Deutscher Krieg

Texte aus den Jahren
1866 - 1869


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Tagebuch von Peter Wihelm Molitor
aus dem Bruderkrieg 1866

Peter Wilhelm Molitor (links)
mit seinem Bruder Jakob (rechts)
Die Abschrift und eine digitale Kopie des Tagebuchs von Peter Wilhelm Molitor wurde uns freundlicherweise von seiner Familie zur Verfügung gestellt. Die originalen Dokumente befinden sich noch immer im familiären Besitz. Wir wurden beauftragt uns um die weitere Online-Auswertung der Inhalte zu kümmern. Bis November 2013 waren die Tagebuchinhalte auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite zu finden, die der Urenkel von Peter Wilhelm Molitor erstellt hat. Im Laufe der Jahrzehnte gab es verschiedene Abschriften dieses Tagebuchs. Das originale Tagebuch ist noch erhalten, jedoch findet man in der ersten Abschrift davon einige Passagen, die im Originalen nicht mehr zu finden sind. Die Personen, die die Abschriften angefertigt haben, veränderten an manchen Stellen den Wortlaut. Aus diesem 
Grund gibt es verschiedene Versionen von diesem Tagebuch. Beim folgenden Text handelt es sich um die letzte Fassung, die der Urenkel von Peter Wilhelm Molitor zusammengestellt hat. Er war bemüht mit diesem Text dem originalen Tagebuch und somit dem Wortlaut des Autoren nahe zu kommen. Die vorherigen Fassungen und Photographien der Handschriften liegen uns vor.
Tagebuch aus dem Feldzuge des Jahres 1866
geschrieben im Feldzuge von Pet. Wilh. Molitor, Dorf

Wenaritz, im August 1866

Liebe Schwester!

Die Zeit und Gelegenheit hat sich mir, liebe Schwester, geboten und hoffe, daß sie sich noch mehr bieten wird, Dir alles zu erzählen, wie es bei dem Feldzuge des Jahres 1866 zuging, wie ich und der Jakob zusammen gelitten und uns gefreut, was nur der Herr von uns forderte, durchgemacht und erlebt.

Vor drei Jahren um diese Zeit, da mußte ich die liebe Heimat und die Meinigen verlassen, um für eine lange Zeit den Stand als Soldat zu spielen. Ja, damals stand ich noch vor meiner Dienstzeit, und alles kam mir vor, wie das Sprichwort sagt:

"Dem Kinde in der Wiege werden seine Tage nicht vorgesungen."

Die Zukunft ist schwarz wie die Nacht. Jedoch jetzt, da ich bald wieder den Rock ausziehen und meinen alten Stand als meinen Beruf für immer wieder hoffe anzutreten, da kommt mir alles so vor, wie das Sprichwort sagt:

 "Das Leben ist ja nur ein Traum."

Jedoch die letzten drei Jahre, und besonders das letzte Jahr, welches mein Bruder mit mir geteilt, strahlt so recht hervor, als erwachte ich aus einem ängstigenden Traume, worin sich wie Brandmarken einzelne Zeichen schreckend und liebend mit durcheinanderwebenden Freudenstrahlen auszeichneten. Von diesen einzelnen Zeichen möchte ich gerne die Tage des Feldzuges Dir, insoweit es sich meinem schwachen Verstande bietet, und zwar von der belgischen Grenze ab bis heute und weiter ja bis dahin, wo ich hoffentlich, wie der Herr es will, wieder in Deine und der Familie Arme zurückkehre, so Gott mir die Gnade dazu schenke.

Nun habe ich es erst heute, den 27. August, mir zur Aufgabe gemacht, daher wird manches sehr schwer für mich sein, Alles hervorzubringen. Jedoch ich werde mich bemühen, Dir recht klar es zu erzählen und werde nicht von der Wahrheit weichen.

Mobilisierung

Es war der Tag vor Christi Himmelfahrt, da stand ich und der Jakob an der Grenze als Schutzkommando. Da hieß es, bald würden wir abgelöst. Dann: es ist mobil gemacht. Es dauerte auch nicht lange mehr, da kam das Gerücht, daß die ganze Armee mobil wäre; jedoch vom wirklichen Kriege wurde sehr gleichgültig gesprochen.

Christi Himmelfahrt hieß es: Auch die Posten werden eingezogen. Morgen früh steht das Kommando in Herbesthal bereit zur Abfahrt an der Bahn bereit!

Oh, wie schwer fiel mir der Abschied von meinem guten Wirten, der mich wie sein Kind hielt. Der Jakob holte mich ab, und ich nahm von meinem Wirt unter recht guten Ermahnungen, alles geduldig mitzumachen, Abschied.

Da wurde sich dann auf die kommandierte Stunde von allen Seiten her auf der Bahn versammelt. Recht scherzend und plaudernd von den Quartieren begrüßte ein Kamerad den andern. Das war so, als gingen wir auf eine Kirmes, so schien alles aufgemuntert zu sein. Denn jeder fühlte, daß manchem das Herz schwer war; und daher wurde, wie es beim jungen Blute Mode ist, welches flüchtig jedes Ungemach in den Wind schlägt, Mut eingeflößt, wie es bei uns heißt. Dann hieß es bald: Einsteigen!

Der Zug fing auch dann wirklich an, seine Pflicht zu tun und riß uns weg von den Guten, die uns noch lange mit Taschentüchern nachwinkten und uns laut rufend der Vorsehung Gottes anvertrauten.

Der Zug hatte uns bald nach Aachen gebracht. Dort angekommen wurde unter recht großer Verwirrung sich wieder zum Marschieren in die Kaserne aufgestellt. Kaum waren wir da angelangt, da sagte der Hauptmann: "Liebe Leute meiner Kompanie! Die Zeiten haben sich geändert. Macht euch zurecht und ordnet mit der Heimat alles, was ihr zu besorgen habt, denn man weiß nicht, wann es fortgeht. Und legt die alten Kleider gleich ab und fasset den besten Anzug von der Kammer."

Nun gings drunter und drüber. Die eigenen Kleider wurden nach Hause geschickt, und des Nachmittags standen wir schon im Paradeanzug da.

