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Wie ist der Krieg zu beenden?
Ein Manneswort eines deutschen Hauptmanns

Rede und Flugschrift aus dem Jahr 1942
von Ernst Hadermann

Der Text "Wie ist der Krieg zu beenden?" wurde von Ernst Hadermann am 21. Mai 1943 in einem russischen Kriegsgefangenenlager für deutsche Offiziere vor 1000 Mithäftlingen vorgetragen, die in der Mehrzahl mit eisiger Ablehnung reagierten. Der Text wurde in einer Auflage von einer halben Millionen Exemplaren über den deutschen Stellungen abgeworfen. Wir haben für Sie die vollständige Fassung abgetippt.

Vorrede

Die Rede des Hauptmanns Hadermann ist ein Dokument, das in dieser Zeit, wo sich im deutschen Volk entscheidende Dinge vorbereiten, von großer bedeutung ist. Mitten aus der Hitlerarmee, die von den in Deutschland heute regierenden Verbrechern für ihre Räuberpläne mißbraucht wird, erhebt sich die leidenschaftliche, männliche und menschliche Stimme des vaterlandsliebenden Soldaten udn Staatsbürgers.

Diese Rede ist eine Anklage, sie ist ein Faustschlag geegn das reaktionäre Blutregime der hitlerbande. Diese Stimme wird nicht die einzige bleiben; der Widerhall von tausenden wird ihr antworten. Denn der hier spricht, ist kein Einzelner.

Rede des Hauptmanns Ernst Hadermann,
Kommandeur II-A. R. 152 (Kassel), vor den Kriegsegfangenen Deutschen Offizieren des Lagers Nr. 95

Am 21.5.1942

Meine Herren! Wir antifaschistischen offiziere wenden uns heute na die deutsche Wehrmacht, an das deutsche Volk. Wir fordern unsere Kameraden an der Front auf, das deutsche Volk vor der ungeheuersten Katastropeh seinr geschichte zu retten, und zwar - durch den Sturz Hitlers, die Wiederherstellung der Freiheit des deutschen Volkes, den Abschluß eines rechtzeitigen, ehrenvollen Friedens. Unerhört wird Ihnen dieser Schritt erscheinen - unerhört ist aber auch die Lage des deutschen Volkes. Ein einziger Mann, durch Frevel zur unumschränkten Macht gekommen, hat ein stolzes, freies 80-Millionen-Volk in Fesseln gelegt und führt es, geblendet vom Wahnsinn der Maßlosigkeit und des Ehrgeizes, dem Abgrunde zu.

Deutlich sichtbar wird bereits die militärische Katastrophe. Gewiß, wir haben herrliche Siege errungen: über Polen, Norwegen, Holland, Belgien, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland. Herrliche Siege, ja - aber auch leichte Siege, allzu leichte, und, was schlimmer ist, verderbliche Siege. Ein zynischer Leichtsinn bemächtigte sich nach diesen Erfolgen besonders vieler junger Offiziere. Man konnte Redensarten hören wie: "Meinethalben kann der Krieg noch 5 Jahre dauern, mir geht es besser als im Frieden. Hoffentlich marschieren wir in Spanien ein; da gibt's herrliche Frauen, schöne Weine und Südfrüchte. Hoffentlich kommen wir mit nach Rumänien, dort ist prachtvolles Jagdgelände. Wie gerne würde ich am Feldzug gegen Griechenland teilnehmen, das gäbe kostenlose Fahrten im klassischen Lande. In Rußland werdne wir auf billig Leder- und Pelzwaren erstehen. Auf Wiedersehen auf dem Adolf-Hitler-Platz in Moskau!" Der Krieg, in Wirklichkeit schwerstes Völkerschicksal, wurde empfunden als Gelegenheit zu Abenteuer und Genuß. Wir alten Frontkämpfer des ersten Weltkrieges haben uns ofrt besorgt gefragt: Wie kommt es, daß wir, die wir in den furchtbaren Materialschlachten von Verdun, an der Somme, in Flandern gekämpft und geblutet haben, den Krieg verlieren mußten, und daß diese Jugend, so leichtfertig-zynisch, diesen Krieg bisher gewonnen hat? Wird sie auch den endgütligen Sieg behaupten können?

Nun erst hat der Krieg auch der junge Generation seinen ganzen Ernst und seine ganze Furchtbarkeit enthüllt; wir fragen uns besorgt, ob sie ihm moralisch gewachsen ist. Rein militärisch ist dieser Krieg aussichtslos geworden. Er ist ins Maßlose ausgeweitet. Gegen uns stehen in Waffen: die Sowjetunion, Großbritannien, USA. Aber als wirtschaftliche Reservors stehen diesen Mächten zur Verfügung drei Kontinente: ganz Amerika, Afrika, Australien und sogar ein bedeutender Teil Asiens. Wer kann noch glauben, daß Deutschland diese Mächtegruppierung niederringen kann?

Man wirft uns manchmal vor, daß wir zu dieser militärischen Einsicht erst in den letzten Wochen durch die unglaubwürdige russische Propaganda gekommen seien. Meine Herren!Ich kann Ihnen heute sagen, daß ich diese Sorge, diese Erkenntnis bereits mit in die Gefangenschaft gebracht habe, und daß ich sie Ihnen nur verheimlichte, um Sie nicht zu beunruhigen. Und diese Sorge habe ich nicht allein getragen. Ich habe sie geteilt mit vielen einsichtigen, besonnenen, vaterlandsliebenden Männern: Generälen, Universitätsprofessoren, Gebildeten der verschiedensten Berufe, Wirtschaftsführern. Diese Sorge erhob sich bereits 1933, als der Nationalsozialismus zur Macht kam, und heute steht sie riesengroß vor uns.

Unvergeßlich in Erinnerung bleibt mir ein Zwiegespräch mit einem bedeutenden konservativen deutschen Schriftsteller, den auch Sie alle kennen und achten werden, im Sommer 1935. Das Volk folgte damals noch, berauscht von Festen, Aufmärschen, Militärmusik, jubelnd Adolf Hitler als dem Führer in eien herrliche Zukunft. Dieser Schriftsteller aber sprach in erschütterndem Ernst, gequältvon der Sorge um Deutschlands Zukunft: "Wir stehen in furchtbarer Gefahr. Ich kann das allgemeine Vertrauen in die NSDAP nicht teilen. Ihre Führer sind nicht reif und weit genug, um Deutschland zu führen. Adolf Hitler hat zu geringe Kenntnis der Welt. Er ist wie beessen von seinen Ideen; er hört nicht. Will man ihm als Fachmann Kenntnisse vermitteln, so hört er nicht zu, sondern er überschüttet den Sprecher mit einem erregt vorgebrachten Schwall seiner Theorien. Wehe uns, wenn es uns nicht gelingt, das Vertrauen Englands zu gewinnen! Ein Krieg mit England würde den Untergang der deutschen Kultur bedeuten. Und wehe uns, wen wir in solchem Kriege zugleich mit Rußland und Amerika kämpfen müßten! Wir sind alle wie in einem Boot auf offenem Meere!"

