend, spottend, plündernd von einem hof zum andern und suchten sich aus, welcher ihnen am Besten gefiel. Dabei konnte sich jeder, auch wenn er kein Bauer war, ein gehöft übernehmen. Er ließ sich auf dem Starostwo (Landratsamt) eintragen und war sofort Eigentümer. Der Gesamte Deutsche Grundbesitz, sowie Möbel, Wäsche und Kleidung und jedes ackergerät war polnisches Staatseigentum geworden. (Auch unsere Lebensmittel) Sie nahmen uns alles weg, mit der größten Selbstverständlichkeit, oft warfen sie es an der nächsten Ecke wieder fort, weil sie damit nichts anzufangen wußten.

Die alten Deutschen, Bauern und in der Stadt die Hausbesitzer wurdne hinausgeprügelt, sie durften sich nicht einmal das Notwendigste mitnehmen. - Wenn es mir manchmal zu schwer wurde, dann suchte ich des Abends meine Geige hervor, die ich noch immer gerettet hatte, und spielte lange für mich alleine; dann wurde mir wieder etwas leichter zu Mute. Jedoch auf die Dauer konnte ich alleine nicht bleiben, denn ich mußte Brot besorgen. Zuerst mit Flegeln dreschen (in unserer Scheune) und dann, wenn das Korn getrocknet war, auf der Schrotmühle bei Bergmanns mit der Hand mahlen gehen. Das nahm viel Zeit in Anspruch und die Kinder wollten nicht mehr alleine bleiben, den meist kommen in meiner Abwesenheit Polen, wildes , schlechtes Gesindel und plünderten und raubten. Meine Kleinen hatten dann große Angst auszustehen.

So packte ich wieder einmal meine Habseligkeiten zusammen und ging zu meiner Nachbarin, Frau Schwarz, die auch alleine auf ihrem Hof (40 Morgen) war, und sich ebenfalls ängstigte. Sie betreute dann die Kinder, während ich Brot und Brennmaterial besorgte. Eines tages kam die Nachricht, Deutsche können freiwillig über ide Oder ins altreich auswandern! -

Nun war ich wieder einmal im Zweifel, was zu tun sei und was wohl das Beste wäre! Wir Frauen gingen an einem Abend zusammen und berieten darüber. Schließlich hatten wir uns dahin geeinigt: "Wir bleiben, wir geben die Heimat noch nicht auf, nciht eher, als bis sie uns mit Peitschen hinaustreiben!" - und dabei blieb es auch. Im Stillen hatte jeder noch die Hoffnung, daß die Polen wieder fortmüßten und wir unsere geliebte Heimat behalten dürften.

Nun kam auch die Zeit, wo eine Polenfamilie bei Frau Schwarz einzog, (mein gehöft war noch nicht besetzt) Anfangs stellten sie sich freundlich, Kartoffeln und Korn gehörten ihnen ja sofort, aber sie gewährten mir großzügig von "ihrem Eigentum", das ich zusammengetragen hatte, das Mitessen. Von früh bis spät mußte ich dafür arbeiten.

Weihnachten machten wir uns trotz alledem ienen Christbaum. Ich suchte auf dem Boden unseres Hauses, der bis an die Knöchel voll Scherben lag, nach unseren alten Baumschmuck, fand aber nur ein paar Lamettafäden udn einige halb abgebrannte Kerzen. Für die Kinder suchte ich irgend etwas, ein Stativ vom Photoapparat, ein paar Gasmasken und so wurden trotz aller Not Weihnachten gefeiert und die Kleinen hatten sogar Freude daran. - - - -

Das Frühjahr kam, und als die Feldbestellung zu Ende ging, war die Freundlcihkeit der Polen mir gegenüber plötzlich aus. Kartoffeln waren nur noch 3 Körbe voll im Keller, das Brot auch zu Ende, dnen das Mehl war zu Schnaps verkocht worden; und die Lage spannte sich immer mehr. Im März 46 war auch ein Pole mit Familie in mein Gehöft gezogen. Er nannte sich immer stolz: "Großer polnischer Bauer!"
An einem Nachmittag, es war der I. Mai 46, kam eine Frau aus dem Dorfe, sie sagte zu mir: "Ich bringe Dir etwas Schönes, rate mal was!"

