Novemberrevolution 1918/1919


Tagebucheintrag vom 13. Mai 1919 aus Leipzig
Ein Fräulein aus Leipzig geht in ihrem Tagebuch aus dem jahr 1919 mehrfach auf die revolutionären Zuständen in Leipzig ein. Besonders interessant ist hier die Kindersicht auf die damaligen Geschehnisse. Der folgende Tagebucheintrag ist besonders bemerkenswert und belegt eine unwirkliche Szenerie, die sich damals im Leipziger Palmengarten abgespielt hat.


"Dienstag, 13. Mai 1919. Vormittag war ich mit meiner Mutter fort. Als wir bald zu Hause waren, fuhr ein Auto mit einer schwarz-weiß-roten Fahne die Kochstraße entlang. Drinnen und drauf saßen Soldaten. Nachmittag arbeitete ich und 1/2 6 Uhr wollten wir nach dem Palmengarten gehen. Als wir dort waren, wurden wir sehr überrascht. Der ganze Spielplatz war voll von Artillerie. Auf Heuwagen tummelten sich fröhliche Kinder und warfen damit Untenstehende. Die vielen Pferde hatten ihr Futter bekommen und machten sich's bequem. Zwei Rundlaufe konnten noch benutzt werden. An dem dritten waren Pferde festgebunden. An den Rundlaufen turnten aber nicht die Kinder wie sonst, sondern
die Soldaten. Sie ließen sich von andern Soldaten hoch werfen. Genau so war es mit den Schaukeln . Die Soldaten mußten die Kinder schwingen. Die Kinder freuten sich sehr, wenn sie das taten. In dem großen Saale des Palmengartens waren Strohlager für die Soldaten aufgeschlagen worden. Auf dem Weg, der am Palmenhaus entlang führt, stand ein Panzerauto. Ein Soldat, der Wache dabei hielt, erklärte uns alles. Das Auto hatte auch schon Schüsse abbekommen. Die Kugeln gingen aber nicht durch und stecken nun noch drin. Verschiedene Soldaten machten sich ein Vergnügen daraus die Kinder mitfahren zu lassen. Einmal bin ich auch mitgefahren und ungefähr 10 andere Kinder waren noch auf und in dem Auto. Wir fuhren um das Haus herum. Es machte sehr viel Staub. Die Truppen waren aus Braunschweig gekommen. Danach wollten wir kleine Teichmolche fangen in den Tümpeln des Palmengartens. Es war schon 7 Uhr. Wir hatten ein Glas und Siebe mit zum Fangen. Die Tierchen waren aber immer sehr schnell und oft wenn man glaubte, daß man sie hätte, waren sie wieder weg. So fingen wir endlich 4 Stück, zwei Weibache und zwei Männchen in einer 3/4 Stunde. Wir wollten nun wieder nach Hause. Als wir an den Ausgang kamen, stand dort: “Parkschluß 7 Uhr”. Vorher hatten wir Teichmolche gefangen, jetzt waren wir gefangen. Wir mußten nun durch den ganzen Park durch und konnten dann glücklicherweise noch durch den Ausgang am Meßplatz vorüber nach Hause gelangen. Es war aber ein großer weiter Umweg und wir konnten, trotz der Polizeistunde um 1/2 9 Uhr erst 3/4 9 Uhr zu Hause sein. Wir aßen nun schnell Abendbrot und gingen 1/2 10 uhr in's Bett."