Maßlos wie dieser Krieg ist auch die politische Zielsetzung geworden. Die Vereinigung aller durch das Versailler Diktat auseinandergerissenen Deutschen, das war das erste Ziel. Ihm haben wir alle noch begeistert gedient. Als dieses Zeil erreicht war, sprach man von dem deutschen "Lebensraum", der Neuordnung Europas. In den nationalsozialistischen Schulungsbriefen erschien eine Karte, die nachträglich aus politischen Gründen wieder eingezogen wurde, derjenigen europäischen Gebiete, die von Deutschen mehr oer minder dicht besidelt waren, besonders im Südosten und Osten Europas, das heißt also derjenigen Gebiete, auf die man mehr oder weniger direktten Anspruch erhob. Es sind fast dieselben Gebiete, die heute in Mittel-, West-, Südost- und Osteuropa okkupiert sind. Aber nicht genug damit: im Winter 1940/41 konnte man nationalsozialistische Schulungsleiter bereits vom Siedlungsraum der indogermanischen Völker reden hören, der nicht nur Europa, sonerna uch Amerika, Südafrika, Indien in sich schließe. Seine Organisierung von der deutschen Mitte aus wurde als eine Aufgabe bezeichnet, die Deutschland aus diesem Kriege erwachsen sei. Die Wanderungen indogermanischer Stämme in der Steinzeit, die deutsche Vorgeschichte Kossinnas und die Rassenlehrer Günthers mußten dazu die ideologische Begründung geebn. Die Maßlosigkeit dieser Politik hat aber auch eine Maßlosigkeit des Hasses gegen uns hervorgerufen. Eine Mauer des Hasses steht um unser Volk, nicht nur in Europa: verhaßt sind wir bei allen freiheitsliebenden Völkern der Welt. wehe uns, wenn dieser Haß über unser Volk hereinbrechen sollte!

Maßlos ist der Nationalsozialismus auch in der Anwendung von Gewald. Von der Reichstagsbrandstiftung 1933, den Ermordungen bei der sogenannten Röhm-Revolte im Juni 1934, dem Staatsstreich am 2. August 1934, der brutalen Verfolgung seiner politischen gegner in Deutschland, den Judenprognomen, deren letzter durch das ganz persönliche Schicksal des Herrn von Rath ausgelöst oder vielmehr heuchlerisch damit begründet wurde, geht eine einheitliche Linie bis zu den gewalttätigkeiten in deisem Kriege, besonders in Polen udn Sowjetrußland. Soll dieser Frevel einmal das ganze deutsche Volk büßen, das an sich so rechtlich, gutmütig, friedfertig ist und nur von dem Nationalsozialismus verhetzt und mißbraucht wurde? Diese Buße kann unser Volk aber nur von sich abwenden, wenn es sich von Hitler lossagt und die Verantwortung für seine Frevel rechtzeitig von sich weist.

Hitler hat dem deutschen Volke die Freiheit versprochen. "Lewwe duad üs Slaav!" ("Lieber Tot als Sklave!") - das war der Kampfruf, mit dem die nationalsozialistische Agitation die Massen im Jahre 1933 wachrüttelte, der Kampfruf, der in großen Lettern die Wände des Berliner Sportpalastes und anderer Riesenhallen schmückte, in denen die Massen hoffnungsvoll den Worten der nationalsozialistischen Führer lauschten. Die Jugend wußte man zu packen, indem man in ihr die romantische Vorstellung einer Wiederherstellung der altgermanischen Frieheit weckte, das Verhältnis zwischen Volk und nationalsozialistischer Regierung durch das Bild altgermanischer Gefolgschaftstreue romantisch verklärte.

Es war eine sehr geschickte demagogie, daß sich der Nationalsozialismus dem deutschen Volke darstellte als Erneuerung und Weiterentwicklung seiner alten, geheiligten Freiheiten. Aber es war doch nichts anderes als Demagogie, d.h. Volksbetrug.

Hitler, der uns die Freiheit versprach, hat uns alle Freiheiten geraubt, die unsere Väter erkämpft hatten. Er hat eine Reaktion durchgeführt, wie sie bisher in der deutschen GEschichte noch nicht dagewesen ist. Er hat das Rad der Geschichte zurückgedreht bis in das Zeitalter des Absolutismus. Aber sein System ist schlimmer als das des Absolutismus, weil es, scih heuchlerisch als ein freiheitliches ausgebend, nicht nur ein System des Zwanges, sondern auch ein Sstem der Lüge und der Rechtlosigkeit ist.

An einem Beispiel will ich Ihnen anschaulich aufweisen, wie Hitler die alte Freiheit in Knechtschaft verwandelte: an unserem Bauerntum. Einst wählte die Dorfgemeinde ihren Gemeinderat und ihren Bürgermeister. Heute wird der Bürgermeister eingesetzt von der nationalsozialistischen Behörde. Im Einvernehmen mit den nationalsozialistischen Parteiorganen beruft der Bürgermeister die Mitglieder des Gemeinderates. Zu ihm gehören vor allem der Ortsgruppenleiter, der Ortsbauernführer, die Führer der übrigen nationalsozialistischen Zwangsverbände. Aber selbst dieser Gemeinderat hat nur beratende Stimme. Die Entscheidung trifft allein der Bürgermeister nach dem nationalsozialistiscen "Führerprinzip". Die Ortsbauernversammlung wird nur in seltenen Fällen von dem Bürgermeister einberufen. Sie hat weder zu beschließen noch zu ebraten. Sie hat nur Befehle entgegenzunehmen und darf höchstens einige bescheidene Fragen stellen, die die Durchführung der gegebenen Befehle betreffen. Aufgehoben ist die bäuerliche Selbstverwaltung in Genossenschaften, Bauernvereinen usw. Alle Bauern sind zwangsmäßig eingeglieder ind ie Organisationen des nationalsozialistischen Reichsnährstandes. Dessen Führer, bis herab zum Ortsbauernführer, werden von oben her eingesetzt. Sie sind nicht den Bauern, sondern nru irhen Vorgesetzten verantwortlich. Viel guter, altdeutscher Gemeindesinn ist damit zerstört.

