Russland

1939 - 1945


Anmerkung: Zitate zum Thema "Stalingrad" finden Sie in dieser Rubrik.

Brief vom 9. April 1944 aus Cholm
Ein deutscher Soldat schreibt seiner Frau. Bezeichnend ist bei diesem Brief der Kontrast der damaligen Realität in Russland und der Sehnsucht nach der Heimat und der Familie. Der Vergleich, den der Soldat am Ende des Textausschnittes wählte, wirkt gerade aus heutiger Sicht außerordentlich schockierend. Die Stadt Cholm war in dieser Zeit von der russischen Armee belagert. Die deutschen Soldaten hatten viele Partisanen als Gegner.
"Wie ich aus dem Brief ersehe entwickelt sich meine kleine Tochter ja gut. Als ich las, daß Ingridchen schon alles helfen will und daß Sie den Boden aufwischen will, ging mir ein lächeln über mein Gesicht. Ich bin so Stolz auf unser alles Glück wie kaum ein anderer Vater sein kann. Ich hätte es so gern in Ihrem neuen Kleidchen einmal gesehen und gedrückt und geküßt. Liebe Leni ich kann 10 Polen oder Russen aufhängen oder erschießen sehen, da geht mir kein Aug über, aber bei diesen Zeilen werden mir doch die Augen Naß."
Brief vom 21. Juni 1942
Ein Soldat schreibt seiner Mutter.
"Das du für mich betest, weis ich Mutterl, da ich erst vor kurzen meinem Tod gegenüber stand. 1 Russe, aber ich war schneller als er und stach ihn mit dem Seitengewehr nieder und dann tat er mir leid. Er war bestimmt ein Familienvater. Aber es ist unser Feind und hätte ich ihn nicht niedergemacht, so wäre es umgekehrt gewesen..."
Brief vom 15. Juni 1942 aus Russland
Ein deutscher Soldat schreibt seiner Frau. Aus welcher Gegend dieser Brief versendet wurde, können wir leider nicht nachvollziehen.
"Die Zifilbevölkerung muß jetzt die Straßen instandsetzen. Das ist so ein Bild wenn man da zuschaut. Die Kinder von 8 bis 10 Jahren angefangen bis zur Großmutter ist alles beim Straßenbau beschäftigt. Ich werde auch eine Aufnahme machen davon."
Brief vom 12. Mai 1942 aus Schelepowa (Russland)
Ein Funker schreibt seiner Familie. In einem sehr langen, handgeschriebenen Brief, schildert er dabei seine aktuelle Situation in Russland. Zwei Worte, die wir nicht klar entziffern konnten, haben wir mit einem [?] gekennzeichnet. Aufgrund der eher sauberen Handschrift, konnten wir den Rest gut lesen. Nur bei Schelepowa sind wir uns nicht ganz sicher. Im Internet konnten wir keine Informationen zu diesem Ort finden. Aufgrund der Tatsache, dass das Wort sehr sauber geschrieben wurde, sind wir uns sicher, dass Schelepowa korrekt ist. Den Namen des Verfassers haben wir geändert. Der Name "Iwan" wurde damals als Synonym für die Russen verwendet, von daher können wir nicht sicher sagen, ob der Gastgeber damals wirklich Iwan hieß oder ob der Name wieder als Synonym verwendet wurde. Auf dieser Karte wurden drei der vier genannten Orte gekennzeichnet. Vielen Dank an Johannes Hofmeister für die Hilfe!
"Noch immer liege ich in Schelepowa im Quartier. Das Wetter ist in den letzten Wochen wieder recht unbeständig gewesen, wie ich schon kurz schrieb. Kalt ist es jedoch nicht mehr, und das ist ja die Hauptsache, lediglich noch öfters naß; denn es regnet jetzt viel. Ich glaube, der Mai muß noch vorbei sein, ehe ein beständigeres schönes Wetter einsetzt. Wie ich ebenfalls schon kurz berichtete, habe ich vor ein paar Tagen eine kleine Reise unternommen. Unser Spieß [?] wurde „nach vorn“ zur Kampfeinheit gerufen, um dort dringenden „schriftlichen Kram“ zu erledigen. Ich schloß mich ihm an, da ich etwas von Studienurlaub gehört hatte. Doch es war bereits wieder zu spät, der Termin war schon gewesen. Unverrichteter Sache fuhr ich also wieder „nach Hause“. Es ist sehr interessant, jetzt mit der Eisenbahn zu fahren. Ich fuhr über Sytschewka nach Rshew, übernachtete dort im Quartier unseres „Postsortierers“ auf dem Feldpostamt (er sortiert die ankommende Post in die, die „nach vorn“ und die, die „nach hinten“ geht, sonst bekämen wir hier überhaupt keine Post zu sehen) und fuhr am nächsten Tag (noch auf russischer Spur) noch ca. 60 km von Rshew aus genau nach Westen bis Ollnino [?], einem ganz kleinen Städtchen und mußte von da noch über vier Dörfer zu Fuß laufen, bis ich am Ziel war. Rückwärts war es dann genau so.