Da die Landwehr und die Reservisten des 25. Regiments sich in Aachen auf dem Kasernenhof stellen mußten, so brachten diese auch, da bei den meisten schon die geistigen Getränke ihre volle Wirkung taten, keine Ruhe, sondern ein furchtbares Spektakel. Bald marschierte ein Zug lärmend herein, dann wurde ein Zug in Ordnung auf die Bahn gebracht.

Gegen Nachmittag da hieß es: da kommen auch schon unsere Reserven. Diese wurden nun ganz willkommen empfangen. Die Ordnung der einzelnen Kompanien war folgende: Erst die Kölner, dann kamen die Brühler und zuletzt die Siegburger. So kamen gegen 6 Uhr die Brühler und gegen 10 Uhr die Siegburger. Als die letzten ankamen, hieß es: Die Gefreiten auf der Stube besorgen die Leute fort, denn sonst hätte es Verwirrung gegeben. Darum war auch ich auf Geheiß mit einem Licht auf dem Kasernenhofe. Da sah ich zu meiner Freude den Gerhart Breidenbach; der wurde nun zufällig auf meine Stube abgeteilt. Wie das Rangieren nun zu Ende war, begleitete ich den Freund auf die Stube, jedoch die ersten Stunden wurden noch zum Plaudern von der Heimat verbracht.

Den andern Tag fing schon in aller Frühe das Schrindal wieder an, es wurden auf dem Hofe Pferde gemustert, und von allen Seiten her traten die Landwehre an. Gegen Nachmittag kam auch unsere Landwehr in dieselbe Ordnung, wie den verflossenen Tag die Reserven.

Am Tage darauf war Sonntag. Es wurde an demselben bekanntgemacht, daß wir am nächsten Donnerstag ausrücken würden, und zwar nach Wetzlar. Nun begann man schon am Montag bis zum Mittwoch die Sachen zur Abfahrt in Ordnung zu bringen. Alles wurde so vorbereitet, daß am Donnerstag jeder seine Sachen in Ordnung hatte. Jedoch, obschon die Bataillone und Kompanien gepackt den Mittwoch dastanden, und jeder einzelne den Brotbeutel für die Bahn gespickt hatte, so wurde dennoch den folgenden Tag nicht fortmarschiert, denn in der Nacht hatte sich der Befehl geändert. Der Hauptmann sagte am folgenden Morgen: "Es wird exerziert jeden Tag, wann es fortgeht, wissen wir noch nicht." Und wirklich, wie gesagt, so geschah es, und es dauerte immer fort bis zum 26. Mai, da sollte die Geschichte ein Ende nehmen; denn es hieß: Morgen abend gehts fort nach Halle in der Provinz Sachsen.

Auf dieses ließ ich gegen Abend nach Hause telegraphieren, worauf den folgenden Tag sich der Bruder Anton in Aachen einfand. Der Bruder blieb bei uns bis bald kundgemacht wurde: nur noch eine Stunde, und dann gehts hast du’s nicht gesehen fort. Ja, bald verließ uns der Bruder, und es war denn auch bald an der Reihe, wo wir Aachen verlassen mußten. Ja, wo wir der Heimat auf eine längere, unbestimmte Zeit "Lebe wohl" sagen mußten und wir nicht wußten, ob wir dieselbe je wieder zu sehen bekämen.

Zu diesem Ziele wurde sich mit allem, was wir hatten, auf der Bahn versammelt. Dort angekommen, hatte sich das Volk versammelt, wie als wollten sie die Bahn bestürmen, oder war es Neugierde? Jedoch ich glaube den Nagel erst recht auf den Kopf zu treffen, wenn ich sage: Den Bürgern tat es leid, daß wir, die 28er, Aachen verlassen mußten, wohin und wie lange — ja allen schienen diese Züge aus den Gesichtern zu bemächtigen.

Der Herr Oberst brachte der Stadt Aachen ein dreifaches Lebehoch aus, und dann hieß es: Einsteigen. Noch lange hörte man Adieu rufen, noch lange sah man die Taschentücher wehen. Bei uns betrugen sie sich auch nicht wie geduldige Schafe, denn es war bereits Nacht. Also in der Nacht wurden wir von der Heimat gerissen, die jetzt wie mit dichtem Schleier uns gleichfalls schwarze Zukunft verkündigte und so gleichfalls uns zurief:

Die Zukunft ist wie ich bin; jedoch der Herr hat es durchschaut, seine Vorsehung sei unser Ziel.

Bahnfahrt nach Halle

So kamen wir dann unter recht großem Spektakel, so daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte, gegen 12 Uhr in Köln an. Ja, da war alles von Posten besetzt; daher ging es nicht, daß man hin und wieder mit seinen Familien sprechen konnte. Dieses war auch bald ganz am Ende, denn nach einigen Minuten fing der Zug wieder an zu rasseln. Da sahen wir, wie er über den Rhein sich fortbewegte; ja über den Rhein, da wurde das Liedchen gesungen: "Ja du Rhein, mit allen deinen Wellen". Der Rhein brachte auch später in der Ferne manchem die Tränen in die Augen; denn die Offiziere hießen uns allenthalben "Ihr Rheinländer", und geschah etwas, was unter dem jungen Blute nicht selten vorkommt, so hieß es: "Denke doch, daß du ein Rheinländer bist etz..."

Jedoch ich will weiter auf die Bahn zurückkehren.

Da finde ich, daß wir an Mülheim vorbeifuhren. Hier markierte mir ein Freund eine besondere Stelle, von wo aus, wie er sagte, wenn es hell genug wäre, ich unseren Kirchturm erblicken könnte. Jedoch nur die bloße Erinnerung daran brandmarkte sich gleichfalls in mir fort.

Endlich wurde es ruhiger auf der Bahn, und wir kamen bald an Düsseldorf vorbei. Da wurde alle zugemacht, und wir legten uns, so gut es uns das Rasseln des Zuges erlaubte, zum Schlafen nieder.