Selbst auf seinem Hofe ist der Bauer nicht mehr sein eigenr Herr. Er kann nicht mehr schalten und walten wie er will. Verboten ist ihm, den Haupterben selbst auszusuchen oder das Erbe zu gleichen Teilen zu übergeben. Will er den Hof seinem Sohn oder seiner Tochter übergeben, so muß er den Übergabevertrag durch das "Anerbengericht" genehmigen lassen. Über seinen Hof wird eine "Hofkarte" geführt, aus der zu ersehen ist, was sein Anwesen leisten soll und was es leistet. An Hand dieser "Hofkarte" kontrolliert der "Hofberater" seine Wirtschaftsführugn. Ihm gegenüber ist der Bauer zu eidesstattlicher Auskunft verpflichtet.

Die "Marktordnung" unterwirft ihn der Zwangswirtschaft bis ins kleinste. Verboten ist ihm, Milch anders zu verkaufen als der angewiesenen Sammelstelle, verboten, selbst Butter für den Markt herzustellen; verboten, ein Ei an den Nachbarn zu verkaufen, anstatt der Sammelstelle abzuliefern, verboten, ein Rind oder Schwein selbst zu schlachten; verboten, Kartoffeln ohne amtliches Formular, den sogenannten "Schlußschein" zu verkaufen; verboten, einem beliebigen Händler auf beliebigem Markte irgendein Erzeugnis zu verkaufen; verboten eigene Walde Bau ode rBRennholz zu schlagen; verboten, die geringste Reparatur an Haus oder Scheune vorzunemen ohne Genehmigung des Kreisbauernführers, da alle Baustoffe kontigentiert sind.
Nie war der Bauer so wenig mitberechtigter Bürger in seiner Gemeinde, nie so wenig Herr auf seinem eigenen Hofe wie unter dem nationalsozialistischen Regime. Das ist die "Wiederherstellung der freiheit des Bauerntums", das ist die "Fortsetzung und Vollendung der Steinschen Reformen". Nein, das ist die Rückverwandlung der freien Bauern der Steinschen Refomr und der bürgerlichen Revolution in Leibeigene des Absolutismus, des Mittelalters.

Nur kurz streifen will ich die Knechtung der anderen Stände. Zerschlagen sind die Gewerkschaften der Arbeiter, aufgelöst ihre politischen Parteien, aufgelöst oder "gleichgeschaltet" ihre Vereine. Hineingetrieben sind sie in die Zwangsorganisationen der "deutschen Arbeitsfront". Ihre eigenen Vertrauensmänner sind ersetzt durch Vertrauensmänner der Partei. Aus den freiwilligen Beiträgen, die sie einst gerne gaben für ihre freien Verbände, sind Zwangsbeiträge geworden, aus ihren frohen, hoffnungsvollen Maifeiern widerwillig und mürrishc begangene Zwangsfeiern. Und der oberste Führer der Arbeitsfront, Herr Robert Ley, ist für den deutschen Arbeiter ebenso ein Gegenstand der Verachtung und des Spottes, wie es der - inzwischen "krank gewordene" - Führer des Reichsnährstandes, Herr Darrè, für die Bauernschaft ist, und wie es der weiland Führer der Hitlerjugend, Baldur von Schirach, für den echten udn unverdorbenen Teil usnerer deutschen Jugend geworden ist.

Zerschlagen oder gleichegschaltet sind selbstverständlich auch die freien Organisationen des MIttelstandes, di efreien Verbände der deutschen Beamtenschaft. Und überall sind die früheren, anständigen und tüchtigen erwählten Führer dieser Verbände ersetzt worden durch unzulängliche, minderwertige, mißachtete Kreaturen der Partei.

Eine beispiellose Uniformierung des deutschen Volkes ist an die Stelle dr so deutschen Mannigfaltigkeit und Buntheit unseres Lebens getreten. Aufgelöst oder gleichgeschaltet sind alle ehemaligen, organisch gewachsenen Jugendbünde, Studentenbünde, Soldatenbünde, Sportorganisationen, Vereine bis zum harmlosen Kegelklub, bis zum Verein der Briefmarkensammler und Kaninchenzüchter.

Ihrer Freiheit beraubt ist auch unsere Jugend. Zwangsmäßig eingeglieder in das Jungvolk, die Hitlerjugend, wir dunsere männlcihe Jugend in einem schlecht kopierten unteroffizierston kasernenmäßig gedrillt und zu Landsknechtsmanieren erzogen. Durch Eintrichterung halbverstandener nationalsozialistischer Theorien wird sie "geistig gleichgeschalter", das heißt verdummt. Die Erziehung unserer weiblichen Jugend im "Bund deutscher Mädchen" ist nicht besser. Und der Wille der nationalsozialistischen Regierung ist es, daß die Männer nach Ableistung des Reichsarbeits- und Wehrdienstes in SA, SA-Reserve I, SA-Reserve II bis ins Greisenalter hinein im soldatischen und nationalsozialistischen Geiste "gedrillt" werden.

