Estland

Texte aus den Jahren
1939 - 1945


Brief vom 5. April 1942 aus Tallin in Estland
Ein junge Estländerin schreibt einen Brief, den sie in deutscher Sprache verfasst hat, an eine gute Freundin nach Wien. Darin beschreibt sie sehr ausführlich, wie sie und ihr Umfeld die russische Besatzung miterlebt hat.
"Wovon soll ich jetzt anfangen? Man hat ja so viel während er langen Zeit durchgemacht, daß es einem wirklich schwer fällt zu entsinnen, welche Ereignisse die wichtigsten waren. Nun doch - das sollst Du wohl fürs erste Wissen, daß ich Deine lieben Grüße meinen Onkel schon lange nicht übergeben kann, da er seit November 1940 tot ist. Sein Herz war ja schon lange leidend, aber die Ereignisse des Sommers 1940, welche unser kleines Land betrafen, führten auch meinen lieben Onkel zu einem raschen Ende. Es war ein zu großer Patriot, um all das überstehen zu können, was hier geschah. Seit seinem Tode besteht unsere Familie nur noch aus drei Menschen und bin so etwas wie ein „Familienhaupt“ geworden.
Und das Leben geht weiter... Ich glaube, Du hast so ungefähr erfahren, was bei uns in diesen zwei Jahren geschehen ist. Weißt Du, meinem ärgsten Feind würde ich auch nicht wünschen, daß er unter dem Joch der Bolschevisten leben müßte. Etwas schrecklicheres kann es überhaupt nicht geben.

Im Sommer 1940 fing es an. Da kamen die barbarischen Asiaten und wurden Herren über uns. Alles, was unseren Herzen heilig und teuer war, wurde unter den Füßen zertreten. unsere liebe Tricolore, blau-schwarz-weiß, durfte überhaupt nicht mehr ans Tageslicht kommen, unsere schönen heimatlichen Lieder durften nicht mehr gesungen werden. Jeder, der nicht aus vollem Halse mit ihnen dem fernen, fremden Mann, namens Stalin und seinen Genossen „Heil“ schrie und ihre banalen Lieder nicht mitsang, wurde in Konterreolution verdächtigt. Massenhafte Verhaftungen wurden jeden Tag veranstaltet. Es verschwand Mensch nach Mesnch und niemand wußte, wohin sie blieben oder was aus ihnen wurde. Man ging einfach ganz stumm umher, denn es gab überall Spionen und ein einziges unvorsichtiges Wort genügte, um schon verhaftet zu werden und ins Ungewisse zu verschwinden. Ach, man kann das alles so in Worten nicht schildern, man muß das persönlich durchleben. Dann hat man erst eine Ahnung, wie das „schöne, glückliche und sorglose Leben“, wie sie selbst Tag für Tag posaunten, in Sovjet-Union aussieht.

Doch so viel Mut hatten die roten Herrschern nicht, um uns das Weihnachten zu verbieten. So bekamen wir zwei Feiertage frei, hatten aber daher zwei nächsten Sonntage zu arbeiten, da doch kein Arbeitstag verloren gehen durfte! Und so kam das Jahr 1941.... Mutlos und sorgenvoll sahen wir der Zukunft entgegen. Nichts Gutes hatten wir zu hoffen. Unser Freiheitstag am 24. Februar wurde ganz in Geheimen gefeiert, laut durfte man von diesem Tag überhaupt nicht sprechen, da er doch die Bolschevisten an ihren schamhaften Verlust im Jahre 1918 erinnerte.