Immer noch weiß niemand, was mit uns noch einmal werden wird. Nun hat ja die diesjährige Offensive auf der Halbinsel Kertsch bereits wieder begonnen, und auch an unserer Front wird es nicht mehr allzulange dauern, bis es wieder losgeht. Vielleicht werden wir diesmal nicht gebraucht?

Nun, komme es, wie's will, im Augenblick fühle ich mich in meinem, dem besten aller bisherigen russischen Quartiere und dem besten mit des Dorfes, noch ganz wohl. 9 Wochen wohne ich nun schon bei meinem Iwan, nachdem ich vorher 6 Wochen in einem weitaus schlechteren Quartier gelegen hatte (dem Haus nebenan). Der eigentliche Hausbesitzer ist, wie fast in jedem Haus, nicht vorhanden. Als russischer Soldat ist er bei Kiew in deutsche Gefangenschaft geraten. Dafür hat sein Schwiegervater, der 65 Jahre alte, aber noch sehr rüstige Iwan, dem das Haus schräg gegenüber gehört, das Amt des „Haushaltungsvorstandes“ übernommen, damit seine Tochter Alexandra (ger. Schura) (29 J.) mit ihren beiden Kindern, dem Jungen Anatolee (ger. Doale) (5 J.) u. Dem niedlichen kleinen Mädchen Sinaida (ger. Sina) (3 J.) nicht allein ist. Iwan ist der Mann im Dorf; denn er spricht ziemlich gut deutsch. Er war 4 Jahre und 2 Monate, von 1914 – 1918 in deutscher Gefangenschaft in einer Baumschule bei Berlin und es hat ihm da sehr gut gefallen. Trotz der langen Jahre hat er seine dort erworbenen deutschen Sprachkenntnisse nicht verlernt und hat uns hier als Dolmetscher schon gute Dienste geleistet. Ich als sein Quartiergast ziehe natürlich den meisten nutzen daraus indem ich mich fast jeden Tag in der Dämmerstunde mit ihm unterhalte, und er auch sehr gern erzählt. Dadurch gewinne ich einen sehr guten Einblick in die russischen Verhältnisse, über das Leben, die Arbeit und das Vergnügen unter Stalins Regierung. Und ich wiederum erzähle ihm über das Leben in Deutschland, von der Politik der letzten Jahre, von Adolf Hitler usw. usw. Es ist sehr interessant. Er ist, wie viele hier, ein großer Gegner des bolschewistischen Systems, besonders deshalb, weil er als „alter Mann“, wie er immer sagt, sich noch sehr gut an die zaristische Zeit in Rußland erinnern und Vergleiche mit dem Regime Stalins ziehen kann. Er hat auch einen gesunden Humor, der gute Iwan, und oft müssen wir über seine witzigen Bemerkungen lachen, die er macht. Vorhin z.B. erzählt er sehr anschaulich, wie sie im Frieden im Dorf immer heimlich Schnaps hergestellt haben, was auch in Rußland natürlich streng verboten ist. Aber auch seine Tochter ist nicht dumm. Lediglich durch das viele deutsch-sprechen in ihrem Haus hat sie sich schon eine ganze Menge deutsche Brocken angeeignet und überrascht uns von Zeit zu Zeit immer wieder mit einem neuen Ausdruck oder Satz. Und für die beiden Kleinen bin ich schon lange der „djadinka Paul“ (Onkel Paul) und die kleine Sina kann schon einwandfrei sprechen. „Guten Morgen!“, „guten Tag!“, „gute Nacht“, „Dankeschön“ u. „bitte“, und auf das Stichwort „kleine“ ertönt es wie bei einem Automat: „Micky maus“! Die Familie ist ausnahmsweise sehr sauber und furchtbar freundlich und zuvorkommend uns gegenüber. Vor allem der Iwan versucht, uns jeden Wunsch von den Augen abzulesen und springt auf seine alten Tage umher wie ein junger, wenn wir ihm etwas auftragen. - Als ich in das Quartier zog, waren wir zu viert, dann zu dritt, schließlich wurde der Gefreite, den der Feldw. u. ich noch mit im Qu. hatten, als „Postsortierter“ nach Rshew befohlen, und als der Feldwebel, der auch mit von der Partie war, zusammen mit mir und dem Hauptfeldw. die Reise antrat, mußten wir uns erst wieder einen anderen, auch einen Gefreiten, ins Haus nehmen, damit jemand da war, der auf unsere Sachen achtgab. Der Feldwebel ist auch nicht mit zurückgefahren, und so bewohne ich zusammen mit dem Gefr., einem meiner beiden Funker, allein das Quartier. Natürlich haben wir jeder ein Bett, wodurch man ohne weiteres auch mal ein Mittagsschläfchen riskieren kann. Höhere Einzelheiten werde ich dann einmal mündlich von mir geben, das ist gleich eine ganz andere Sache wie im Brief. - "
Brief vom 26. November 1941 aus Berlin