Eine Katastrophe hat der Nationalsozialismus auch der deutschen Kultur gebracht. Viele von Ihnen meinen freilich, der Nationalsozialismus habe die deutsche Kultur erst recht begründet. Zu diesem Urteil fehlt Ihnen aber die Voraussetzung: Sie kennen die deutsche Bildungswelt zu wenig, da Sie zu jung sind und da Sie ihr durch Ihren Beruf zu fern stehen. Gewiß, das deutsche Geistesleben vor 1933 litt unter einer exzessiven Freiheit. Es fehlte im die einheitliche, organisierte Idee. Es war richtungslos geworden. Aber man kann eine Idee nicht durch die Gewalt ersetzen. Die deutsche Wissenschaft und Bildung vor 1933 hatte immerhin noch ein hohes Niveau war in der Welt geachtet. Heute ist die höhere Schule Deutschlands ein Trümmerhaufen. Die Abiturienten verlassen sie mit den Kenntnissen und der Durchbildung, die man früher ind er Obersekunda erlangte. Das ist nciht etwa das Urteil enttäuschter Lehrer, sondern das ist das urteil unserer Universitätsprofessoren, höheren Offiziere, Wirtschaftsführer. Und es ist kein Wunder, daß dem so ist: hat man doch die ganze Erziehung in den Dienst der Kriegsvorbereitung gestellt, die Schulzeit gekürzt, das Boxen an erste und die Religion an letzte Stelle gesetzt. Ein Trümmerhaufen sind auch die Universitäten. Fast die Hälfte unserer Hochschullehrer, darunter gerade die bedeutendsten, sind irhes Amtes enthoben, pensioniert oder in der Emigration. Und wo sind unsere Philosophen, Künstler, Dichter von Weltruf? Wir haben noch einen Dichter gehabt, von europäischen Rang, gelesen und geschätzt in den gebildetsten Kreisen der germanischen und romanischen Nationen. Sie werden ihn nicht einmal dem Namen nach kenen. Es ist Stephan George. Er wurde mit Recht der geistige Wegbereiter unserer völkischen Bewegung genannt. Er aber lehnte den Antrag Goebbel's ab, Mitglied der Reichsschrifttumskammer zu werden oder mit dem Titel eines "Reichsdichters" sich beehren zu lassen. In der Schweiz ist er gestorben, in der Schweiz liegt er begraben. Und würden die großen geistigen Führer unserer Nation im heutigen Deutschland eine Heimt finden? Ein Lessing, der Lehrer der Toleranz und Humanität, der Vorkämpfer der Geistesfreiheit? Ein Herder, der uns den Stimmen der Völker lauschen lehrte? Ein Schiller, ein Dichter der Freiheit? Ein Goethe, der Hüter edelster Menschenbildung? Denker von der Weltweite eines Leibniz, Kant? Und können Sie sich Stifter als SA-Sturmführer, Raabe als Gauschulungsleiter und den holdesten unserer Sänger, Hölderlin, als SS-Mann vorstellen? Sie sehen daran, wie fremd das heutige offizielle Deutschland unserem ewigen geistigen Deutschland ist. Wo ist überhaupt das Antlitz der deutschen Nation? Erinnern Sie sich der Köpfe unserer Führer in den Freiheitskriegen, eines Moltke und Bismarck, ja der vielgeschmähte politischen Führer und der Geheimräte der wilhelminischen Epoche, der Porträts, die uns die Malerei des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat! Und vergleichen Sie damit die gesichter unserer heutigen deutschen "Führer": eines Himmler, Goebbels, Ley, das massive eines Göring und das unbedeutend-hysterische einse Hitler! Nein, meine Herren, das ist nicht das wahre Antlitz des deutschen Volkes. Das deutsche Antlitz ist verhüllt, und dem Ausland zeigt sich nur ein Zerrbild des deutschen Volkes. Der deutsche Geist ist geschmäht und die brutale Gewalt triumphiert.
Es ist nur konsequent, wenn Hitler auch die christlichen Kirchen bekämpft. Das Parteiprogramm hat freilich verkündet, die Partei stehe auf dem Boden des "Positiven Christentums". Doch schon bald nach der Machtübernahme mußten die Christen erkennen, daß sie allzu naiv waren, wenn sie glaubten, es sei Hitler ernst damit. Sie mußten sich belehren lassen, daß für den Nationalsozialismus das 2000jährige, historische Christentum ein "negatives Christentum" - negativ, weil jüdischen Ursprungs - ist, und daß dieses negative Christenrum ersetzt werdne soll durch ein "positives Christentum", und daß dieses "positive Christentum" der Nationalsozialismus sei, der mit seinem handfesten Programmwort "Gemeinnutz geht vor Eigennutz", alle Weisheit der Bergpredigt in den Schatten gestellt habe, und der mit seinem "Mythos des 20. Jahrhunderts" die Grundlage gelegt habe für eine "artgemäße" deutsche Frömmigkeit. Sie mußten es erleben, daß die katholische Kirche durch schamlose Prozesse verfolgt wurde, daß die Geistlichen der evangelischen Bekenntniskirche ins Gefängnis oder Konzentrationslager wanderten. hitler weiß sehr wohl, daß die christliche Religion mit ihrer Lehrer der Menschenliebe, der Mile und Barmherzigkeit in unlösbarem Widerspruch steht zur Weltanschauung, zur politischen Zielsetzung und zur politischen Praxis des Nationalsozialismus. Der Kampf gegen die Kirche ist nur während des Krieges zurückgestellt. Es ist bekannt, daß er nach errungenem "Endsiege" erneut aufgenommen, die Krichen beseitigt und eine "artgemäße" Volksreligion geschaffen werden soll, auf daß es heiße: ein Volk, ein Reich, ein Führer, ein Glaube.

Diese Maßlogkeit in unserer Kriegsführung, Politik, ind er Gewaltanwendung ist kein Zufall. Der Hang zur Maßlosigkeit ist tief in dem dynamischen Charakter des deutschen Wesens begründet: einer Dynamik, die aus den Formen unserer bildenden Kunst - im gegensatz zu der bildenden Kunst der romanischen Völker - am deutlichsten zu uns spricht. Diese Dynamik gibt uns Kraft und Tiefe; aber sie wirkt zerstörerisch und selbstzerstörterisch, wenn sie nicht geklärt und gebändigt wird durch das Maß der Antike, ebruhigt und geheiligt durch den Geist der christlichen Religion. Alle Wahrer und Hüter des deutschen Geistes haben darum gewußt und dem deutschen Volk durch Verbindung mit dem Geiste der Antike und des Christentums Dauer zu verleihen gesucht. Erst der Nationalsozialismus hat diese Bindungen als "Überfremdungen" abgeschüttelt und versucht, die deutsche Art in ihrer "germanischen Ursprünglichkeit" wiederherzustellen. Das aber bedeutet Wiederherstellugn der Maßlosigkeit der Völkerwanderungszeiten, das bedeutet Gotenschicksal, das bedeutet tragisch-heroischen  Untergang unseres Volkes - nach schweifend-abenteuerlichen Zügen, anfänglichen Siegen - vor den Mauern der feindlichen Hauptstadt: Guishard-Schicksal vor den Mauern der Byzanz. Auch der Mangel an Sinn für Realitäten, das Überwiegen der Phantasie, des Gefühls, gepaart mit leidenschaftlichem Willen, kennzeichnend für die Politik Adolf Hitlers, ist in einer gefährlichen Anlage des deutschen Volkes begründet.