Dann gab sie mir eine Postkarte, die erste Post seit 1944! Sie war von meiner Schwägerin (Tante Hedwig). Sie teilte mir mit, daß Vati, sowie sein Bruder Alfons, noch leben udn sich in ihrer Nähe befinden. Wer war glücklicher als ich! Alls die Last und Sorgen waren wie fortgeblasen. Ich glaube, ich war halb verrückt vor Freude. gleich lief ich zu Tante Ida, um ihr diese freudige Nachricht zu bringen. Auch sie freute sich sehr. Hatte man doch wieder Hoffnung und konnte neuen Mut fassen. Ein großen Stein war mir vom Herzen, seit ich wußte, daß Vati noch lebte und für uns sorgte. diese Gewißhkeit ließ mich manches leichter tragen.
Dann kam der Tag, den ich schon lange vorausahnte. Es war der 28. Mai 46. Nachmittags ging ich nach Siegfriedswalde, um für meine Kinder etwas Trockenmilch zu holen. Als ich am Abend nach Hause kam, fand ich in meinem Zimmer eine große Verwüstung vor. Die Kinder waren in einem kleinen Zimmer und saßen auf der Erde in einem Eckchen zwischen unsern (Frau Schwarz u. meinen) letzten Brocken. Aufzustehen hatten sie keinen Platz. Die Polen hatten inzwischen gewirkt wie üblich. Sie schrieen mich an, auf der Stelle müßte ich machen, daß ich rauskomme. Sie hätten keinen Platz für mich und auch nichts zu essen. Nur einer zur Arbeit und 5 zum essen, das geht nicht. Noch denselben Abend müsse ich heraus und von Stund an dürfe ich kein Essen bekommen, auch nciht für die Kinder. - Was tun? - In meiner Not lief ich zu meinem Polen und fragte ihn um Rat. Er grinste höhnisch und sagte: "da im kleinen Arbeiterhäuschen ist Platz für Dich!" Doch was sollte ich da? Ich besaß kein bett, keinen Tisch, keinen Stuhl, weder Kochtopf noch Schüsseln, Tellern und Löffel! Wie sollte ich da einen Haushalt gründen? Kein Brot, keine Kartoffeln ich stand vor dem Nichts, und die Nacht brach an. - Frau Hochhaus gab mir sofort ein brot, das mir über die erste Not Hinweg helfen sollte. Die Kinder waren inzwischen in ihrer Ecke auf der Erde eingeschlafen, und als die Polen sahen, daß cih kein Obdach gefunden hatte, ließen sie mich in Ruhe. Die ganze Nacht überlegte ich, was zu tun sei. als ich das Fenster öffnen wollte, war es von außen zugenagelt. Nicht einmal frische Luft durfte man einatmen. -

Nächsten Morgen ging ich nach Wernegitten zum poln. Amtsvorsteher (Woyd) und trug ihm mein Anliegen vor. Er war recht freundlich und sagte: "Sie haben dasselbe Recht da zu wohnen, wie die Polen und brauchen auch nicht heraus." Er gab mir ein dementsprrechendes Dokument. (Später wurde er von der poln. Miliz eingesperrt, weil er als deutschfreundlich galt.)

Als ich das Schreiben den Polen vorlegte, lachten sie laut zerrissen den Schein u. sagten "Laß euch der W. doch füttern." Und der Junge sagte: "ich nehme jetzt deinen Krempel und fahre ihn weg und werfe ihn ganz egal wohin!" Ich wußte mir keinen Rat, überall wohnten Polen. Dicht am Walde wohnte eine Bäuerin mit ihren 6 Kindern noch auf ihrem Hof, dessen Scheune abgebrannt war. Ein Pole hatte sich wohl auch angemeldet, aber noch war er nicht da. Also nahm uns Frau Samland auf, half mir mit Betten, Möbeln und Geschirr aus, der Pole kam nicht und so konnte ich wohnen bleiben.