Das Schrecklichste stand uns noch vor. Wenn wir den schweren Frühling überwunden hatten und schon der Sommer ankam, wurden in einer Nacht tausende Menschen aus ihren Betten gerissen, auf Kraftwagen gesetzt und nach Bahnhöfen gefahren. Dort wurden sie in Tierwagen gesetzt und nach Bahnhöfen gefahren.Dort wurden sie in Tierwagen gesetzt, so ungefähr 60 Menschen in einem Waggon, dabei wurden die Männer von den Frauen und Kindern geschieden. Und so ging „die Reise“ in das rote Paradies - nach Rußland. Man hatte den Ärmsten überhaupt keine Zeit gelassen sich etwas mitzunehmen, kaum, daß sie sich etwas anziehen konnten. Und allen stehen noch die endlosen, grausamen Züge vor den Augen, die nur aus verschlossenen Tierwagen bestanden, Holzstäbe vor den winzig kleinen Fenstern, hinter denen manchmal ein Aufschrei oder Stöhnen ertönte... Siehst Du, Heli, so wird ein Mensch von einem anderen Menschen behandelt! Wie man jetzt weiß, wurde in dieser schrecklichen Nacht über 60 000 Menschen aus Estland nach Rußland verschleppt. Die Männer kamen mit ihren Familien nie wieder zusammen. Sehr viele hielten diese Fahrt überhaupt nicht aus, sie starben unterwegs oder wurden irrsinnig. Und wo die übrigen eben sind - Gott allein weiß es... Jedenfalls hatten die Bolschevisten im Sinn das ganze estnische Volk so zu verschleppen, wie auch das lettische und litauische, weil diese Völker dem Bolschevismus nicht entwachsen waren, weil sie keine Asiaten waren, sondern aus Europa stammten.

Doch ehe dieser teuflische Plan in Erfüllung gehen konnte, kam die Rettung - Deutschland erklärte Rußland Krieg! Ein Aufatmen ging durch das Land - endlich, endlich! Aber bevor wir die Retter selbst grüßen konnten, hatten wir noch viel schweres zu erleben. Es wurden nämlich unsere Männer mobilisiert, tausende von ihnen mußten die Heimat verlassen. Es gab ja auch viele, die nicht mitgingen und sich in Wäldern versteckten. Aber alle konnten es nicht tun und so mußten sie gehen, um mit Rußland gegen Deutschland zu kämpfen! Natürlich liefen sie bei erster Gelegenheit herüber zu den Deutschen, doch die meisten von ihnen wurden überhaupt nicht an die Front geschickt und von ihnen weiß man eben noch nichts. Auch ich mußte von einem lieben Freunde Abschied nehmen und habe bis zum heutigen Tag von ihm keine Kunde.

Tallinn wurde am 28. August gefreit. Es war herrlich wieder unsere Fahnen an Häusern schweben zu sehen und wieder frei unsere Volkshymne zu singen. Man weinte vor Freude und fremde Menschen umarmten sich auf den Straßen. Deutsche Soldaten wurden mit Blumen überschüttet. Auch in unserem hause kamen fünf Soldaten ins Quartier, fünf junge, lustige Burschen, die uns viele freudige Stunden bereiteten und nach manchen Tagen wieder singend weiter zogen.

Die 14 Monate bolschevistischer Herrschaft lagen wie ein böser Traum hinter uns. Und nun begann ein neues Leben, begann das Aufbauen. Denn arm waren wir geworden, völlig. Alles, was wir in unserer 22-Jährigen Freiheit geschaffen und gebaut hatten, war mit diesem einem Jahr wie ungewesen geworden. Ganz von vorne mußten wir anfangen. Unsere größten Fabriken war vernichtet, wir hatten kein elektrisches Licht und keine Wasserleitung. Unsere Landwirtschaft hatte sehr viel gelitten, die besten Viehherden waren vernichtet (sie übergossen die armen Tiere mit Petroleum und steckten dann das Feuer an!) und unzählige Gesinden zerstört. Wir hatten keine Eisenbahnwagen mehr und keine Schiffe.

Und doch wir waren frei, frei von den Asiaten, wir waren wieder wir selbst. Es geht wieder aufwärts in unserem Leben, es geht weiter Schritt für Schritt, Tag für Tag! Und das alles dank den deutschen Volke! Schon in Oktober fiel der Schnee und immer noch wird es nicht wärmer. Die Soldaten an der Ostfront haben es wohl unsagbar schwer gehabt, aber nun wird hoffentlich doch der Frühling kommen..."

Dieses Thema steht im Zusammenhang mit den Themen: Russland (1939-1945) und Diskriminierung (1939-1945)