Wir sehen diese drohende Gefahr des untergangs; ihr vorzubezgen, richten wir unseren Aufruf an unsere Frontkameraden. Denn noch ist Zeit zur Rettung. Noch ist die deutsche Wehrmacht stark genug, um einen ehrenvollen Frieden zu erkämpfen. Noch kann das deutsche Volk, wenn es sich von Hitler lossagt, das Vertrauen der Völker wiedergewinnen und einen ehrenvollen Frieden finden.

Sie fragen uns: "Aber was gibt gerade Euch das Recht, eggen Hitler aufzutreten?" Wir antworten: Nicht nur das Recht dazu haben wir, sondern auch die Pflicht. Diese Pflicht aber ist begründet in folgenden drei Tatsachen:

1. Wir sehen früher und klarer als unsere von den Goebbelspropaganda eingehüllte Wehrmacht und unser Volk, daß Hitler Deutschland einer Katastrophe entgegenführt. Wir sehen früher und klarer, daß diese Katastrophe von unserem Volke nur abgewendet werden kann durch den sofortigen Sturz der Hitlerregierung, die Wiederherstellung des Firedens. Wir wissen, daß jede Verzögerzung dieser Rettungstat die Katastrophe unabwendbar machen kann. Also sind wir verpflichtet, unserer Wehrmacht, unserem Volke rechtzeitig den Blick frei zu machen, damit sie die unser Vaterland bedrohende tödliche Gefahr in ihrer ganzen Furchtbarkeit erkennen und handeln können, ehe es zu spät ist.

2. Adolf Hitler behauptet, er und seine Regierung verkörpere den Willen des deutschen Volkes. Das ist iene Lüge, und eine gefährliche Lüge. Denn wäre dem so, dann müßte unser Volk mitverantwortlich sein und mitbüßen für alle Frevel, die von Hitler begangen und verursacht wurden. Aber das deutsche Volk und Adolf Hitler sind nicht eins. Sie sind nei ganz eins gewesen, und heute sind sie vollends zweierlei. Da aber unserem Volke der Mund verbunden ist, so sind wir verpflichtet, seinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen und HItler und der ganzen Welt kundzutun: Wir, das deutsche Volk, sind nicht eins mit der Regierung Hitler; wir sind von Hitler betrogen worden; wir haben nichts mehr gemein mti Hitler und seinem System; wir sind von Hitler gekenchtet und tragen keine Verantwortung für den Frevel, durch die er den ehrenwerten Namen unseres Volkes in der Welt schändet und verhaßt macht.

3. Das deutsche Volk ist von Hitler in Ketten geschlagen. Es kann weder politisch reden noch politisch handeln. Noch kann es nichts tun für die Wiedereroberung seiner Freiheit. Wir Kriegsgefangenen - eine erstmalige und, wie wir hoffen, einmalige Situation in der deutschen Geschichte - sind politisch freier als unser sogenanntes freies, in Wirklichkeit versklavtes Volk. So sind wir, die wir durch die Kriesgefangenschaft politsich frei geworden sind, verpflichtet, zu reden und zu handeln für unser Volk, das noch politisch gefesselt ist.

Oder wollen wir diese Tatsachen bestreiten? Jawohl, gefesselt ist unser Volk, beraubt seiner elementarsten Freiheiten, eingesperrt in ein großes Gefängnis, den nationalsozialistischen Staat.
Der heutige Reichstag ist keine Volksvertretung. Seine Mitglieder sind die Trabanten Hitlers, sind vom Diktator nominierte Kandidaten, über die das deutsche Volk nur mit "Ja" oder "Nein" abstimmen konnte, in Wirklichkeit aber nicht einmal abtimmen konnte - die Abstimmung war ein EBtrug; sie war nur dem Scheine nach geheim, in Wirklichkeit fand sie statt unter dem Terror assistierender SA-Männer. Und worin besteht die politische Tätigkeit dieser "Volksvertreter"? Nur darin, daß sie sich von ihren Sitzen erheben und sich wieder hinsetzen. Die Schamröte trieb es jedem selbstbewußten, freien deutschen Manne ins Gesicht, wenn er am Rundfunk dieses Theater, diese Entwürdigung seiner völkischen Ehre und Freiheit miterlebte. Hitler hat die gesamte Macht in seinen Händen, eine Macht, wie sie kein Kaiser unserer tausendjährigen Geschichte besessen hat: die politische Macht, die Wehrmacht, die Polizei und - neuerdings - sogar die Gerichtsbarkeit, die doch selbst im Zeitalter des Absolutismus ihre Unabhängigkeit vom herrscher zu bewahren wußte, wie Ihnen allen noch asu der Schulanekdote vom Müller von Sanssouci in Erinnerung sein dürfte. Kein Deutscher kann heute in Deutschland selbst die Fesseln abschütteln; keiner kann die Stimme erheben zur Rettung des Vaterlandes. Keinen legalen Weg gibt es, um den Willen des Volkes zum Ausdruck zu bringen. Sprechen können jetzt und für die nächste Zeit nur die deutschen Männer, die im Ausland leben, sei es in der Emigration oder in der Kriegsgefangenschaft. Und der einzige Weg, der ihnen offengeblieben ist zur Rettung ihres Volkes, ist der Weg der Revolution. Erschrecken Sie nicht über dieses Wort! Es gibt ein Recht zur Revolution, und nirgends ist es überzeugender ausgesprochen als in Schillers "Wilhelm Tell":

"Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last - greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ewgen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht.
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwer gegeben."

Freilich: Wir sind an unseren Eid gebunden. Wir haben unseren Fahneneid geleistet auf den Führer des deutschen Volkes. Von ihm uns loszusagen, ist uns schwer geworden, sehr schwer. Männliche Keuschheit verbietet uns, von den seelischen Kämpfen zu sprechen, die hinter uns liegen. Aber Gott, der die Gewissen prüft und durchschaut, wrid wissen um unsere Not und unsere Lauterkeit, er wird uns freisprechen. Denn den Eid, den wir Hitler geleistet haben, haben wir ihm nur geleistet als dem Führer des deutschen Volkes. Hitler aber hat das Recht verwirkt, sich Führer des deutschen Volkes zu nennen. Durch Freveltaten zur Macht gekommen, führt er, vom Wahn geblendet, das Volk in die Katastrophe. Führer und Volk sind nicht mehr eins. Würde heute dem deutschen Volk die Möglichkeit einer wirklich freien Abstimmung gegeben, so würden 90 Prozent sich gegen den Krieg und gegen Hitler, für die Freiheit und für den Frieden erklären. Höher als die Treue zu dem einen Mann Adolf Hitler steht uns die Treue zu unserem ganzen Volke, und wir stehen zu unserem Entscheid mit dem ganzen Ernst unseres Lebens. Wir treffen diese Entscheidung in der heiligen Überzeugung, daß nur auf diesem Wege unser Volk vor der Katastrophe gerettet und ihm seine Zukunft gesichert werden kann.