Doch jetzt wurde die Not ums tägliche Brot u. um Kartoffeln immer größer. Wir suchten uns Körner an alten Getreidehaufen, doch wie lange, - es gab viele Nahrungsuchende. Uns Deutschen ging es ja allen gleich. In der Stadt gab es alles, aber so teuer, daß wir es nicht kaufen konnten. Sachen zu verkaufen hatte ich nicht mehr. Alles war mir gestohlen worden, das Letzte verlor ich, als mich die Polen hinauswarfen. Nur etwas Geld hatte ich noch gerettet. - Der polnische Bauer von unserm Gehöft kam mich immer zur Arbeit holen. Das erstemal wurde es mir sehr schwer, alte, liebe Erinnerungen tauchtne vor meiner Seele auf, als ich im Hausflur saß und Kartoffeln schälte. Der Pole [...] zog sich einen Lehnstuhl heran, setzte sich mir gegenüber und begann mich zu verhöhnen: "Früher die große Bauer und nichts arbeiten. Heute ich großer Bauer und du meine Arbeit machen!" Da ich ihm aber nicht zeigte, wie es wirklich in mir aussah, und nur dazu lachte, ließ er mich bald in Ruhe. Jeden Tag ging ich zur Arbeit und mußte von Sonnenaufgang bis Untergang schwere Männerarbeit leisten, aber ich bekam nie etwas dafür, weder Geld noch ein Stück Brot für meien Kinder, nur 3 mal täglich für mich Essen. Wovon sollte ich nun aber meien Kleinen ernähren? Ich hatte mir das letzte Geld, 1200 M in 1200 Zloti eingetauscht und wollte mir in der Stadt 1 Ctr. Roggen (800 Zl.) und 1 Ctr. Kartoffeln 8400 Zl.) kaufen. Doch wieer sollte es anders kommen. - Eine Nacht, ich war etwa 1 1/2 Stunden von der Arbeit zurück und noch nicht zru Ruhe gegangen, polterte es an unserer Haustüre. da wir uns nicht gleich meldeten, wurde der Krach heftiger und als Frau Samland dann öffnete, kamen 2 große Männer mit Pistolen udn scharz angestrichenen Gesichtern herein. Sie drängten uns alle in einer Ecke zusammen und einer setzte sich mit der Pistole vor uns, während die andern raubten und pl+nderten. das ging die ganze Nacht hindurch. Zuletzt drangen sie auf uns ein und, da ich mein geld bei mir trug, fanden sie es und nahmen es mir restlos weg. Es wurde schon hell, als sie endlich abließen. Wie ich meine kleinen Stübchen dann betrat, fand ich wieder einmal eine große Verwüstung vor. Doch das Schlimmste, meine Kinder lagen nackt und bloß, ohne Bettchen und Decken, sogar die Kleider an ihren Betten, die sie abends ausgezogen hatten, waren fort. Auch mein Bett war leer. Frau S. war es genau so ergangen. In unserer Not hatten wir uns (Frau S. und ich) entschlossen, nach Kiwitten zur Polizei zu gehen. Jedoch kamen wir nicht weit. Auf dem Wege kam uns ein Pole entgegen, ein wüst aussehender Mensch mit schwarzen, stechenden Augen und schwarzen Spitzbart. Er herrschte uns an, mit ihm zur Arbeit zu gehen. Als ich nicht gleich umkehrte, sonder noch 3 Schritte weiter ging, vertrat er mir den Weg, holte zum Schlagen aus und brüllte. "Hund, verfluchter, arbeiten." Nun mußten wir mitgehen. In seinem haus war große Wäsche und ich mußte erst einen Kessel voll Wasser holen. Frau S. wurde aufs Feld egschickt. Als genug Wasser war, ließ er mich in die Scheune rufen, machte beide Türen zu, und, als ich ihm nicht zu Willen war, packte er mich, zog mir die Kleider über den Kopf, warf mich über einen Sack, und schlug mit dem Gummiknüppel auf mich ein. Als ich schrie, steckte er mir die Faust in den Mund und prügelte weiter. Endlich ließ er von mir ab. Ich konnte keinen Gedanken mehr fassen. Das Blut lief an mir herunter und in diesem Zustand mußte ich bis abends Wäsche waschen, noch dazu bei dem Gedanken, daß die Kinder zu hause kein Brot hatten: In der Dunkelheit durften wir nach Hause, ohne Lohn für die getane Arbeit. Andere Frauen zu Hause schlugen die Hände vors Gesicht und weinten laut auf, als sie meinen zerschlagenen Körper sahen. Mir war so elend zu Mute, das letzte Geld weg, kein brot, keine KartWir waren zu 16 Frauen dort und trugen unser schweres Los gemeinsam, und darum wurde es etwas leichter. Ich hatte mich wieder ganz gut erholt. - Von der übrigen Welt wußten wir nichts. Es gab keine Zeitungen, kein Radio und auch keine Post. Wir wurden wie Sklavinnen behandelt. Immer und überall brannte die Frage in uns: "Wo ist der Mann? - Wo sind die eltern und wo die anderen Angehörigen?" - -

"Was wird die Zukunft für uns bringen? Soll es ewig so bleiebn?" Man sagte uns immer: "Ihr müßt alle nach Sibirien!" Wenn uns doch manchmal die Vrzweiflung befiel und sie merkten, daß wir auch weinten, dann hieß es nur: "Was weint ihr um Eure Männer, die kommen vor 30 Jahren nicht nach Hause. Wir sind jetzt eure Männer und wenn ihr immerzu weint, werdet ihr erschossen!" Meinen Hof schaut ich immer nur aus der Ferne an. Er lag stolz und schön, aber einsam und verlassen da. Mit keinem Schritt durfte ich hinüber gehen.
Die Möbel aus den Häusern wurden alle mit Lastautos herausgeholt und nach Rußland gebracht.

Schmerzlich war es für mich, als ich auch noch aus meinem hause ein Möbelstück nach dem andern vor meinen Augen abrollen sah. Ich selbst mußte beim Aufladen helfen. Sie sagten dann zu mir, als sie merkten, daß ich traurig war: "Tut dir leid darum? geh zu Hitler, er gibt Dir Neues!" So gingen 7 Monate dahin. Dann hieß es plötzlcih: die Russen ziehen ab und die Polen bekommen das Land! - Unsere Freude war riesengroß. Endlich sollten wir von unsern Bedrückenr befreit werden. Was würde nun kommen? Wir erhofften uns von den Polen bessere Behandlung. Jedoch weit gefehlt! - Die Zivilpolen, besonders aber die Soldaten und die Miliz, trieben es noch ärger als die Russen. -