Als ich nun wieder die Augen aufmachte und hörte, wie der Zug stillstand, da fragte ich: "Wie heißt es hier?" Jedoch ehe die Antwort der Kameraden erfolgte, rief man draußen: Dortmund. Das ist eine recht schöne Stadt. Die Türen des Wagens wurden halb geöffnet. Da begrüßten uns die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Nun weiß ich aber nicht Worte genug, diesen Anblick zu schildern. Gleichfalls auf fremder Erde schienen wir zu fliegen und das erhabene Grün der Wiesen sowie die reizenden Dörfer und Städtchen, welche sich unseren Augen Panorama ähnlich vorstellten. Da sah man flüchtig einen schönen Berg; da dieses, da jenes, wobei die Sonne gleichfalls ihr Licht strahlen ließ, wie als wollte sie uns die Welt in abwechselnder Gestalt zeigen. So führte der Zug uns immer weiter und weiter nach Oberhausen. Dann bis nach Hamm.

Da wurde ausgestiegen, und jeder nahm seinen Kesseldeckel zum Kaffeetrinken. Da hättest du aber einmal sehen sollen, wie die tausend Mann, die auf der Bahn waren, alle Kaffee tranken. Jedoch, was soll ich mich lange beim Kaffeetrinken aufhalten, ich will weitergehen und mich in Hamm umsehen. Aber die Stadt mag manches Schöne haben, uns wurde nicht lange Zeit gelassen, denn bald hieß es wieder einsteigen.

Recht aufgemuntert durch den Kaffee fing ein Freund dem andern zu erzählen an, wobei auch jeder, wenn etwas auffallendes vorkam, es besonders bemerkte.

So gings immer vorwärts bis nach Gütersloh, dann durch das schöne Bielefeld und über die Weser. Da weiß ich dir nicht genug von zu erzählen, die schönen großen Stücke Flachs mit den schönsten Gärten durchwebt, machten einen besonderen Einfluß auf uns. Dann so viele Schlösser sowie alte Ruinen begrüßten uns bald in reifenden Tälern, bald auf hohen Bergen, bald war auch ganz ebenes Land an der Ordnung. Ja so, daß jeder es offen gestand: das Bielefeld ist doch ein irdisches Paradies.

Nun gings weiter, noch lange von Bielefeld erzählend, nach Minden in Westfalen, wo wir gegen Mittag ankamen. Da wurde einiger Aufenthalt gemacht, denn durch das Fahren war ein Wagen bald in Brand geraten, denn es hielt kein Schmier mehr an der Achse. Da wurde nun ein anderer Wagen einrangiert, und es ging weiter nach Bückeburg zu. Unterwegs wurde so recht von der auffallenden Kleidertracht gesprochen; denn die Westfälinger haben eine besondere Kleidertracht. Diese werde ich später genauer erklären.

Bald kamen wir nach Bückeburg, und weiter gings durch Hannover. Da wurden aber recht saure Gesichter gemacht, denn die Preußen hatten dieselben gleichfalls überrascht. Da könnte ich wohl viel von erzählen; jedoch ich will eilen, daß ich nach Braunschweig, dem Herzogtum, komme. Da kamen wir gegen 5 Uhr nachmittags an.

Unsere Musik erwiderte den Gruß der Braunschweiger. Eine halbe Stunde wurde sich hier aufgehalten. Die Braunschweiger brachten uns durch ihre Instrumente schon bei der Abfahrt des Zuges gleichfalls ein Lebewohl.

Dann gings bis 12 Uhr nachts weiter, und der Zug brachte uns nach Ochtmersleben, wo wir zu Mittag aßen. Dieses Versetzen von Mittag zu Nacht hatte manchem den Magen getäuscht, so daß der sich offen anfing zu beschweren. Wie nun die leeren Bäuche etwas gespickt, da gings wieder auf die Bahn. Wahrend der Nacht sind wir an Wolfenbüttel und Magdeburg vorbeigekommen und gegen 5 Uhr morgens an Köthen, und um 7 Uhr kamen wir in Halle an der Saale an. Da wurde nun die Bahn verlassen, wobei jeder bemerkte: Das heißt was, 36 Stunden auf der Bahn zu kampieren.

Marsch von Halle durch Sachsen bis zur böhmischen Grenze

Den 29. morgens um 7 kamen wir also in Halle an, und unter Begleitung der Musik wurde in die Stadt auf den Markt marschiert, woselbst die Truppen verteilt wurden. Ich kam bei einem Kastellan einer Gesellschaft ins Quartier mit Namen Meyer, Königsplatz No. 36, ein sehr ordentlicher Mann, welcher mir auch später oft geschrieben hat. Da in Halle wurde des Morgens exerziert auf einer da befindlichen Heide, und des Nachmittags war Appell. Der Jakob kam bei einen armen Bahnwärter und hatte es dennoch sehr gut getroffen. Des Nachmittags wurde von uns beiden die Gelegenheit benutzt, das Halle zu durchschweifen. Da sind recht viele Merkwürdigkeiten, besonders ein kleiner Badeort namens Giebichenstein, zeichnet sich vor allem aus. Und am Abend ging ich mit meinem Wirt die Wirtshäuser besuchen. Der Wirt wollte seinem Soldaten, wie er auch immer sagte, etwas zu Gute tun.

Dort in Halle blieben wir bis Dienstag, den 5. Juni. Gegen 5 Uhr morgens marschierten wir ab und mußten das schöne Halle verlassen. Ja vielleicht, sagte ein Kamerad dem andern, haben wir den ganzen Feldzug nicht wieder so ein Leben wie in Halle. Und wirklich, wir hatten uns nicht getäuscht, denn sehr harte Tage waren nunmehr, bis wieder der Friede herrschte, unser Los.

Es ging zu Fuß weiter mit dem schweren Tornister und den schweren Waffen. Unser Weg brachte uns nach Werbelin, wo wir zu 40 Mann gegen nachmittags 2 Uhr in einer Scheune ins Quartier kamen. Das war noch in der Provinz Sachsen.

Des anderen Nachmittags begrüßten wir eine Wirtschaft; jedoch da erhielten wir fast ungenießbares Bier. Deshalb hieß es, laßt uns das Dorf einmal ansehen. Dieses war auch wirklich nett gebaut. Da waren nämlich 25 Häuser sämtlich so in einen Kreis gebaut, welche ringsum mit einer Dreckmauer, welche da rund Mode sind, umzingelt war und nur 2 Ausgänge hatte. Wie wir nun des Spaziergangs müde waren, wurde unsere Scheune aufgesucht.