Einige von Ihnen freilich wollen uns nicht verstehen. Sie machen uns Vorwürfe, sei es aus Unkenntnis, Irrtum, sei es aus Verleumdung. Manche werfen usn vor, wir wolten die Niederlage der deutschen Armee, die Zerstückelung und das Elend Deutschlands. Damit verdächtigen sie uns der mangelnden Vaterlandsliebe oder gar des Vaterlandsverrates. Ihnen empfehle ich, etwas bedächtiger, behutsamer in ihrem Urteil zu sein.

Ich habe nun 10 Monate das Los der Kriegsgefangenschaft mit Ihnen geteilt. Keiner von Ihnen wird mir anchsagen können,d aß ich mich jemals meiner militärischen Taten, meiner Tapferkeit, meiner Verdienste um das Vaterland gerühmt hätte. Das verbot mir die Scham und die - im heutigen Deutschland freilcih wenig geschätzte und selten anzutreffende - Bescheidenheit. Heute aber gebietet die Stunde, Ihnen doch einiges aus meinem Leben mitzuteilen.

So teile ich Ihnen nun heirdurch mit, daß ich 1914 - 18jährig - begeistert als Kriegsfreiwilliger ins Feld gezogen bin und 1917 aus dem Lazarett, kaum ausgeheilt, auf einen Stock gestützt, zum zweitenmal freiwillig an die Front gegangen bin, weil es mich zu Hause nicht hielt und weil ich meine Kameraden in Kampf und Gefahr nicht im Stich lassen wollte. Ich habe mit ihnen zusammengestanden bis zum letzten Schuß. Auch an diesem Kriege habe ich von Anfang an freiwillig teilgenommen. Eine mir angebotene UK-Stellung für wichtige kulturelle Arbeit in der Heimat habe ich abgelehnt, in der Meinung, dahin zu gehören, wo das deutsche Schicksal entschieden wird, wo mein deutsches Volk kämpft und blutet. So bin ich denn in Rußland schwer verwundet worden und dabei in Gefangenschaft geraten. Wenn ich mich nun auch hier in egfangenschaft nicht in den Ruhestand versetzt fühle, sondern leidenschaftlich Anteil nehme an dem Schicksal meines Volkes und - entsprechend der gewonnenen Einsicht - den Kampf aufnehme gegen seine Verderber, für seine Zukunft, so bin ich meiner früheren Haltung nur treu geblieben. Und dese Haltung sieht ja wohl nicht gerade nach mangelnder Vaterlandsliebe aus. Mangel an Vaterlandsliebe könnte man eher bei den Herren vermuten, die in der Gefangenschaft - ohne am Schicksal ihres Volkes weiter Anteil zu nehmen - stumpf dahinleben und nur allenfalls noch an ihre persönliche Zukunft denken, Mangel an Mut bei denen, die trotz richtiger Erkenntnis des Notwendigen sich um die Entscheidung herumdrücken.

Doch ich kehre zurück zur Sache. Ein Vorwurf lautet also, wir wollten die Zerrüttung der deutschen Armee, wir wollten selbst einen Zusammenbruch herbeiführen, wie ihn Deutschland 1918 erlebt hat. Nein, meine Herren, wir wollen gerade diesen Zusammenbruch verhindern. Er hätte auch im ersten Weltkrieg dem deutschen Volke erspart werden können, wenn es rechtzeitig, spätestens 1917, Frieden geschlossen hätte, als seine Wehrmacht noch stark war. Damals sind auch deutsche Männer dafür eingetreten: nicht nu dei Volksvertreter im Reichstag in der Friedensresolution, die nur taktisch verkehrt, in ihrer Zielsetzung aber richtig war, sondern auch Heerführer wie der Kronprinz Ruprecht von Bayern in einem Handschreiben an den Kaiser, und Wirtschaftsführer, nicht nur der utner Ihnen berüchtigte Ballin. Und die Veröffentlichungen über den Weltkrieg, herausgegeben vom deutschen Reichsarchiv in Spandau, haben diese Zusammenhänge aufgedeckt und gezeigt, daß nciht der politische "Dolchstoß" der Linksparteien den Zusammenbruch herbeigeführt hat, sondern die Verspätung des Friedensschlusses, für die verantwortlich sind General Ludendorff und der Alldeutsche Vebrand, der die Annexionsinteressen der deutschen Schwerindustrie vertrat. Auch heute kann das deutsche Volk den Frieden haben, wenn es das okkupierte Sowjetgebiet räumt und sich frei macht von der Herrschaft Hitlers. Soll es abermals kämpfen und bluten, bis nichts anderes übrigbleibt als der Sturz mit Hitler in den Abgrund?

Anderer Vorwurf: unser Weg könne zur Zerstückelung Deutschlands führen. Nein, man wird Deutschland nur dann zerstückeln, wenn das deutsche Volk sich als unzertrennlich von Hitler erklärt und sich damit als dauernde Gefahr für den Weltfrieden erweist.

Vorwurf: wir würden Deutschlands Verelendung herbeiführen. Antwort: nein, wir wollen Deutschland vor dem Elend bewahren. Furchtbar wrid es sein, wenn unser armes Volk für alle Frevel Hitlers büßen soll.

Vorwurf: wir pflegen die Freundschaft mit Deutschlands Feind, der Sowjetunion. Antwort: die Sowjetunion ist immer dem deutschen Volke befreundet gewesen und wird auch immer Freundschaft mit ihm halten. Die Sowjetunion ist aber der Feind Hitlers, und Hitler hat sich als der Feind des deutschen Volkes erwiesen.

Unsere bürgerlichen Kameraden werfen uns vor, wir seien Marxisten. Wir empfinden das nicht als Vorwurf, denn in unseren Augen ist es keine Schande, Marxist zu sein. Aber diese Meinung unserer Gegener ist unbegründet. Zu unserer antifaschistischen Gruppe gehören Männer aller politischen Schattierungen, nur keien Nationalsozialisten, Männer verschiedener Stände und verschiedener Konfessionen. Wir wollen auch gar nicht die Errichtung eines marxistischen Deutschlands, sondern wir haben nur ein gemeinsames Ziel: Sturz der Hitlerregierung, Wiederherstellung der deutschen Freiheit und des Friedens. Die Wahl der Staatsform ist Sache des deutschen Volkes.

