Inflation

Texte aus den Jahren
1919 - 1923


Brief vom 19. September 1923 aus Frankfurt
Ein Herr aus Frankfurt - vermutlich Frankfurt am Main - schreibt einer Dame nach Kreuzlingen, die dort mit ihrem Mann eine Heilanstalt betreibt. Leider war es sehr aufwändig den Text zu entziffern. Aus diesem Grund sind wir nicht überall sicher (z.B. die Worte "Gehaltsstellung", "grandt", "Dreck" und "dann" vor dem Wort "Aufbauen" am Ende des Textes), ob wir den Text korrekt lesen konnten. Ein Wort, welches mit [?] als Platzhalter ersetzt haben, konnten wir leider nicht deuten.
"Dollarkurs, Preissteigerung, Gehaltsstellung, Kommunistenhetze, Teurungskrawalle, Lebensmittelmangel, Generalstreik, Straßenunruhen u.s.f. u.s.f., so zieht in bunten infanalischen Bildern seit 3 Tagen das Leben wieder kaleidoskopartig an mir vorbei und schafft im Kopf ein ernstes wüstes Chaos. Ich bin wieder in Deutschland und die Zeit in Kreuzlingen liegt wie ein schöner Traum hinter mir! Wirklich schauderhaft ist der Kontrast und in wenigen Tagen hat sich alles enorm zugespitzt, daß man auch als Optimist den einem Naturereignis gleichenden Ausbruch des unterirdischen Vulkans in die nächste Nähe gerückt sieht.

Aber was ist das für ein Briefanfang für einen, dem das Herz voll ist von Dreck? Entschuldigen Sie diesen Niederschlag einer eben grandten, erregten Unterhaltung. Man kommt nicht zur Ruhe eben, um so mehr, wenn man mit heißer Liebe an seinem Volk hängt und es der Verzweiflung nahe weiß. Fern liegt die schöne Oase in der Schweiz, in der ich in Kontrast zu hier wie im Paradies leben durfte. Umso schöner ist die Erinnerung und meine Gedanken wandern oft zu Ihnen nach Kreuzlingen. Wie eine Mutter haben Sie für uns beide gesorgt und ich kann Ihnen unseren Eindruck nicht besser schildern, als wenn ich Ihnen sage: wir haben uns wie zu Hause bei Ihnen gefühlt. Sind wir doch auch beide ein bewegtes, innig verbundenes Familienleben gewöhnt, über den als guter Geist die Mutter waltet. Darf ich Ihnen und Ihren lieben Mann nochmals meinen innigen, tiefgefühlten Dank aussprechen für Ihre selten schöne Gastfreundschaft und alles, was Sie sonst für uns getan haben. Wir werden beide oft und gern an die schöne Zeit denken. Sehr, sehr freuen wird es meinen Eltern und auch, wenn Sie Ihr Versprechen wahr machten und, wenn Sie einmal in unsere Gegend kommen, unser Gast wären.

[...]

Ich sitze nun mit Hochdruck hinter meiner Arbeit und betätige mich nebenbei etwas chirurgisch. Mein Besuch in Eigeltingen hat kein endgültiges Ergebnis gehabt. Schön ists dort und ich ginge gern hin. Doch sind noch mehrere Haken dabei. Das erste, was ich dort sah, war eine kommunistischer Volksversammlung, (in Nähe Zentrumsgegend), in der ein Demagoge reinsten Wassers auf die wüsteste Weise hetzte und – Beifall fand. Überall hört man das gleiche: Kolossales Aufkommen der Radikalinskis, Bildung von Hundertschaften u.s.w., überall die Losung: Alles kaputtschlagen, dann aufbauen. Ohne Gespensterseherei. Ich glaube, es wird schlimm kommen im Nahen Winter und in Deutschland kanns zugehen wie in Frankreich von 1793 nun in Rußland von 1918-20. Sie leben doch wirklich in der Schweiz wie auf einem andren Stern und nur manchmal, wie jetzt in Wiesental bei Lörrach, kam eine [?] über die Grenze. Ich glaube selten fest an mein Volk, an seine Wiedergeburt und Zukunft und ich kenne das Edle und Gute in ihm, aber bitter schwer ist der Weg zur moralischen Gesundung und zur äußeren Freiheit."