In der letzten Nacht fing ich an nach Hause zu ziehen. unser Wohnhaus war schrecklich verwüstet und so richtete ich mich im Insthaus nebenan ein. Ich fuhr alles mit einem Kinderwagen herüber, etwa 1 km und gegen Berg und das 6 mal an einem Tage; Betten, Matratzen udn Geschirr, Wannen und was mir sonst geblieben war. Am Abend holte ich die Kinder nach. Unser Abendessen bestand aus trockenem Brot. Lampen hatten wir nicht, ich mußte die Kinder im Dunkeln zur Ruhe legen. Am nächsten Morgen begann ich unser neues Heim etwas gemütlicher zu machen. Aus dem Wohnhaus holte ich mir noch einiges von unter den Trümmern hervor, was ich noch verwenden konnte. Dann ging's auf Nahrungssuche. 90 Mehl und 1/2 Brot hatte ich noch von den Russen bekommen, als Lohn für 7 Monate Arbeit. Aber weiter besaß ich nichts, keine Kartoffeln und kein Gemüse. Ich begann gleich mit dem Kartoffeln einkellern. Das nächste Kartoffelfeld war etwa 2 km von uns entfernt. Es mußte alles mit dem Hauswagen herangeholt werden. Mit 1 1/2 Ctr. gegen berg und das 4-5 mal am Tage, - ich war so erschöpft, daß ich mitunter dachte: "Jetzt schaffst du es nicht mehr!" - Doch die Not trieb voran, der Winter stand vor der Tür und die Kinder mußten erhalten werden, solange es in meiner Kraft stand, mag kosten, was es wolle! - Ich hatte etwa 35 Ctr. zusammen und hätte noch genügend zur Frühjahrssaat gehabt, wenn es nicht anders gekommen wäre. Die Kinder blieben alleine, während ich ausfuhr und oft kam ich zurück und fand wieder alles durcheinander, denn Polen hatten sich inzwischen wieder noch das Beste ausgesucht.
Die Polen zogen umher, zu 20-30, lachend, spottend, plündernd von einem hof zum andern und suchten sich aus, welcher ihnen am Besten gefiel. Dabei konnte sich jeder, auch wenn er kein Bauer war, ein gehöft übernehmen. Er ließ sich auf dem Starostwo (Landratsamt) eintragen und war sofort Eigentümer. Der Gesamte Deutsche Grundbesitz, sowie Möbel, Wäsche und Kleidung und jedes ackergerät war polnisches Staatseigentum geworden. (Auch unsere Lebensmittel) Sie nahmen uns alles weg, mit der größten Selbstverständlichkeit, oft warfen sie es an der nächsten Ecke wieder fort, weil sie damit nichts anzufangen wußten.

Die alten Deutschen, Bauern und in der Stadt die Hausbesitzer wurdne hinausgeprügelt, sie durften sich nicht einmal das Notwendigste mitnehmen. - Wenn es mir manchmal zu schwer wurde, dann suchte ich des Abends meine Geige hervor, die ich noch immer gerettet hatte, und spielte lange für mich alleine; dann wurde mir wieder etwas leichter zu Mute. Jedoch auf die Dauer konnte ich alleine nicht bleiben, denn ich mußte Brot besorgen. Zuerst mit Flegeln dreschen (in unserer Scheune) und dann,w enn das Korn getrocknet war, auf der Schrotmühle bei Bergmanns mit der Hand mahlen gehen. Das nahm viel Zeit in Anspruch und die Kinder wollten nicht mehr alleine bleiben, den meist kommen in meiner Ab= wesenheit Polen, wildes , schlechtes Gesindel und plünderten und raubten. Meine Kleinen hatten dann große Angst auszustehen.

So packte ich wieder einmal meine Habseligkeiten zusammen und ging zu meiner Nachbarin, Frau Schwarz, die auch alleine auf ihrem Hof (40 Morgen) war, und sich ebenfalls ängstigte. Sie betreute dann die Kinder, während ich BRot und Brennmaterial besorgte. Eines tages kam die Nachricht, Deutsche können freiwillig über ide Oder ins altreich auswandern! -

Nun war ich wieder einmal im Zweifel, was zu tun sei und was wohl das Beste wäre! Wir Frauen gingen an einem Abend zusammen und berieten darüber. Schließlich hatten wir uns dahin geeinigt: "Wir bleiben, wir geben die Heimat noch nicht auf, nciht eher, als bis sie uns mit Peitschen hinaustreiben!" - und dabei blieb es auch. Im Stillen hatte jeder noch die Hoffnung, daß die Polen wieder fortmüßten und wir unsere geliebte Heimat behalten dürften.

Nun kam auch die Zeit, wo eine Polenfamilie bei Frau Schwarz einzog, (mein gehöft war noch nicht besetzt) Anfangs stellten sie sich freundlich, Kartoffeln und Korn gehörten ihnen ja sofort, aber sie gewährten mir großzügig von "ihrem Eigentum", das ich zusammengetragen hatte, das Mitessen. Von früh bis spät mußte ich dafür arbeiten.

Weihnachten machten wir uns trotz alledem ienen Christbaum. Ich suchte auf dem Boden unseres Hauses, der bis an die Knöchel voll Scherben lag, nach unseren alten Baumschmuck, fand aber nur ein paar Lamettafäden udn einige halb abgebrannte Kerzen. Für die Kinder suchte ich irgend etwas, ein Stativ vom Photoapparat, ein paar Gasmasken und so wurden trotz aller Not Weihnachten gefeiert und die Kleinen hatten sogar Freude daran. - - - -

Das Frühjahr kam, und als die Feldbestellung zu Ende ging, war die Freundlcihkeit der Polen mir gegenüber plötzlich aus. Kartoffeln waren nur noch 3 Körbe voll im Keller, das Brot auch zu Ende, dnen das Mehl war zu Schnaps verkocht worden; und die Lage spannte sich immer mehr. Im März 46 war auch ein Pole mit Familie in mein Gehöft gezogen. Er nannte sich immer stolz: "Großer polnischer Bauer!"