Den anderen Morgen wurde von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags fortmarschiert bis nach Scholbin. [Zschepplin?] Unsere Kompanie kam in zwei Dörfer, wo ich mit noch 5 Mann ein recht schlechtes Quartier erhielten. Da hatten wir eine wunderschöne Aussicht gegen Eilenburg, ein Städtchen. Von da gings nach Langenreichenbach von 7 Uhr morgens bis gegen 4 Uhr nachmittags. Das war aber ein sehr harter Marschtag, denn der Regen begrüßte uns so, daß wir bald von seiner Güte durchnaß waren. Das Langenreichenbach ist auch wirklich nicht kurz, denn ich glaube nicht daneben zu kommen, wenn ich sage: Das ist 1 ½ Stunden lang. Da wurden nun unsere Bataillone einquartiert. Da hatten wir einen Ruhetag.

Von da gings weiter bis Kranichau, wo wir gegen 2 Uhr nachmittags ankamen. In Kranichau kam ich mit 9 Mann auf ein Rittergut. Das war nur dem Namen nach, denn in seinem Hause sah man viel Stolz, aber die Leute klagten schon alle da, und nach einigen Tagen erklärten es die Soldaten zu einem Flittergut.

In Kranichau blieben wir bis zum 15. Juni. Das Kranichau liegt nahe bei Torgau und dicht an der Elbe. Die Kompanie lag in zwei Dörfern. Bei unserer Kompanie war ein Hauptmann und ein Leutnant. Da haben wir uns unter Aufsicht eines Offiziers gebadet, und jeden Tag wurden Kriegsübungen gemacht. In den Tagen sind 3 Mann von den Pionieren in der Elbe ertrunken.

Den 15. nachmittags 2 Uhr marschierten wir nach Seidewitz, dicht an der sächsischen Grenze, wo wir gegen 7 Uhr ankamen. Da hieß es, der Feind habe die ganze Grenze besetzt, und nun fing man schon an, von dem Feinde zu erzählen, so daß man etwas vorwärts nach oben hin dachte.

Des Nachts beim schönsten Schlummer wurden wir durch Generalmarsch um 2 Uhr geweckt. Da gings über die Grenze mit geladenem Gewehr, ja man glaubte jede Stunde auf den Feind zu stoßen, denn wir hatten die Avantgarde, welche wir auch durch ganz Sachsen gehalten.

Dann kamen wir nach Seerhausen, einer Bahnstation, und in Redewitz kamen wir ins Quartier in ein schönes Stück Frucht. Da haben wir des Nachts die Schienenbalken von der Eisenbahn zum Wachtfeuer benutzt.

Den anderen Morgen auf Montag gings gegen 5 Uhr weiter. Jedoch anfangs wollte Alles nicht, denn die armen Rekruten hatten dieses Biwak als ihr erstes zu bezeichnen. Dieser schon genannte Sonntag ist für uns ein unvergeßlicher 17. Juni gewesen, denn des Morgens 5 Uhr gings weiter, und so kamen wir gegen 10 Uhr hinter Romitsch wo wir allem Anschein nach ins Quartier kommen sollten. Jedoch da hieß es: Die Bayern und Hessen sind uns eklich auf dem Pelz. Nun wurde sich rechts übers Feld gesetzt, da marschierten wir uns hundemüde. Endlich wurden wir als Vorposten zur Gefechtslinie bestimmt.

Die Angst war schon angekommen, aber nur deshalb, weil wir noch nicht gebeichtet hatten. Da hatten wir alle keine rechte Lust. Jetzt hieß es: weiter, bis gegen 10 Uhr, wo wir an eine Scheune kamen. Da sollten wir wieder ins Biwak kommen. Jedoch der Hauptmann sagte: "Dann werden alle meine Leute krank." Daher wurde vom Hauptmann gesorgt, daß die ganze Kompanie in eine Scheune kam. Bis gegen 4 Uhr ging es weiter bis 12 Uhr. Da verfolgte uns das Geschick zu 50 Mann bei einem Bauersmann in Niederhermsdorf ins Quartier. Den folgenden Tag blieben wir dort.

Da sollten wir auch die anderen Tage bleiben und bloß eine halbe Stunde weiter wieder ins Biwak kommen. Aber das war gefehlt, denn des Nachts wurden wir durch Generalmarsch um 12 Uhr geweckt, und es ging bis 2 Uhr ins Biwak, 4 Stunden von Dresden, der Hauptstadt von Sachsen. Nur wenig wurde sich aufgehalten, wobei der Regen alles recht ?us?dt? machte. Dann gegen 5 Uhr gings weiter durch Dresden, eine sehr schöne Stadt.

Um dieselbe ist eine wundervolle Ansicht. Wir marschierten durch die Stadt über eine recht lange Brücke über die Elbe. Der Palast des Königs ist ein weißes schönes Schloß, mit einem grasgrünen Dache versehen, so recht die sächsischen Nationalfarben. Dann gings hinter Dresden ins Biwak, wo wir erst gegen Abend etwas zu essen bekamen und der Hunger schon recht anfing zu hausen. Das Biwak war bei Weißig, wo wir um 5 Uhr nachmittags ankamen.

Nun gings weiter ins Biwak bei Stolpen, das letzte in Sachsen. Von da fing die Gegend an furchtbar bergig zu werden. Ja einige wolkenähnliche Erscheinungen ließen auf sehr hohe Berge schließen; so, als wenn man zu Hause das Siebengebirge ansieht.

Nun wirst du sagen, du hast mir viel von Biwak gesprochen, wie ist das doch in einem Biwak? Um es kurz zu sagen: da essen und trinken viele tausend Mann unter freiem Himmel. Es wird ein Graben ausgeworfen, um drin zu kochen. Des Nachts wird, wenn es zu haben ist, Stroh zum Nachtlager benutzt, wobei der Tornister als Kopfkissen dient und der Mantel zur Decke.- Es wird sich rund in einen Kreis gelegt, worin in der Mitte ein großes Feuer angezündet wird. Ja, liebe Schwester, bei einigen Biwaks hat uns das Stroh und sogar das Holz zum Feuer des Nachts gefehlt. Nun wirst du gewiß denken, wie ist das möglich, für die abermals tausende Mann so viel Fleisch und Brot zu beschaffen. Ja, daher wird sich wohl keiner wundern, daß den Leuten Kühe aus den Ställen und Brot aus den Häusern geholt wurde. Und dennoch hätten wir gerne öfters ein Stückchen trocken Brot gegessen, wenn wir es für Geld hätten haben können; denn der Soldaten waren gar zu viele, und die Gegend konnte dafür nicht genug liefern. Jedoch ich will weiter gehen.

