Gedichte


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Gedicht vom 6. Mai 1944
Ein Soldat schreibt seiner Mutter mit Schreibmaschine ein Gedicht. Neben dem Text ist eine bunte Zeichnung mit einem Blumenstrauß in einer Vase zu sehen.


An meine liebe Mutter!

Ich habe gerade Zeit nur wenig Stunden,
Da denk ich an die Heimat, an Dich.
Wir hatten durch Zufall Quartier gefunden,
Ich schreibe auf einer Kiste als Tisch.
Die einen liegen in wackligen Betten,
Die anderen wieder verschönern sich.
Neben mir wird geputzt, es sind die Netten,
Ich aber schreibe an Dich.
Du machst, ich weiß es, Dir täglich Sorgen,
Stehst sinnend immer vor unserer Tür,
Du wartest mit Sehnsucht jeden Morgen
Auf ein Lebenszeichen von mir.
Oft gehst Du enttäuscht hinein ins Zimmer,
Mutter, wir haben so wenig Zeit!
Bei uns gibt's nur Tempo, vorwärts immer,
Drum liegt auch das Ziel nicht mehr allzu weit.
Wie so oft hast Du mein Bild in der Hand,
Gelt, liebste Mutter, Dein Bub ist ein Mann,
Du denkst, es war gestern, als vor Dir ich stand.
Voll Lachen, wie nur ein Junge lachen kann.
Ich schrieb Dir: Sei stolz, lieb' Müttrlein,
Daß Dein Junge, der kleine Hans von einst,
Als Kämpfer in vorderster Front darf sein.
Ich weiß, dass Du stolz bist und nicht weinst .....
Hörst Du einmal längere Zeit nichts von mir,
Dann ängstige Dich nicht um mich.
Wir haben, wie oft schon, ein neues Quartier,
Nicht wahr, Du weinst nicht um mich?
Nur ist es schon Nacht. Dein Stern mich jetzt grüßt,
Die Worte sind alle verklungen.
Für heute sei herzlich und innig geküßt,
Du, Mutter, von Deinem Jungen.