An einem Nachmittag, es war der I. Mai 46, kam eine Frau aus dem Dorfe, sie sagte zu mir: "Ich bringe Dir etwas Schönes, rate mal was!" Dann gab sie mir eine Postkarte, die erste Post seit 1944! Sie war von meiner Schwägerin (Tante Hedwig). Sie teilte mir mit, daß Vati, sowie sein Bruder Alfons, noch leben udn sich in ihrer Nähe befinden. Wer war glücklicher als ich! Alls die Last und Sorgen waren wie fortgeblasen. Ich glaube, ich war halb verrückt vor Freude. gleich lief ich zu Tante Ida, um ihr diese freudige Nachricht zu bringen. Auch sie freute sich sehr. Hatte man doch wieder Hoffnung und konnte neuen Mut fassen. Ein großen Stein war mir vom Herzen, seit ich wußte, daß Vati noch lebte und für uns sorgte. diese Gewißhkeit ließ mich manches leichter tragen.

Dann kam der Tag, den ich schon lange vorausahnte. Es war der 28. Mai 46.
Nachmittags ging ich nach Siegfriedswalde, um für meine Kinder etwas Trockenmilch zu holen. Als ich am Abend nach Hause kam, fand ich in meinem Zimmer eine große Verwüstung vor. Die Kinder waren in einem kleinen Zimmer und saßen auf der Erde in einem Eckchen zwischen unsern (Frau Schwarz u. meinen) letzten Brocken. Aufzustehen hatten sie keinen Platz. Die Polen hatten inzwischen gewirkt wie üblich. Sie schrieen mich an, auf der Stelle müßte ich machen, daß ich rauskomme. Sie hätten keinen Platz für mich und auch nichts zu essen. Nur einer zur Arbeit und 5 zum essen, das geht nicht. Noch denselben Abend müsse ich heraus und von Stund an dürfe ich kein Essen bekommen, auch nciht für die Kinder. - Was tun? - In meiner Not lief ich zu meinem Polen und fragte ihn um Rat. Er grinste höhnisch und sagte: "da im kleinen Arbeiterhäuschen ist Platz für Dich!" Doch was sollte ich da? Ich besaß kein bett, keinen Tisch, keinen Stuhl, weder Kochtopf noch Schüsseln, Tellern und Löffel! Wie sollte ich da einen Haushalt gründen? Kein Brot, keine Kartoffeln  ich stand vor dem Nichts, und die Nacht brach an. - Frau H. gab mir sofort ein brot, das mir über die erste Not Hinweg helfen sollte. Die Kinder waren inzwischen in ihrer Ecke auf der Erde eingeschlafen, und als die Polen sahen, daß cih kein Obdach gefunden hatte, ließen sie mich in Ruhe. Die ganze Nacht überlegte ich, was zu tun sei. als ich das Fenster öffnen wollte, war es von außen zugenagelt. Nicht einmal frische Luft durfte man einatmen. -

Nächsten Morgen ging ich nach Wernegitten zum poln. Amtsvorsteher und trug ihm mein Anliegen vor. Er war recht freundlich und sagte: "Sie haben dasselbe Recht da zu wohnen, wie die Polen und brauchen auch nicht heraus." Er gab mir ein dementsprrechendes Dokument. (Später wurde er von der poln. Miliz eingesperrt, weil er als deutschfreundlich galt.)

Als ich das Schreiben den Polen vorlegte, lachten sie laut zerrissen den Schein u. sagten "Laß euch der Woyd doch füttern." Und der Junge sagte: "ich nehme jetzt deinen Krempel und fahre ihn weg und werfe ihn ganz egal wohin!" Ich wußte mir keinen Rat, überall wohnten Polen. Dicht am Walde wohnte eine Bäuerin mit ihren 6 Kindern noch auf ihrem Hof, dessen Scheune abgebrannt war. Ein Pole hatte sich wohl auch angemeldet, aber noch war er nicht da. Also nahm uns Frau Samland auf, half mir mit Betten, Möbeln und Geschirr aus, der Pole kam nicht und so konnte ich wohnen bleiben.