Das letztgenannte Biwak war, wo ich und Jakob und Gerhart Breidenbach es für zweckmäßig hielten, zusammen zu kochen und einer für den andern zu sorgen. Ich kann dir sagen, von der Stunde an bis da, wo der Gerhart von uns ins Lazarett kam, war er unser dritter Bruder. Und keiner aß ein Stückchen Brot ohne es unter uns drei zu verteilen. Die zwei, der Jakob und der Gerhart besorgten das Beischaffen, und ich war der Koch. Daher kam es auch, daß wir drei öfters was hatten, wogegen andere nichts hatten. Denn wenns hieß: ins nächste Dorf zum Wasser holen, so liefen wir alle drei. Wenn nun Wasser gefunden war, und für sich und die Kameraden die Kochgeschirre gefüllt, dann gab uns der Offizier die Erlaubnis, einige Augenblicke auszutreten. Nun gings hast du nicht gesehen der eine in diese, der andere in jene Häuser und alles, was nur für zu essen da zu kaufen war, wurde da herbei geschafft, wenn auch der Geldbestand sehr geschwächt wurde. Was nun der eine nicht gefunden, das brachte der zweite oder der dritte herbei.

Jedoch ich will weiter gehen. Von Stolpen aus gings weiter. Obschon die Nacht sehr kühl gewesen, so wollte der Tag wie es schien wieder durch seine Hitze ersetzen, denn der Tag war zum Verbrennen heiß. Dabei war der Marsch sehr lang, so daß wir vor seinem Ende 36 Meilen zählten. Es ging durch Neustadt auf einen sehr hohen Berg.

So marschierten wir durch ganz Sachsen ohne einen Schuß abzugeben. Die Landesfarben der Sachsen sind grün und weiß. Wie wir nun die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen überschritten, welche von zwei Pfählen getrennt war: der eine grün-weiß, der andere gelb-schwarz, da bemerkte ein Soldat von uns, die grün-weiße Stange muß schwarz-weiß werden. Der Soldat hatte sich nicht getäuscht, denn wir haben es gezwungen, daß Sachsen jetzt unter Preußischem steht; also muß die grüne Farbe schwarz werden.

Einmarsch in Böhmen

Wir rückten mit Musik über die böhmische Grenze. Dort angekommen, ließ der Major die Gewehre zusammenstellen, wobei er uns den Erlaß des Königs vorlas. Also ungefähr so: "Wir haben es erzwungen, die sächsische und böhmische Grenze zu übersteigen, weil der Kaiser von Österreich sich schon früher der Freiheit bediente, die Grenze von Schleswig-Holstein zu übersteigen. Daher Mut und Tapferkeit, sehr harte Tage stehen uns bevor, und harte Kämpfe werden wir noch zu bestehen haben etz." Wie das Lesen am Ende war, gings nach Hainspach ins Quartier.

Nicht zu vergessen: Von Halle an bis durch Neustadt hatten wir noch keine katholische Kirche gesehen, denn die ganze Gegend war evangelisch.

Als wir nun nach Hainspach kamen, trafen wir auf die erste katholische Kirche, denn ganz Böhmen und Österreich ist katholisch, jedoch sehr durchmischt mit Juden. Hier verstanden wir uns noch sehr gut, denn es war Deutschböhmen. Ehe wir nun ins Dorf einrückten, erscholl ein allseitiges "Hurra!". Für uns war es ein Rätsel, warum? Jedoch als wir näher kamen, war es bald gelöst. Auch wir stimmten begeistert ein; denn da stand dicht am Dorfe eine große Marienstatue. In dem Dorfe benutzten wir die Gelegenheit, bei dem dortigen Pfarrer zu beichten. Den anderen Morgen hatten wir um 4 Uhr, weil viele Soldaten gebeichtet hatten, Gelegenheit, während einer hl. Messe die hl. Kommunion zu empfangen.

Von Hainspach verfolgte uns das Geschick ins Biwak bei Alt-Ehrenberg. Da habe ich einen Brief geschrieben unter einem Mantel, welchen die beiden Jakob und Gerhart wegen des starken Regens über mich hielten.

Gegen Sonnenuntergang kam unser Feldprediger. Nun wurde auf einem geeigneten Platze ein Altar aufgeschlagen, um den sich alle katholischen Soldaten aus dem Biwak versammelten. Nach einer kurzen Andacht hielt der Prediger eine Ansprache, worin er bemerkte: er habe vom Papste die Vollmacht erhalten, da wir nicht beichten könnten, er uns durch Reue Lossprechung der Sünden erteilen könnte. Dann erteilte er uns die Generalabsolution. Danach wurden einige Strophen von einem Liede gesungen, wonach wir wieder an unsere Stelle gingen. Als die Sonne sich geneigt, da fing der Himmel an sich schwarz färben und es folgte bald der Regen wie vom Himmel gegossen. Hier kamen wir auf Fürsprache des Herrn Hauptmanns alle in zwei Scheunen zu liegen, während viele andere Kompanien unter scheußlichstem Regen die Zeit im Biwak zubringen mußten.

Den andern Tag, ein Sonntag war Johannistag, was bei den Böhmen ein sehr wichtiger Tag ist; denn der hl. Johannes ist aus Böhmen, und die Hauptstadt selbst besitzt sein Monument, wovon ich dir später noch mehr erzählen werde. Jedoch ich kann dir sagen, daß uns fast jede Stunde das Bild des hl. Johannes von Nepomuk begegnete.

Den genannten Tag wurde noch über 4 Stunden marschiert, und es regnete, so daß man glaubte, es sei ein Wolkenbruch. Endlich bestiegen wir den höchsten Berg, den ich bis jetzt noch gesehen. Er hieß Lausche und war 3000 Fuß hoch.

Die zwei letzten Tage sind wir zwischen hohen Bergen und tiefen Tälern marschiert. Alles war mit Wald bewachsen. Das waren die Böhmischen Wälder, worin wir zwei Tage verweilten. Nun will ich wieder zum Lausche zurückkehren.

