Nationalsozialismus

Texte aus den Jahren
1933 - 1938



Brief vom 4. Oktober 1937 aus München

Ein Herr in einer Münchner Firma hat sich über eine Kollegin bei der Geschäftsleitung beschwert. Es ging dabei um eine Rechnung, die dem Herren von der Dame übergeben wurde, dann aber verschwand. Der Herr behauptete, dass das Dokument niemals an ihn überreicht wurde. Die Dame hat dann erfahren, dass die Rechnung drei Tage nach der Übergabe vom Beschwerdegeber zur Auszahlung angewiesen wurde. Dies stellt das Fräulein bei der Geschäftsleitung im Rahmen einer Stellungnahme in Form eines Briefes klar. Nach dieser Klarstellung, machte die Dame auf weitere Vorfälle aufmerksam, die sie über zwei maschinenbeschriebenen Seiten erläutert. Anschließend gab es noch eine Anmerkung, die wir hier für Sie abgetippt haben. Die genannten Nachnamen  haben wir abgekürzt.

"Beim Empfang anläßlich des Reichsparteitages hat er während der Zeit gearbeitet und beim Empfang der Führerrede mußte er durch eine Bemerkung von Fräulein W. ermahnt werden, mit dem Knistern von Papier aufzuhören, da dadurch die Stille auf dem Flur, wo das gesamte Personal versammelt war, gestört wurde. Meiner Meinung nach ist es nicht nötig, während eines Gemeinschaftsempfanges zu arbeiten, denn Herr H. hat ja auch sonst während der Arbeitszeit Zeit genug, sich mit seinen Damen über Mode und Politik zu unterhalten. Bei letzteren sollte er sich auch etwas mehr reserviert halten. Wenn er erzählt, es gäbe nichts schöneres, als einem Kind das Beten zu lehren, oder, daß er jeden Sonntag in die Kirche geht, oder, daß es ohne Religion keine wahre Volksgemeinschaft gibt, so soll er diesen Mist für sich behalten. Wir lehren den Kindern den Glauben an Gott und den Nationalsozialismus, unsere Kirche ist die politische Versammlung, wo man sich wirklich geistig bilden kann und zu guter Letzt sehen wir eine wahre Volksgemeinschaft darin, wenn wir die Ziele und den Glauben unseres Führers unterstützen. Wenn Herr H. dies auch befolgen würde, könnte er sich nicht bei einem Telefonat in seinem Dienstzimmer dahingehend äußern, daß die Übungen der SA das reinste Kasperltheater wären.

Alles in allem ist denn auch zu verstehen, wenn er es ablehnt, mit einer verdienten Parteigenossin zusammenzuarbeiten und lieber eine junge Schreibkraft hätte. Ist hier ein kameradschaftliches Verhalten des Städtischen Kasseninpsektor H. gegeben? Heil Hitler!"