Eine Frau schreibt einem Bekannten und gratuliert ihm zur Beförderung zum Unteroffizier, sowie der Verleihung des Eisernen Kreuzes. Anschließend kommt sie auf das Thema des Russlandfeldzuges zu sprechen. Der Brief wurde mit einer Schreibmaschine geschrieben. Einen Nachnamen haben wir abgekürzt.
"Solche Nachrichten verbreiten sich immer mit Windeseile bei uns, weil wir alle stets auf ein Lebenszeichen von unseren lieben Soldaten brennen. Besonders seit Beginn des Ostfeldzuges, und weil man inzwischen so viel über die schäbige Kampfesweise der Russen gehört hat, sind wir in erhöhter Sorge um Sie. Sie stehen ja anscheinend in einem wichtigen Kampfesabschnitt. Wir hatten ja alle stark gehofft, daß bis zum Eintritt des Winters doch das Gröbste erledigt sein würde, aber der Russe ist doch ziemlich zähe.
Von Rudolf M. bekam ich zu gleicher Zeit mit Ihrem Brief auch eine Nachricht. Sie müssen eine Zeitlang dicht beieinander gewesen sein. Er schrieb, daß sie 7 Wochen durch die Pripet-Sümpfe gezogen seien und dann über Mosyr bis Gomel vorgestossen seien."
Brief vom 4. August 1941 aus Russland
Eine Soldat schreibt seiner Frau. Ein Wort, das zweimal im Text abgekürzt wurde, heißt ausgeschrieben "Hauptverbandplatz". Ein Wort, welches wir nicht entziffern konnten, wurde mit [?] ersetzt, ein Wort, bei dem wir uns unsicher sind, ob wir es korrekt gelesenhaben, wurde mit einem (?) gekennzeichnet.
"Deine Fragen ob wir weit hinter der Front sind, oder weiter vorn, sind schwer zu beantworten. Einmal sind es zwanzig und mehr Kilometer, dann wieder pfeifen die verwirrten Kugeln in der Gegend herum, je nachdem wo wir eben gerade benötigt werden. Heute haben wir wieder einen Hptverbandplatz erreicht. Ganz vorne aber man gewöhnt alles. Lang etwaige Schilderungen haben da keinen Zweck, sie würden Euch doch nur beunruhigen und schließlich ist es nicht gar so arg. Man erkennt hier nur daß der einzelne Mensch ein großes Nichts ist im Weltgeschehen. Das zeigt am besten das momentane Bild das sich einem bietet. Vor uns kämpfen sie  erbittert, hinter uns böllert die Artillerie wie verrückt, hier bei uns stöhnen die Verletzten, mancher stirbt auch und zwanzig Schritte weiter sitzt einer auf seinem Wagen und spielt Ziehharmonika, die Zivilisten gehen auch nicht weg und dann bringen sie uns Frauen und Kinder daher mit furchtbaren Verletzungen und wir sollen ihnen auch noch helfen. Wenn man so Kinder sieht wie Vorgestern, wo sie uns zwei zehnjährige Knaben brachten, denen beide Füße abgerissen wurden, tun sie einem leid, denkt man aber an die Kameraden die von Zivilisten wie Hasen hinterrücks abgeschossen wurden, oder die man erschlagen oder zu Tode gemartert hat ist das Mitleid vorbei. Sonst ist es bei uns wie bei einem Wanderzirkus, wir marschieren wohin, verrichten den Hptvpl. arbeiten 2-3 Tage wie verrückt, dann packen und weiter, um von vorne zu beginnen. Die Verletzten die zu uns kommen, sind wenigstens gut aufgehoben da wir sehr tüchtige Chirurgen haben. Für mich ist nur gut daß mir Blut und Wunden nichts ausmacht, denn [?] wenn man einen aufhebt ist man bis über die Ellbogen voll Blut. [...] Im Radio wirst Du ja schon gehört haben daß auch unser Ring (?) fest geschlossen ist, so daß ich hoffe daß wir in ein bis zwei Wochen abgelöst werden und zur Ruhe kommen."
Brief vom 4. August 1941 aus Russland
Ein Soldat schreibt seiner Frau. Die Partisanen und die grausame russische Kriegsführung, die an vielen Stellen fernab von militärischer Ordnung durchgeführt wurde, haben schon zu Beginn des Krieges dafür gesorgt, dass der Russlandfeldzug auch von deutscher Seite aus rücksichtslos durchgeführt wurde. Dass es in diesem Fall die Juden besonders hart getroffen hat, ist ein weiterer grausamer Beleg dieser Zeit und zeigt, dass der Russlandfeldzug bereits zu Beginn zu einen Vernichtungskrieg mutierte. Einen Nachnamen haben wir abgekürzt.
"Nun ist es auch in dem Dorf wo wir sind aus mit der Knallerei, wir hatten uns darauf verlassen daß es gründlich gesäubert sei, da aber dauernd auf uns geschossen wurde, wurde nochmals der Ort durchsucht und da zeigte sich daß noch 158 Russen in dem Nest versteckt waren. Sechs davon waren Juden die sofort erschossen wurden, M. hat gegraust mir hat es nicht viel ausgemacht da zuzusehen. Ahnungslos wie wir waren, hätten wir ja schön draufgezahlt wenn sie uns bei Nacht überfallen hätten."