Durch das dunkle Wetter schwebte ein Nebel wie tragende Wolken über uns. Dieses konnten wir am Fuße des Berges deutlich erkennen. Wie wir den Berg bald bis zu seiner höchsten Spitze erreicht hatten, kamen wir in einen so dichten Nebel, welcher je höher je dichter wurde, so daß wir den Vordermann nicht mehr sehen konnten. Kaum waren wir abwärts gestiegen einen Steinwurf, da wurde es lichter, und wir hatten bald eine Gott weiß wie weite Aussicht. An der Rückseite des Berges kamen wir ins Quartier. Das war bei Niederlichtenwalde, wo wir unsere Kleider trockneten. Bei der Absteigung des Berges bewahrheitete sich das Sprichwort: "Du bist wie aus den Wolken gefallen!"

Am folgenden Tag ging es schon in aller Frühe fort. Gegen 2 Uhr nachmittags kamen wir in der Nähe von Gabel ins Quartier. Hier kamen wir wider alle Gewohnheit nicht mit Jakob ins Quartier in eine sehr große Bierbrauerei, welche einem dort wohnenden Grafen gehörte. Die Brauerei lag an einem Berge. Auf dem Berge in reizender Aussicht stand das Schloß des Grafen. Da kann ich dir sagen, wir bekamen satt Bier von der Brauerei und eine so große Brauerei habe ich noch nicht gesehen.

Hier wurde auch viel von den Feinden gesprochen; denn die ungarischen Husaren, welche so furchtbar geschildert worden waren, hatten den Tag vorher dort im Quartier gelegen, und sie sollten jetzt bloß eine halbe Stunde von uns weg liegen. Daher wurden vom Hauptmann an jedes Quartier Posten gestellt, damit die Karnalgen uns nicht des nachts bestürmten. Jedoch sie ließen uns ruhig schlafen, und des andren Morgens gings weiter. Gegen 6 Uhr marschierten wir eine Stunde weiter nach Gabel. Daselbst blieben wir bis nachmittags, wo uns wieder die Gardelandwehr und die roten Husaren ablösten; denn wir waren dort des Morgens bis die Landwehr kam zur Bewachung der Kriegskasse zurückgeblieben.

Nun gings weiter. Unterwegs sagte uns der Hauptmann: "Heute können wir sehr gut auf den Feind stoßen." Und er hatte sich auch wirklich nicht getäuscht; denn unsere Avantgarde ist den Tag noch auf den Feind gestoßen, unsere Füsiliere waren dabei. Und das war bei Hühnerwasser. Wie es hieß, sollten wir noch ins Hauptbiwak kommen, jedoch ehe wir hinkamen, wurde sich im Dorf noch etwas gestärkt. Bevor ich nun meine Speise halb verzehrt hatte, da riefen mich die Kameraden heraus und riefen: "Hört doch das Kanonieren!" Jedoch ehe wir hinkamen, hörten wir schon Gewehr- und Salvenfeuer. Es ging bis dicht vor Stines [Niemes?], was man auch ohne zu schimpfen ein Städtchen nennen kann. Da hieß es, die Preußen haben schon 72 Gefangene gemacht. Und der Hauptmann zeigte uns, wie der Feind in ein dort befindliches Wasser Heu warf, damit wir nicht so schnell durchkönnen. Unsere Avantgarde hatte den Feind vertrieben und war noch im Gefecht. Nun gings mit "Hurra" durch das Dorf, wo schon die Gefangenen hinter Schloß und Riegel warten. Jedoch ehe wir hinkamen, hatte sich der Feind Gott weiß wie weit zurückgezogen, und wir kamen ins Biwak.

Den anderen Tag hatten wir Ruhe. In dem Biwak hinter Stines auf den letztgesagten Tag hatten wir eine hl. Messe, worüber wir eine überaus große Freude hatten. Da hättest du, liebe Schwester, gern eine solche Feier mitgemacht. Eine solche will ich dir kurz schildern:

Während ein alter Küster den Altar, welcher aus 1 Altartisch, 3 Altartüchern, 2 Wachskerzen und einem Kruzifix bestand, herstellte, ordneten die Herren Offiziere die katholischen Soldaten gruppenweise um den Altar. Danach spielte unsere Musik einen Choral. Als nun der Priester den Altar bestieg, stimmte der Küster die deutsche Messe nach der allbekannten Melodie wie zu Hause an. Und nun erscholl aus abertausenden Männerkehlen die bekannte Weise. Da alle Truppenteile vertreten waren, sah man außer den Herrn Geistlichen und Küster nichts wie den Himmel und Soldaten. So waren denn die Wolken und das Firmament gleichsam die Bogen in den großen Hallen des Weltdomes.

Leider war es mir nicht vergönnt, der ganzen Feier beizuwohnen; denn während der Predigt mußte der Schützenzug unserer Kompanie, wo auch ich bei war, mit einem Herrn Offizier eine Patrouille über einen nahegelegenen Berg machen. Der Feind sollte sich da gezeigt haben. Jedoch wir haben nichts gefunden. Als wir wieder zurückkamen, war die Feier vorbei. Wir blieben den Tag über im Biwak und hatten daselbst Bettag. Jakob kam dort auf Wache.

Des anderen Morgens in aller Frühe gings gegen 3 Uhr weiter. Es ging weiter durch einen Wald, welcher mehr wie 3 Stunden lang war, und wir kamen nach Hühnerwasser. In Hühnerwasser haben wir die ersten Toten angetroffen, da bekamen wir andere Gedanken. Da sahen wir auch, wie eine Kanonenkugel ein Haus durchbohrt hatte. Unterwegs trafen wir eine Feldwache, welche schon den Tod auf dem Schlachtfelde erlitten hatte. Der Weg führte uns durch Wald und Tal bis Münchengrätz.

Schon von weitem hörten wir das Donnern der Kanonen, bis wir zuletzt vollends im Gefecht standen. Ehe wir zum Schuß kamen, hatte sich der Feind zurückgezogen. Nun folgten wir dem Weg durch eine Wiese dicht vor Münchengrätz. Da lagen überall Tote und Verwundete, ja wir kamen gerade dahin, wo der Feind im Biwak gelegen hatte. Da nun die Brücke über einen dort befindlichen Fluß in Brand geschossen war, mußten wir so lange warten, bis die Pioniere dort eine Brücke wieder aufgerichtet hatten.

