Memelland

Texte aus den Jahren
1933 - 1938


Aufsatz - "Memelland - Ausland?"
Ein junges Fräulein schreibt einen Aufsatz über das Memelland. Aus welcher Zeit der Text stammt, wissenwir nicht genau. Vermutlich aber aus den 30er Jahren. Der Text wurde mit einer Schreibmaschine verfasst und beinhaltet viele Korrekturen der Autorin.
"Seltsamer Begriff für einen Menschen, dessen Kindheit so untrennbar verbunden ist mit der deutschen Memel!
Meine ersten bewussten Eindrücke haben mit der Memel zu tun, mein erstes Jugendabenteuer war ein "Auskniff" an diesen Strom.
Es war in Tilsit, ich mochte vier Jahre alt sein, als mein Spielkamerad, der sich im 1. Schulsemester befand, mich an das grosse Wasser lockte zum Steinchenwerfen. Wir baumelten mit den Beinchen über das hohe Bollwerk und guckten weit hinüber in die Gegend jenseits des Flusses: Wasser, Wiesen! Und danach gab es häusliche Haue = unvergessliches Memelerlebnis!
Später einmal im Vorfrühling stand ich wieder am Ufer, eine unabsehbare Masse Treibeis schob sich knirschend und krachend durch die Brückenpfeiler.
"Das ist russisches Eis, das da von Osten kommt", erklärte meine Grossmutter.
"Ist drüben auf der anderen Seite auch Russland?"
"O nein! Das da drüben ist alles Deutschland."
"Wie weit ist da drüben noch Deutschland?"
"So weit kann man gar nicht spazierengehen. Aber wenn wir mit dem Dampfer ein paar Stunden stromauf fahren, dann kommt schliesslich eine Grenze, da ist Russland, und dort heisst unsere Memel dann Njemen."
Meine geographischen Vorstellungen festigten sich allmählig. In der Schule lernten wir dann viel Heimatkunde, wie es früher um Tilsit und an der Memel war.
An den Überresten der alten deutschen Ordensburg am Flusse spielten wir "Deutsche Ritter" und bekehrten die Eingeborenen und gründeten Niederlassungen, man lernte ja so viel von deutschem Siedlungswerk und deutscher Kulturarbeit in unserm Osten. Unsere Schulausflüge gingen meistens über die Memel hinüber. Da gab es in all der Neiderung einen "Berg", den Rombinus, von dem man allerlei Sagen hörte, die alten preussen hatten dort ihren Heidengöttern geopfert: Potrimpos, Perkunos, Pikollos. Das war aber schrecklich lange her.
Wenn man einen freien Nachmittag hatte, war der Spaziergang für alle gehlustigen Tilsiter: über die Memelbrücken zu den Wiesen. Man schwankte über eine lange Schiffbrücke - später verschwand diese und machte einer eisenen Platz, der Luisenbrücke. ("Luise" hiess in Tilsit alles Gute und Schöne zu Ehren der verhrten Königin Luise).
Am Brückenkopf vorbei gingen wir dann also in die Wiesen, das war für uns ein unvergesslich genussreiches Paradies. Solche Wiesen! Nach der grossen Frühjahrsüberschwemmung prangten diese Wiesen in einer üppigen Fruchtbarkeit, in einer berauschenden Fülle und Farbenfreudigkeit, so dass man vor lauter Seligkeit sich mitten ins Gras und zwischen die Blumen warf und vor Entzücken mit allen Gliedern strampelte. Eigentlich durfte man das ja nicht, aber mit Wiesenwärters waren wir Kinder gut Freund. Das alte Frauchen bewahrte mir wohlwollend die dicksten Schwarzbrotknüste auf - die der Gaul nicht mehr fressen wollte -und dazu einen Riesenteller mit Schmand und Glumse (Rahm und Quark) für - 5 Pf. dick Kümmel darauf gestreut!
Bei gar zu schlechtem Wetter muss man in dem alten Häuschen das wie alle Gehöfte in der Niederung auf einer kleinen Anhöhe gebaut war, an der Hausmauer lag der Kahn für die Zeiten, da ringsum das Memelwasser flutete.
Wiesenwärters konnten wundervoll von früher erzählen. Er hatte 1870/71 mitgekämpft und besass ein Museum von soldatischen Erinnerungen. An den Wänden der "Putzstube", wo die roten Polstermöbel standen, hingen begeisternde Bildera us der Geschcihte vom Grossen Kurfürsten an: Wie er übers Kurische Haff im Schlitten fuhr, eine prächtige Farbenorgie in Blau, Rot, Gold und Weiss. An derselben Wand regierte der Alte Fritz und erfocht grade einen glänzenden Sieg, aus silbernen Rahmen blickten die Helden der Befreiungskriege. Aber am schönsten erschien doch die Königin Luise, eine schneeweisse, hohe Engelsgestalt mit Krone und Purpurmantel - sehr klein und hässlich neben ihr in der berühmten Begegnung damals in Tilsit: Napoleon mit tintenschwarzen Augen.