Unsere Gegner werfen uns vor, uns fehle es an der nötigen politischen Einsicht. Hier fällt es mir schwer, nicht satirisch zu werden. Haben Sie wirklich vergessen, meine Herren, welches die politischen Einsichten waren, die Sie seit Ihrer Gefangennahme zutage gefördert haben? War nach Ihrer Meinung Moskau nicht schon im August 1941 in deutscher Hand? Hatten nach Ihrer Meinung nicht deutsche Heere - das eine die Wolga abwärts, das andere die Wolga aufwärts marschierend - sich in der Mitte getroffen und - eine wahrhaft grandiose militärische Phantasie - den ganzen russischen Raum mit sämtlichem Inventar ringsum umfaßt? Ist nach Ihrer Meinung nicht der Frieden mit dem besiegten Rußland längst geschlossen, so daß wir nur zu Unrecht hier noch festgehalten werden? Ich könnte diese "Parolen" verhundertfachen, um ihre Kindlichkeit bloßzuistellen; doch ist mir die Stunde dazu viel zu ernst. Ich erinnere mich aber wohl, daß junge Berufsoffiziere im vorigen Weltkrieg die gleiche politische Unreife und Unerfahrenheit an den Tag legten,d aß sie noch im August, ja noch im Oktober 1918 den deutschen "Endsieg" unmittelbar bevorstehend glaubten. Worin ist diese politische Kurzsichtigkeit begründet? Ich glaube in der Eigenart des Offiziersberufes, der den Offizier allzusehr gegen die bürgerliche Welt absperrt, und der den Mann auch fachlich so sehr in Anspruch nimmt, daß ihm nicht genügend Zeit zur politischen Bildung wie zur geistigen Bildung überhaupt verbleibt. Diese Kurzsichtigkeit ist in diesem Kriege alerdings noch auffallender als in dem vergangenen.

Und das hat seine Ursache in der nationalsozialistischen Erziehung. Der Nationalsozialismus hat sich zum Ziel gesetzt, das ganze Volk zu gedankenlosen und willenlosen Werkzeugen Hitlers zu machen. Und er hat dabei erstaunlcihe Erfolge errungen. Er hat große Massen unseres Volkes zu einem wahren sacrificio del inteletto gebracht; das Volk hat sich seines eigenen Denkens begeben. "Was der Führer spricht, ist wahr. Was der Führer will, ist recht. Was der Führer tut, ist gut." So hatten ja acuh Sie Ihren Stolz darein gesetzt, zu verkünden: "Der Führer hat uns im August 1941 den Endsieg in kürzester Frist versprochen. Bis spätestens Ende September sind wir zu Hause. Ein Schuft, wer an dem Wort des Führers zweifelt." Und solcher Beispiele könnte ich Ihnen gar viele in Erinnerung zurückrufen. aber diese Haltung, meine Herren, steht wenig in Einklang mit dem von Ihnen so hoch gerühmten Stolz der alten Germanen. Ihre Ehre war es, freie Männer zu sein, als freie Männer im thing des Volkes über Krieg und Frieden zu entscheiden, als freie Schwertträger ihres Volkes Recht z finden und ihres Volkes Schicksal zu ebstimmen. Sie aber finden Ihren Stolz darin, Sklaven zu sein. Ihnen rufe ich zu mit dem Zorne Ernst Moritz Arndts:

"Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte.
Drum gab er Säbel, Schwer und Spieß
Dem Mann in seine Rechte.
Drum gab er ihm den kühnen Mut,
Den Zorn der freien Rede,
Daß er bestände bis aufs Blut,
Bis in den Tod die Fehde."

Manche von Ihnen werfen uns Älteren auch vor, wir verständen die deutsche Jugend der Gegenwart nciht; sie sei begeistert für Hitler und sein Werk und stehe heute noch mit de selben Glauben zu ihm wie vor Jahren. Meine Entgegnung: für einen Teil der jungen Menschen mag das zutreffen, für alle nicht. Bei mir sind schon vor dem Kriege gar viele junge Menschen eingekehrt und haben mri ihre Enttäuschung gebeichtet, die sie im Arbeitsdienst, in der Wehrmacht erlebt hatten, und ich, der Ältere, habe ihnen wieder Mut und Vertrauen geben müssen. Im übrigen kann cih, der Ältere, Reifere, nur mit Sorge und Trauer an unsere Jugend denken. Es wird ihr ergehen wie uns, der "Jugend von Langemark". Wir zogen in den vorigen Krieg mit Hölderlinscher Gesinnung, bereit, unser Leben zum Opfer zu geben für unser Vaterland, das wir bedrohnt meinten. Und bei Kriegsende mußten wir erkennen, daß unsere heilige, lautere Glut von kaltberechnenden Bank- und Industrieherren mißbraucht war zur Erreichung ihrer materiellen, egoistischen Ziele. Und wir kehrten heim in ein Deutschland der Armut und des Elends, in dem wir nur mit Anstrengung aller Kräfte uns eine neue Existenz schaffen konnten. Dieselbe Enttäuschung, die wir erlebt haben, wird auch die vaterländische begeisterte Jugend dieses Krieges erleben müssne. Das schmerzt mich. Aber das Elend, das wir in den Nachkriegsjahren durchgemacht haben, soll ihr erspart bleiben; darum kämpfen wir für einen rechtzeitigen Frieden.
Einige kindliche Gemüter sagen, sie seien die Optimisten, wir die Pessimisten, womit sie zugleich sagen wollen, daß sie eine gute, wir dagegen eine schlechte Anschauung vertreten. Sie halten es für Optimismus, wenn man in kindlicher Illusion das Kriegsende für den September 1941, dann den Oktober, November usw. immer von Monat zu Monat, mit Überzeugungskraft ankündet. Sie hatlen es für Pessimismus, wenn man im Herbst 1941 erklät, der Krieg könne noch bis Herbst 1941, vielleicht sogar bis 1943 dauern, d.h. wenn man die Realitäten richtig einschättz. Das ist aber eine Tertianer-Philosophie, und ich empfehle Ihnen, später einmal zu Hause in einem philosophischen Wörterbuch nachzuschlagen, was man unter diesen beiden Begriffen versteht. Hier stehen sich nicht gegenüebr Optimismus und Pessimismus, sondern Unreife und Reife, Kindlichkeit und Männlichkeit.

