Fahrrad

Texte aus den Jahren
1870 - 1899


Brief vom 18. Juli 1898 aus Weimar
Ein junges Fräulein schreibt einer Freundin.
"Radelst Du noch nicht? Weisst Du, es ist einfach herrlich, man hat so das Gefühl fliegen zu können, abgesehen davon dass man sich doch so viel mehr Bewegung in freier Luft macht."
Brief vom 24. September 1894 aus Günzburg
Ein junges Fräulein schreibt einer Freundin.
"Wir haben nämlich neulich einem zugeguckt ders Radln erst lernt. Das war reizend u. so gelacht wie da, hab ich seit damals als der Assessor da war nimmer. Also da lernts ein älterer „ernsthafter“ aber etwas ungeduldiger Herr. Mit einem Ruck, das alles knaxt sitzt er oben. Nach zwei Tritten, verliert er ein Pedal u. fischt mit einem Bein in der Luft herum. „Treten“ ruft ihm mahnend der Lehrer zu. Aber im nächsten Augenblick stürzt das Rad unter dem Schüler zusammen, er hält sich aber an der Lenkstange fest an, u. da er auf dem Rücken zu liegen kommt streckt er das Rad gen Himmel u. in der Situation wettert er: „Sakr.... sie sagen immer treten, treten u. wenn ich trete dann fall ich! Mit der Zeit brachte ers doch so weit daß er ein bisl gradaus fahren konnte. Wenns gegen seinen Willen plötzlich ein bisl rascher ging, ließ er ein beschwichtigendes „na, na“ hören. So ging ein paar Schritte weiter, bis er plötzlich der Lenkstange durch allzuheftiges Niesen einen unbeabsichtigten Ruck gab, u. auch schon glücklich mit unfehlbarer Sicherheit dem Graben zu fuhr! u. noch ehe er drunten lag schreit er wütend ein sehr vernehmliges „Bums“ u. - verschwindet. Ach Hertzel was hab ich da gelacht! Ich konnt mich kaum mehr fassen. Hoffentlich hats auch einige Wirkung auf Dich ich hab mich sehr angestrengt es Dir einigermaßen nett zu erzählen! Ich hab auch beim niederschreiben noch so gelacht, daß ich ordentliche Ruhepausen machen mußte das bums verwendete ich jetzt immer beim Papa. Da könnte ich schon beinah ein Geschichtchen schreiben. Papa ist vorläufig auch noch so feurig. Er kanns schon ganz gut aber so Kleinigkeiten passieren auch noch. - Neulich ist er in eine Hecke gefahren, ganz gemütlich u. dabei hat er auch immer halt, halt gerufen u. seinem Rad halt geboten dabei aber fest weiter getreten. Dann hat er im Eifer, wie er ein bisl zu rasch runtergekommen ist mir die Geschichte erklärt, wie das zugegangen ist, natürlich war das eine ganz komplicierte Geschichte seiner Erzählung nach, in Wirklichkeit ist er aber blos zu früh abgestiegen, so lang das Pedal noch zu hoch droben war. Dabei hat er aber mich, seine eigene Tochter immer per „sie“ angesprochen. Gestern fährt er um die Ecke ohne zu klingeln u. da stehen zwei Frauen mit im Weg u. schweigen. Der platz an der Kaserne, du kennst ihn ja, ist sehr breit zum Ausweichen aber der Papa fährt mitten durch die zwei durch u. sagt wütens „Natürlich schwätzen muß man, Mama u. ich waren daneben gestanden u. ich hörs, u. rufe ein kräftiges Bums dazwischen, daß selbst Papa auf seinem Rad lachen mußte trotz des Ärgers. - So nun hab ich genug erzählt."