Während der Wartezeit hieß es, wer Branntwein haben will, kann dort hingehen, denn es war eine sehr große Hitze. Auf das Geheiß ging der Jakob hin, aber o Schrecken, denn ehe der Jakob wiederkam, da hieß es: der Keller enthielte viele Branntwein- und Spiritusfässer, und diese ständen in hellen Flammen, und viele Soldaten seien in demselben. Da endlich fand sich der Jakob wieder ein und erzählte, daß alles am brennen sei, und er wäre nur einige Minuten aus dem Keller heraus gewesen, da hätte alles gebrannt. Da sind auch wirklich Soldaten verbrannt. Auch viele Bürger, welche sich dorthin geflüchtet hatten, haben den Tod in den Flammen gefunden. Die Anzünder haben dafür bald nachher den Tod als Lohn erhalten. Nun wollen wir weitergehen.

Kaum war die Brücke fertig, da gings drüber. Wir kamen noch an demselben Abend auf Vorposten bei Wesela. Diese Wache war so dicht am Feind, daß wir des Nachts sein Wachtfeuer sehen konnten. Auf der Wache bei Wesela sind allerlei Geschichten vorgekommen. Der Hunger hauste sehr stark bei uns allen, und weil die Leute alle geflohen waren, wurde rein nichts verschont. Des Nachmittags gegen 3 Uhr wurde ein altes, abgemagertes Schwein gefunden. Nun wurde eine tolle Hetzjagd angestellt, und endlich mußte das arme Tier von all den Säbelhieben erliegen. Dann folgte so schnell wie möglich das Abschlachten, und gegen 6 Uhr war das Schwein schon genießbar gekocht. Den andern Morgen wurde ins Biwak zurückgezogen, und gegen Nachmittag wurde die Stellung im Biwak geändert, durch eine halbe Stunde weiter. Hier sollten wir nicht ruhig liegen bleiben; denn es zeigten sich feindliche Patrouillen, und deshalb begannen unsere Posten zu schießen. Das hielt nicht lange an, und wir konnten doch wenigstens Ruhe im Biwak genießen. Da fehlte uns das Stroh zum Nachtlager, und wir mußten uns mit ausgerissenem grünen Kram zur Ruhestätte begnügen. Gegen Abend besuchte uns der Josef Neuheuser und fand uns drei schon nach alter Gewohnheit zusammen schlafen.

Den anderen Morgen gings ins Biwak in ein Dorf mit Namen Tiffnitz. Hier biwakierten wir in einem großen Knollenstücke, und da der Tabak mehrere Tage gefehlt hatte, so haben wir Blätter von den Bäumen getrocknet und geraucht. Hier hatten wir das Vergnügen, liegen zu bleiben bis zum folgenden Mittag.

Den Morgen gerade den 1. Juli auf Sonntag hatten wir eine hl. Messe. Gegen 1 Uhr wurde sich aufgemacht, unterwegs begrüßte uns der Regen und teilte seine Geschenke aus bis zur späten Nacht. Der Marsch dauerte bis 10 1/2 Uhr, wo wir uns dann im Biwak etwas Heu suchten und uns ohne Feuer und etwas zu genießen zur Nacht legten. Den anderen Morgen war guter Rat teuer, woher sollten wir Brot nehmen, denn nur ein Haus war in der Nähe, und die Kolonne konnte uns des Abends nicht erreichen. So kam ich dann bei den Josef Neuheuser, der uns Dreien ein ordentlich Stück Brot schenkte, welches bald geteilt war. Da war unser Ziel wiederum ein Biwak, wo wir gegen Mittag ankamen. Hier erhielten wir etwas Fleisch, und gegen Abend brachte die Kolonne Reis und Brot. Da besuchte uns der Theodor Bon, welcher mit uns unsere Suppe teilte. Unser Fleisch bestand aber nur aus Knochen.

Schlacht von Königgrätz

Den anderen Morgen, den 3. Juli, der unvergeßliche Tag, weckte uns ein General schon gegen 5 Uhr im Biwak, wobei er bemerkte: "Liebe Kinder, es ist keine Zeit zum Kochen, so schnell wie möglich muß es fortgehen." Es war ein nebliger Tag, gegen Mittag klärte sich der Himmel wieder auf, und die Wege waren wegen des langen Regens sehr schlecht zu passieren. Dazu wurde noch durch nasse und grüne Fruchtstücke in geschlossener Ordnung marschiert. Daher wirst du dich nicht wundern, wenn ich sagte: das, wozu wir sonst 3 Stunden benutzten, gebrauchten wir nun 6 Stunden. So kamen wir gegen 9 Uhr in ein Dorf, wo viele wegen Mattigkeit nicht mehr weiter konnten. Da kam unser Adjutant angesprengt und sagte lachend: die Mündungsdeckel ab, der König kommt. Aber wie hatten wir uns getäuscht, denn noch ehe wir das Dorf fast erreicht hatten, da sahen wir schon mehrere Dörfer links in Flammen stehen. Das Donnern sowie das Blitzen der Kanonen war, als wollte es uns umzingeln.

Nun gings so schnell wie möglich durch das Dorf, jedoch ehe wir dasselbe verlassen, da brachte man schon Schwerverwundete ins Lazarett. Vor einer kleinen Anhöhe wurde halt gemacht. Hier ließen die 68er ihre Fahnen hochwehen, denn es war das erste Gefecht, in dem sie zugegen waren. Da hörten wir das Donnern und durch die Luft Sausen der Granaten des Feindes, welcher unmittelbar hinter dem Berge seine Aufstellungen bezogen hatte. Nicht zu vergessen: Links von uns sah man das gegenseitige Blitzen der Kanonen so weit das Auge trug und hörten das Aufeinanderstoßen der feindlichen Truppen. Wir hatten den rechten Flügel, mithin den linken des Feindes. Daher war es unsere Aufgabe, den Feind von links zu umgehen. Da nun die Granaten so flogen, daß sie bis auf 100 Schritte vor uns die Erde aufwühlten, so mußte ein kleiner Umzug in unserer Richtung, denn die Österreicher zielten nicht schlecht, benutzt werden.