Man fragt uns: warum handelt Ihr erst jetzt und hier? Warum nicht längst in Deutschland? Eine kindliche Frage, die man von einem Soldaten nicht erwarten sollte. Das politische Handeln verlangt, genau so wie das militärische, seine Zeit und seinen Ort Man muß dei Stunde abwarten können; das müßten Sie eigentlich aus den Worten Hitlers selbst wissen. Und diese Stunde zum Handeln ist jetzt erst gekommen. Die Art des Handelns aber ist durch die politische Situation bestimmt, in die wir gestellt sind.

Der schweste Vorwurf lautet: Verrat und Eidbruch. Was ist Verrat? Verrat begeht der, der um eigenen Vorteils willen dem Vaterlande Schaden zufügt. Wir aber nehmen eigenen Schaden auf uns, um dem Vaterlande Rettung zu bringen. Wir sind nicht Vaterlandsverräter, sondern Vaterlandserretter. Möge sich jeder prüfen, daß er nicht durch Passivität zum Volksverräter wird! Brechen wir den Eid? Formal - ja; inhaltlich - nein. Über manche von Ihnen aber lautet das Urteil: Eidbruch formal - nein, inhaltlich - ja! Nicht die formale Erfüllung des Eides, den wir Hitler geleistet haben, macht unseren Wert und unsere Ehre aus, sondern die wesentliche Erfüllung usnerer Treuepflicht gegenüber unserem Volke.

Man bedauert uns, wir brächten uns um unsere Ehre. Bei wem? Bei unserer Gruppe? Seien Sie versichert: meine Soldaten werden mir die Treue halten, wie sie mir meien Kameraden des ersten Weltkrieges durch alle Jahre hindurch bewahrt haben bis zum Tage meiner Gefangennahme und sich auch heute noch bewahren. und wie es mir ergeht, so wird es all den Kameraden ergehen, die mit uns den glichen Entschluß gefaßt haben.

Oder meinen Sie, das deutsche Volk werde uns seine Abrechnung entziehen? Weit gefehlt, meine Herren! Sie wird es fragen, was Sie getan haben in seiner Not, um es vor dem Untergang zu retten. Uns wird es einst begrüßen als seine treuesten Söhne, als die Vorkämpfer seiner Freiheit und seines Friedens.

Oder meinen Sie, daß uns in unserem Stande Mißachtung entgegengebracht werden könnte? Jawohl, bei einigen gewiß. Aber das nehmen wir gerne auf uns. Das Wohl unseres Volkes und die Ehre bei unserem Volke stehen uns höher als die Anerkennung von Leuten, die über den engen Kreis ihrer Standesintersesen und Standesvorurteile nicht hinausblicken können.
Das Wichtigste aber ist uns die Ruhe und die Lauterkeit unseres eigenen Gewissens. Und hierbei möchte ich ein Wort an diejenigen unter den Kameraden richten, die Christen sind. Mögen sie nicht vorschnell aburteilen über uns "Sünder", auf daß sie nicht selbst gerichtet werden. Ein Gericht könnte über sie mit dem Zusammenbruch des Hitlersystems hereinbrechen. Ein beträchtlicher Teil unserer evangelischen Kriche hat sich nämlich, ähnlich wie im ersten Weltkrieg, in einer Weise an den gegenwärtigen Staat angelehnt, die die Lauterkeit der Verkündung des Evangeliums in Frage stellt und sie mitverantwortlich macht für den Frevel der Machthaber. Diesen Vertretern einer verstaatlichten oder faschisierten Kriche sei empfohlen, die Lehren des Evangeliums nicht an dem Mythos Rosenbergs zu messen und ihm anzuapassen, sondern die Lehren, die Moral, die Politik des Nationalsozialismus am Evangelium zu prüfen - und sie werden zu demselben Urteil kommen wie wir: daß nämlich der Nationalsozialismus ein Verderb und ein Unglück für unser Volk.

Den humanistisch Gebildeten unter Ihnen aber rufe ich zu: wie erschütternd ruft uns der Wahn Hitlers die Weisheit der griechischen Tragödie in Erinnerung! Hybris - Ate - Nemesis: vermessenheit - Verblendung - Rache der Gottheit. Wiederholt dieser Dreiklang der griechischen Tragödie sich nicht wie eins im Schicksal des Xerxes nunmehr im Schicksal Adolf Hitlers? Und soll das ganze deutsche Volk in diese Trägödie mit hineingerissen werden? Und sollen alle Warnungsstimmen ungehört verhallen wie einst die Stimme der Kassandra? Den herren aber, die durch die deutsche Weisheit und Dichtung gebildet sind, rufe ich zu: Was das Hitlerdeutschland tut, das ist Verrat am Genius des deutschen Volkes. "Priesterin der Völker zu sein", das sei die Bestimmung des deutschen Volkes, so lehrte usn Hölderlin. Heute haber sind wir vergewaltiger und Zerstörer der Völker. Wir opfern denselben Götzen, die uns im ersten Weltkriege so schmählich im Stich gelassen haben. dem Gelde, der Macht, der Gewalt. Wir führen einen Tanz ums Goldene Kalb. Und wir müssen büßen mit tragischem Untergang, wenn wir nicht rechtzeitig den Weg zurück finden zu uns selbst, zum Genius unseres Volkes.

Um unsere Idee, um unserer Aufgabe willen haben wir den Kampf aufgenommen. Er hat begonnen als eine Fehde zunächst hier in unserem Lager. Er brachte uns eien Scheidung, eine Trennung unserer Kameradschaft. Das ist mir persönlich schmerzlich. Höher aber als der Korpsgeist steht uns die Zukunft unseres Volkes. Wir sind auch nicht bange, daß wir jetzt noch eine kleine Schar sind. Das wird sich bald ändern. Sind wir jetzt 20 Offiziere, so werdne wir bald 40, 60 sein - und schließlich wird das ganze Lager auf unserer Seite stehen. Und was sich hier ereignet, das spielt sich auch bereits im deutschen Volke ab, dort freilich noch unsichtbar, nur spürbar. Die Mehrheit unseres Volkes hat sich innerlich schon von Hitler losgesagt. Der Tag wird kommen, wo es auch vor aller Welt sich von ihm frei macht und seinen eignen Weg in die Zukunft sucht. Dann wird das ganze deutsche Volk mit uns marschieren.

Das deutsche Volk muß sich bald entscheiden.

Seine Schicksalsstunde naht.

Auch Sie, meine Herren, sind vor diese Entscheidung gestellt.

Sehen Sie zu, daß Sie die rechte Entscheidung treffen!



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