"Und dass unsere Königin in so'n kleines Hausche hat wohnen müssen und der Napoljon im allergrössten in der deutschen Strass, das wurmt mir noch heute!"
Wiesenwärters waren sehr grosse Patrioten und auch alle ihre Verwandten im "Memelland", mit den "Litauischen" hatten sie nichts im Sinn, sie wärens o "glupsch" und "nach sich". Da wir aber mit den Litauern nichts zu tun hatten, fragten wir nicht weiter nach. Wir botanisierten in den Wiesen, sassen mit Vorliebe auf einer uralten Weide am Wiesenradn, von der uns wie von einem Leutturm weit im Umkreis schauen konnte: auf die endlos weiten grasflächen, wo die fetten Milchkühe, die Lieferanten für den Tilsiter Käse, sich friedlich und fleissig der Arbeit des Fressens und Wiederkäuens hingaben. Und über den breiten Strom sahen wir, auf dem so reges Leben herrschte; besonders interessierten uns die mächtigen Flösse aus Russland, deren Holzstämme unserer Zellulosefabrikzusteuerten. Und abends, wenn die Sonnen hinter der Eisenbahnbrücke unterging, schlenderte man heimwärts aus der Wiesenwelt jenseits über die Memel in die Stadt diesseits.
Es war einmal! und nun sollen diese unsere Memelwiesen nicht mehr uns gehören? Jetzt bleibt man nicht mehr in Deutschland, wenn man über die Memelbrücken spazeirt?
Und die Litauer herrschen jetzt da, die Litauer? Unausdenkbar! Welche Bedeutung hatten denn die Litauer vor dem Kriege? In der Schule gab es wohl ein paar Kinder, die auch litauisch sprachen und komische Namen führten, wie Szameikat und Grigoleit und Kadereit und Perdikis. manchmal forderten wir sie auf, dass sie uns ein litausiches Lied sangen, uns ihre bunten Trachten zeigten, die "kakelbunten" Kopftüchter und unglaublich bunten Binder und Schürzen. Und am Sonnabend sassen viele Litauer auf dem Marktplatz und boten ihre Ware feil; rings um das Schenkendorfdenkmal in der Mitte hockten sie mit Butter und eiern und Gemüse. Max von Schenkendorf stand erhaben über ihnen in stattlicher Bronze und hatte die Schwurhand erhoben über ihnen: "Ich will mein Wort nicht brechen, will predigen und sprechen von Kaiser und von Reich". Diese Worte las man immer mit Ehrfurcht, seine glühende Vaterlandsliebe imponierte uns gewaltig. Wir konnten uns in jener sicheren Friedenszeit allerdings keinen rechten Begriff machen von der Brdrohung der Heimat, von Krieg und Not und Gwalttäigkeit. Das las man eben nur in Büchern und lernte davon in der Geschichtsstunde - bis Tilsit dann erschütterndnsten Anschauungsunterricht erhielt: von 1914 an.
Damals lebten die Litauer geduldet unter den Deutschen, sie besassen sogar ihre eigene Kirche am Marktplatz und gewisse Rechte. Zuweilen las man in der Zeitung von einigen Krächen zwischen hitzigen Litauern und Deutschen, von langen Prozessen und Uneinigkeiten, aber im grossen ganzen war doch das alles belanglos, und gewiss liess es sich niemand träumen, dass Litauen je eine solche mächtige Rolle spielen würde als widersacher und grimmiger Feind Deutschlands, dass so ein wütender Hass, so gemeine Neidertracht das deutsche Volksleben bedrohen könnte.
Wer das Memelland früher kannte und liebte, kann ermessen, wie niederschmetternd die Schreckenskunden von dort wirken mussten. Wie vertraut, wie heimisch jedes Fleckchen deutsche Erde im Nordosten bis zur Stadt Memel hinauf! Diese deutsche, kerndeutsche Grenzstadt - Hochburg des Litauertums nun? Man schüttelte ungläublig den Kopf, es kann nicht sein! Die halbe Kursiche Nehrung jetzt Ausland? unser Ferienglück Nidden, Schwamort, der alte Sandkrug am Memeler Tief - nicht mehr deutsches Heimatland?
Ausländische Briefmarken muss man aufkelben, mit fremder Münze zahlen, sich mit einem Grenzpass versehen, sich undeutscher Kontrolle unterwerfen?
Die ganze Seele ist ein empörtes Fragezeichen: Gerechtigkeit? Urdeutsches Wesen, durch Jahrhunderte verwurzelt im Boden, soll vernichtet werden durch wesensfeindliche Mächte?
Deutsches Land, deutsche Bauern, deutsche Städter, deutsche Wasserfluten werden umgetauft in fremde Namen?
Bleibt die Memel hinfort Deutschlands Grenze? wir man von nun an, wenn man in Tilsit am Ufer steht, immer sagen müssen: Drüben gibt's kein Deutschland mehr, drüben am andern Ufer unseres Stromes hört die Heimat auf?
So löst das eine Wort "Memelland" eine Flut banger Fragen aus, unendliche Erinnerungen, heftige Gefühle, schmerzliche Gedanken, tief innerliche Wünsche und Hoffnungen."

Dieses Thema steht im Zusammenhang mit den Themen:
Estland (1939-1945), Danzig (1946-1949) und Besatzung (1946-1949)