Doch jetzt wurde die Not ums tägliche Brot u. um Kartoffeln immer größer. Wir suchten uns Körner an alten Getreidehaufen, doch wie lange, - es gab viele Nahrungsuchende. Uns Deutschen ging es ja allen gleich. In der Stadt gab es alles, aber so teuer, daß wir es nicht kaufen konnten. Sachen zu verkaufen hatte ich nicht mehr. Alles war mir gestohlen worden, das Letzte verlor ich, als mich die Polen hinauswarfen. Nur etwas Geld hatte ich noch gerettet. - Der polnische Bauer von unserm Gehöft kam mich immer zur Arbeit holen. Das erstemal wurde es mir sehr schwer, alte, liebe Erinnerungen tauchtne vor meiner Seele auf, als ich im Hausflur saß und Kartoffeln schälte. Der Pole, mit Namen Frannek, zog sich einen Lehnstuhl heran, setzte sich mir gegenüber und begann mich zu verhöhnen: "Früher die große Bauer und nichts arbeiten. Heute ich großer Bauer und du meine Arbeit machen!" Da ich ihm aber nicht zeigte, wie es wirklich in mir aussah, und nur dazu lachte, ließ er mich bald in Ruhe. Jeden Tag ging ich zur Arbeit und mußte von Sonnenaufgang bis Untergang schwere Männerarbeit leisten, aber ich bekam nie etwas dafür, weder Geld noch ein Stück Brot für meien Kinder, nur 3 mal täglich für mich Essen. Wovon sollte ich nun aber meien Kleinen ernähren? Ich hatte mir das letzte Geld, 1200 M in 1200 Zloti eingetauscht und wollte mir in der Stadt 1 Ctr. Roggen (800 Zl.) und 1 Ctr. Kartoffeln 8400 Zl.) kaufen. Doch wieder sollte es anders kommen. - Eine Nacht, ich war etwa 1 1/2 Stunden von der Arbeit zurück und noch nicht zru Ruhe gegangen, polterte es an unserer Haustüre. da wir uns nicht gleich meldeten, wurde der Krach heftiger und als Frau Samland dann öffnete, kamen 2 große Männer mit Pistolen udn scharz angestrichenen Gesichtern herein. Sie drängten uns alle in einer Ecke zusammen und einer setzte sich mit der Pistole vor uns, während die andern raubten und pl+nderten. das ging die ganze Nacht hindurch. Zuletzt drangen sie auf uns ein und, da ich mein geld bei mir trug, fanden sie es und nahmen es mir restlos weg. Es wurde schon hell, als sie endlich abließen. Wie ich meine kleinen Stübchen dann betrat, fand ich wieder einmal eine große Verwüstung vor. Doch das Schlimmste, meine Kinder lagen nackt und bloß, ohne Bettchen und Decken, sogar die Kleider an ihren Betten, die sie abends ausgezogen hatten, waren fort. Auch mein Bett war leer. Frau S. war es genau so ergangen. In unserer Not hatten wir uns (Frau S. und ich) entschlossen, nach Kiwitten zur Polizei zu gehen. Jedoch kamen wir nicht weit. Auf dem Wege kam uns ein Pole entgegen, ein wüst aussehender Mensch mit schwarzen, stechenden Augen und schwarzen Spitzbart. Er herrschte uns an, mit ihm zur Arbeit zu gehen. Als ich nicht gleich umkehrte, sonder noch 3 Schritte weiter ging, vertrat er mir den Weg, holte zum Schlagen aus und brüllte. "Hund, verfluchter, arbeiten." Nun mußten wir mitgehen. In seinem haus war große Wäsche und ich mußte erst einen Kessel voll Wasser holen. Frau S. wurde aufs Feld egschickt. Als genug Wasser war, ließ er mich in die Scheune rufen, machte beide Türen zu, und, als ich ihm nicht zu Willen war, packte er mich, zog mir die Kleider über den Kopf, warf mich über einen Sack, und schlug mit dem Gummiknüppel auf mich ein. Als ich schrie, steckte er mir die Faust in den Mund und prügelte weiter. Endlich ließ er von mir ab. Ich konnte keinen Gedanken mehr fassen. Das Blut lief an mir herunter und in diesem Zustand mußte ich bis abends Wäsche waschen, noch dazu bei dem Gedanken, daß die Kinder zu hause kein Brot hatten: In der Dunkelheit durften wir nach Hause, ohne Lohn für die getane Arbeit. Andere Frauen zu Hause schlugen die Hände vors Gesicht und weinten laut auf, als sie meinen zerschlagenen Körper sahen. Mir war so elend zu Mute, das letzte Geld weg, kein brot, keine Kartoffeln und dazu so mißhandelt! - In solchen Momenten war es immer ein Lichtblick für mich, wenn ein Brief vom vati kam und ich kam leichter über all das Schwere hinweg. Doch das Spiel war noch nciht zu Ende! - Mein verfolger kam fast jeden 2. Tag und wollte mich zur Arbeit holen. Immer mußt eich sehen, wie ich vorher wegkam. Noch ehe die Sonne aufging , war er an der Haustüre, schlug mit den Stiefeln hinein und brüllte sein "Frau, aufmachen, verfluchter Hund, aufmachen!" Der Schreck fuhr mir jedesmal ordentlich in die Glieder; entweder sprang ich durchs Fenster und lief in den nahen Wald, oder ich lief auf den Boden und wühlte mich in die Federn ein, die überall haufenweise von aufgeschlittzen, ausgeschütteten Betten lagen. Oft ging ich noch im Dunkeln aus dem Hause, legte mich auf einem leeren Gehöft in dei Scheune und wartete den Morgen ab, um dann von da aus zu meiner Arbeit zu gehen. So ging es den ganzen Sommer hindurch bis zum späten Herbst. Bei der poln. Polizei gab es für uns Deutsche keinen Schutz. Wer hinging, und sich beklagte, wurde noch obendrein eingesperrt, beraubt und mißhandelt. - So zog der Winter ins Land und die Not ums tägliche Brot wurde immer größer. - Ich war gezwungen, da ich trotz täglichem Arbeiten nichts verdiente, des Nachts auf die Felder nach Kartoffeln zu gehen, um meine Kinder am Leben zu erhalten. Es war nicht leicht, doch Brot hatten wir schon lange keines mehr und es war die einzige Möglichkeit überhaupt weiterleben zu können. Alle Deutschen mußten dies tun, wenn sie nicht elend umkommen wollten. Es war die Rede von Transporten, die ins Reich fuhren und wir hatten ein wenig Hoffnung, unsern Vati nochmal zu sehen. Doch wußten wir nicht, wann das sein würde und ob wir solange durchhatlen würden.
Einmal, als wir zu mehreren Deutschen nach Heilsberg zum poln. landrat gingen, um um Lebensmittel zu bitten, erhielten wir die Antwort: "Die Deutschen hunde können Holz fressen!" -

