Gedichte

Texte aus den Jahren
1900 - 1913


Brief vom 1. Januar 1907 aus Magdeburg
Eine Familie schreibt ein schönes Gedicht an eine befreundete Familie nach Großammersleben, die zum Jahreswechsel einen Sohn zur Welt gebracht hat.
"Hurrah, ein Prinz, wie uns das freut
beim Neujahrsmorgenfestgeläut,
bei dem uns Kunde ward gegeben
vom Knäblein in Großammersleben.

O Gustav, Anna, welches Glück
ließ Euch das alte Jahr zurück
mit diesem Kind, so zart und fein,
das bei Euch traf am Sonntag ein,

Ein Sonntagskind, welch eine Freude,
Ein Sohn, welch Stolz für Euch zwei beide
Ein neues Reis in dem Geschlecht,
Hoch! J. H. Wolfgang Engelbrecht!!!

Mög' Gottes Segen Dich geleiten,
Jetzt, künftig und zu allen Zeiten
Mög' Dir in Deinem ganzen Leben
Gott Gnade Kraft und Weisheit geben

Und mögest Du dereinst dann sein,
Ein „Sturm an Deutschlands Himmel" sein!
- doch „König Milo“ ist betrübt,
er, der bisher als Kind geliebt
er kommt ja nun auf alle Fälle
noch höchstens an die zweite Stelle
und da ihm dieses nicht genügt
ist er zunächst sehr mißvernügt.

Wird Mütterchen das Kindchen pflegen,
wird seine Eifersucht sich legen
Er wird dann weise klug und fein
dem Kind ein treuer Wächter sein!

Die Bienchen, freudig, sum, sum, sum
die schwirren um das Kind herum
und summen dann mit viel Behagen
der Mama von viel schönen Tagen;

Gott soll' Euch solche reichlich spenden;
mit seinem gnadereichen Händen
erhalt' er Euch das zarte Wesen.
Lieb' Mütterchen mög bald genesen.

Der Vater aber froh und stolz,
beglückt vom Zweig aus seinem Holz,
schreibt nah und fern mit froher Feder
Seht an, schaut her, das kann nicht jeder.

Der Tag giebt an, ich sag's zum Schluß,
Gewiß, es saß im Kern der Schuß,
denn 30/12 06 quer addier
ist eine“12“, wie sich's gebührt.

Heil, dreimal Heil, zu diesem Werke!!!
Prosit Neujahr, - Gruß – Familie Berke"
Gedicht vom 5. Mai 1902 aus Köln-Engelskirchen
Ein junges Fräulein schreibt ein selbst geschriebenes Gedicht in ihr Poesiealbum.
"Schneeflöckchen flog vom Himmel herab
Flog auf des Friedhofs stilles Grab
Ein Kind ist's welches sie decken zu
Damit es schlafe in friedlicher Ruh.

Da tönen durch die Winternacht
Gar feierlich die Glocken
Um all die Menschen groß u. Klein
Zum Gotteshaus zu lcken.

Vor vielen, vielen Jahren ward
Der Heiland uns geboren
Der ale Menschen selig macht
Wir wären sonst verloren

Da kommt zum stillen Grabe
Die Mutter, u. sie bringt
Wie's alle Kinder haben
'Nen Kristbaum für ihr Kind

Da kniet sie betend nieder
An ihres Kindes Grab
Und heiße Thränen fließen
Zur Erde still herab.

Dann blickt sie gläubig aufwärts
Ade, mein Kind ade,
Es dauert nicht mehr lange
Bis ich dich wiederseh.

Schneeflöckchen hörte es still weinen
Und sprach zu den anderen fein,
Weil wir der Mutter nicht bringen Trost
So soll das Kind doch geborgen sein
Drum decket es zu ihr Schwesterlein"