So nahte wieder das hl. Weihnachtsfest 1946. Wir hatten jetzt auch keine Kartofflen mehr, da die Felder abgeerntet waren. unsere Mahlzeiten, früh, mittags und abends bestanden nur aus Futterrunkeln, oft noch ohne Salz. Die Kinder wurden immer blaßer und bekamen dicke Wasserbäuche, es war wohl schon der Anfang des Hungerstadiums. R. und I. aßen nur einmal am Tage, notgedrungen, und brachen gleich wieder alles aus. I. lag schon immer im Bettchen und sagte: "Mutti, gib mir doch ein Stückchen Brot."  W. und R. aßen wenigstens und brauchten auch nicht brechen. Wielange konnte dieser Zustand noch dauern? - Ein Transport mit Detuschen aus Nachbardörfern war am 11.11. abgefahren. Wann würde der nächste gehen und ob wir dabei waren? - Am Tage des hl. Abend kam der Junge von Frannek und sagte, ich solle abends zu ihnen kommen.

Ein Bäumchen hatten wir uns hereingeholt, jedoch ohne Shcmuck und Kerzen stand es da. Das Christkind würde wohl an uns vorübergehen! - Am Abend ging ich dann hinüber uin mein haus, wo jetzt Fremde schalteten und walteten, und stand im Hausflur wie ein Bettler! - Der Pole gab mir 1 Flasche Milch, etwas Roggenbrot und ein Stückchen Weißbrot. Das waren für uns lange entbehrte Leckerbissen. Als ich damit nach Hause kam, war der Jubel der Kleinen größer, als früher bei feinstem Gebäck und den schönsten Spielsachen. Ich teilte das Brot auf, auch unter die 6 Kinder von Frau S., und es hatte jedes eine halb Schnitte weißbrot und eine ganze Schnitte Roggenbrot. Sie verschlangen es gierig. -

Die nächsten 8 Tage waren die Schlimmsten. Es fror etwa 25-30°. Nichts war mehr an Nahrung zu finden. Die Kinder wurden immer schwächer, ich dachte schon daran, ob man nicht Baumrinde kochen könnte. Alle Deutschen gingen bei die Polen betteln. So ging auch ich los. Es ging ums nackte Leben. Ich ging nach Blumenau, Heiligenfelde und Medien. Einer gab 5 Kartoffeln.
Mancher 4, aber oft nur 2 und zuweilen auch eine. Verschiedene trieben uns mit den Hunden fort. - Es war bitte,r doch die einzige Möglichkeit, unser Leben wieder um ein paar Tage zu verlängern. Den ganzen Tag war ich gegangen, von Tür zu Tür, und hatte aebnds einen Korb voll zusammen. 

Am 5. Januar, abends, kam plötzlich der Befehl: "Alle Deutschen müssen am 6. Januar früh ihren Wohnsitz verlassen und sich im Dorfe sammeln." - wie froh und glücklich ich war, das kann ich nicht ausdrücken. Nun sollten wir doch noch erlöst werden und unsern Vati wiedersehen! Soweit hatte man uns in den 2 Jahren gebracht, daß man mit frohem Herzen aus der Heimat gehen konnte, wo einem alles lieb und teuer war.
Ich packte in einem Rucksack für jeden einen Teller, Löffel, Trinkbecher und Schüsseln zusammen. Weiter besaßen wir nichts mehr. Was noch an Kleidung vorhanden war, konnten wir bequem anziehen. Brot hatten wir nicht, ich bekam aber von jemand eins.

Am nächsten Morgen zogen wir los. Die 3 kleinsten hatte ich in eine Schubkarre gesetzt. R. ging nebenher. Es war bitterkalt. Die Kinder weinten: "Ich will ins warme Stübchen!"  - Doch nun gab es kein Erbarmen, dieser letzte Ansturm müßte noch bezungen werden. Im Dorfe warteten wir den ganzen tag, bis dann endlich gegen 5 Uhr der poln. Bürgermeister erschien und uns herausrief. Draußen standen Wagen, die schon hoch voll Gepäck waren. Auf diese sollten Kinder, Greise und Kranke verteilt werden. Meine Kinder konnte ich nur mit großer Mühe auf 3 verschiedenen wagen unterbringen. R. ging zwischen Gepäckstücken, ich mußte während der ganzen Fahr neben ihm hergehen und ihn stützen. (15 km) Als wir abfuhren, schossen und knallten die Polen wie die Wilden hinter uns her. - Im Schritttempo ging es anch Heilsberg, es waren 25-30° Frost und bereits dunkel. In Heilsberg vor den Kasernen wurden wir abgeladen. Meine Kinder fielen alle 4 in den Schnee, sie konnten nicht stehen. Besonders R. knickten die Beine um, er weinte bitterlich. Ich dachte, sie wären abgefroren. Kein Wunder bei der Kälte! -

Polnische Soldaten brachten uns in eine große Turnhalle, deren gegenüberliegenden Fenster zur Hälfte kaputt waren. Wir bekamen einen guten platz am Ofen, der aus einer Blechtonne bestand, in die ein Loch zum Holeinstecken geschnitten war. Es waren 7 Öfen von der Art da und es räucherte fürchterlich.

Als die Kinder sich erwärmt, warmen Kaffee getrunken und Suppe gegessen hatten, tauten sie auf und das Gefühl in den Beinchen hatte sich wieder gefunden. In Decken gehüllt, schliefen sie die ganze Nacht gut. Am nächsten Morgen mußten wir unser Gepäck aufmachen und zur Kontrolle antreten. So manchem wurden noch Betten, feines Geschirr, Bestecke, gute Kleider und Pelze abgenommen. Wir wurden mit Nummern versehen und in ein anderes Gebäude, einen Pferdestall, gesteckt. Die Verpflegung war einigermaßen ausreichend. Am 8. Januar wurden wir in den Transportzug geladen. Immer 35-40 Personen auf ein Viehwaggon. Ein kleiner Ofen stand darin, jedoch ohne Rohre, Einige Männer gingen auf die Suche und brachten ein paar verbogene Rohre, die schlecht paßten. Der Ofen räcuhterte ziemlich stark. An verpflegung wurde Brot, Fett und Zucker verteilt. Jedoch so wenig, daß jeder nur 2 Dünne Scheiben bekam. Gegen 5 Uhr nachmittags fuhr der Zug ab. Alle sangen "Nun ade du mein lieb Heimatland!" Es ging sehr langsam voran, die Verpflegung war schlecht. Es reichte nur für jeden eine dünne Scheibe Brot am Abend und Kaffee dazu. Das war für den ganzen Tag. Die Kinder jammerten vor Hunger und Kälte. Alte Leute starben massenhaft vor Erschöpfung. In Neu-Benschen wurde unsere Lok abgenommen. Nun standen wir 3 Tage und 3 Nächte auf totem gleis. Jeder von uns war so hoffnungslos; manche verloren den Verstand. Endlich ging's dann wieder weiter. Vor der Grenze (Oder) wurden die Toten beerdigt. Dann übernahmen die Russen den Zug. Vorher kamen noch unsere poln. Transportbegleiter und boten uns Brot zu 100 Zl. und Fleischkonserven zu 400 Zl. an. Es war das Brot, daß sie uns unterwegs vorenthalten hatten, um es später teuer zu verkaufen, also Geschäfte damit zu machen. Bei Forst-Lausitzt passierten wir die Grenze. Nun wurde es wesentlich besser. Rotekreuzschwestern sahen die Züge nach. Kranke wurden ausgeladen. Und Verwundete verbunden. Endlich konnte man sich waschen. Die Kinder bekamen heiße Milchsuppe, das Brot und Fett reichte gut aus und einmal täglich gab es warmen Gemüseeintopf. So wurde unsere Reise einigermaßen erträglich.

Nach 9 (?) Tagen Fahrt landeten wir in Schönebeck-Elbe in einem Barackenlager. Nun folgten noch einmal schwere Tage für uns. Die strenge Kälte hielt unbarmherzig an, Hunger quälte uns, die Verpflegung reichte nicht aus und Brennmaterial gab es so gut wie garnicht. Die Kinder saßen tagüber mit Mänteln, Mützen und Hanschuhen in den Betten, weil es vor Kälte nicht auszuhalten war. Hunger alleine ist zu ertragen, Kälte alleine auch, aber hungern und frieren, das ist fürchterlich.

Nach 3 Wochen, es war an einem Montag früh, hörte ich um die Baracke feste Schritte gehen, erst einmal und dann noch einmal. Und dann, - wer kam herein? - Unser Vati! - Endlich war der Augenblick gekommen. Die Kinder waren gleich hoch in den Betten und "Vati, Vati" rief es hin und her. Er kam, um uns zu holen und endlich einem geordneten Leben zuzuführen. Wir hatten zwar auf der Weiterreise noch mancherlei Strapazen auszustehen, besonders beim Grenzübertritt aus der russischen in die britische Besatzungzone. Doch brauchten wir nun nicht mehr zu hungern und wir fühlten uns geboren. Vati nahm uns mit nach Engelskirchen-Büchel, wo wir in seinem kelinen Zimmerchen das erste Bett sahen und Wärme spürten. Das war am 18. Februar 1947. Es war zwar sehr eng für uns 6 Menschen, die Kinder schliefen zu 4 in einem schmalen Bettchen und doch waren wir froh; endlich beim Vati zu sein und nicht mehr elend verhungern zu müssen.

Die ganzen 2 Jahre hindurch sind wir möglichst gesund gewesen, wir waren vor Typhus und Krätze verschont geblieben. Nur auf dem Viehhof war R. sehr krank. Sie hatte am tage 4-5 mal Stuhlgang und immer rot wie Blut. Das ging ziemilich 2-3 Wochen hindurch. Frau T. und Frau Schwarz gaben sich die größte Mühe um sie. Ich selbst konnte mich wenig um das Kind kümmern, dai ch von früh bis spät bei der Arbeit sein mußte. Ich dachte schon, sie würde stebren, wie viele Säuglinge zu der Zeit. Doch dank der Mühe der beiden Frauen überstand sie alles und erholte sich wieder langsam. Sie hatte über die Hälfte ihres Gewichtes eingebüst Schmerzlich war es für mich als ich die ersten, gutangezogenen Menschen sah, ihre Häuserund ihren Wohlstand, und wie selbstverständlich das war, als wäre nichts geschehen. Und unwillkürlich drängte sich mir die Frage auf: "Haben denn nur wir Deutschen aus dem Osten den Krieg verloren? waum müssen wir die Schuld alleine tragen? -

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