Es gelang uns nun, einen Wald zu passieren ohne weniger Leben zu kosten, bis wir wieder über ein Feld setzten und in eine Ecke kamen, wo nur Wald in der vor uns liegenden Richtung zu sehen war. Eine feindliche Patrouille hatte unser Marschieren bemerkt, und bald waren wir verraten. Da es nun, wie sich später herausstellte, die Absicht des Feindes war, uns zu umgehen, wir aber schon sehr stark vorgebeugt hatten, so läßt es sich leicht erklären, welch hartnäckiger Kampf sich dort entspann. Wie wir nun in der gesagten Ecke standen, da hieß es, der vierte Schützenzug in den Wald schwärmen, wo auch ich und Gerhart bei waren. Aber ach, da war an ein Durchkommen, wie es uns schien, nicht mehr zu denken. Auch die anderen Kameraden hatten, wie sie sagten, im stillen zueinander gesagt: diesem Schützenzug können wir Adieu sagen.

Wir rückten also vor, jedoch da krachte es von allen Seiten in dem Wald, welcher so dicht war, daß man nicht weiter wie 10 bis 15 Schritte sehen konnte. Nun gings von Baum zu Baum, ja wir standen zuletzt Mann gegen Mann gegeneinander. Es ist nicht möglich zu schildern, wie es einem bei solchen Geschichten ums Herz ist. Es dauerte nicht lange, da lief alles wirr durcheinander. Kein Kommando konnten wir hören. Daher kam es, daß ich mich mit noch 4 anderen endlich allein fand. Wir 5 blieben auch im Vorgehen zusammen. Noch mancher vom Feinde traf keine günstige Stellung gegen uns.

Endlich sahen wir wieder Verbindung mit den 40ern. Jedoch es sollte nicht lange anhalten, denn wir mußten über eine Anhöhe, welche mit kleinen Fichten besetzt war und von dem im nächsten Hochwalde liegenden Feinde recht passend beschossen werden konnte. Da gingen nun rechts und links die Kugeln wie Regen an uns vorbei. Nun gelangten wir glücklich in einen großen Wald, wo wir die 40er nicht mehr fanden. Da hatte der zur Verstärkung geholte 3. Schützenzug schon recht gefochten, denn wir fanden an einem Baum liegend einen Kameraden der 3. Kompanie, welcher mit 2 Soldaten des Feindes gestritten hatte. Alle 3 lagen nicht weit voneinander, und jeder war dem Tode nahe. Einer rief den andern um Wasser an. Da ging einer von uns zu ihm und sagte: "Wenn du irgend etwas hast, so sage mir deine Adresse; wenn ich glücklich durchkomme, werde ich es berichten oder hast du sonst noch irgend was?" Da sagte er: "Laßt mich ruhig liegen und macht, daß ihr durchkommt. Ich kann ruhig sterben." Als Küster bin ich bei manchem Sterbenskranken gewesen, jedoch so ruhig und gottergeben, weiß ich mich kaum einen zu erinnern. Dann gingen wir noch eine Strecke weiter und machten 4 Gefangene. Nun gings weiter, und zu guter Letzt sah ich mich ganz allein. Nun sah ich, wie der Wald heller wurde. Daraus ließ sich schließen, daß sein Ende bald da war. Ehe ich aber am Ende ankam, fand ich noch viele gegeneinander kämpfend. Ich lief nun verwirrt weiter und fand zu meiner Freude den Gottfried Brück von Berg. Dieser gab mir ein Stücken Brot (Zwieback), welches er von toten feindlichen Soldaten aus der Tasche genommen hatte. Dieses habe ich später mit Jakob und Gerhart geteilt. Jedoch jetzt aß ich meinen Teil, obwohl die Granaten rechts und links einschlugen und sehr hart Verwundete machten. Dann kann ich dir auch sagen, der Hunger hat keine Grenzen und fürchtet sogar den Tod nicht.

Wir sahen eine dicke Eiche am Rande des Waldes. Dahinter stand ein Kamerad von uns. Da sagte ich zu dem Fritz: "Der hat eine gute Stellung dort hinter der Eiche." Jedoch kaum war das Wort fort, da kam eine Granate und schlug dem Mann ein Bein ab. Wir liefen herbei und verbanden es mit unserem Verbandszeug so gut es ging. Dann mußten wir ihn liegen lassen, und wir gingen weiter. Da der Fritz bei ein anderes Regiment gehörte, mußten wir uns gleich trennen. Auf dem Felde vor einem Hause blieb ich stehen und sah mich um, ob ich niemand von unserer Kompanie sähe. Da fanden sich zwei bei mir ein, welche mich freudig begrüßten, denn einer suchte Trost beim anderen. Das waren 2 von den 5 Mann. Kurz nachher kamen noch andere von unserm Schützenzuge, dabei war auch der Gerhart. Da der Hunger uns stark umfaßte, zogen wir vor, die Gewehre zusammenzustellen, denn es hieß, der Feind habe sich zurückgezogen und das Bataillon sei abgelöst. Einer kletterte auf einen Kirschbaum. Jedoch kaum saß er auf dem Baum und wir ihm zuriefen: Schmeiß uns welche herunter, da kam eine Granate unter dem Baum her. Der auf dem Baum war fiel herunter, und wir liefen zu den Gewehren. Wie nun der Schrecken etwas beseitigt war, sahen wir zu, ob nichts da zu sehen wäre. Wir fanden die Granate einige Schritte vom Baum. Sie war aber geplatzt, sonst hätte es uns schlecht gehen können. Dann fanden sich auch bald die anderen des Schützenzuges ein, und nur Wenige fehlten. Mein linker Nebenmann hatte das Bein verloren. Nun sahen wir uns etwas um, aber ach, welcher Anblick; denn die Toten und Verwundeten lagen da wie gesät, ja fast von allen Truppenteilen zusammen.

Auf einmal sahen wir unsere Kompanie zurückkommen. Nun kannst du dir leicht denken, wie ich nach dem Jakob suchte, denn der hatte unterdessen eine Schanze mit eingenommen, wobei viele ihr Leben einbüßten. Darunter zählten sie einen Hauptmann und einen Leutnant und viele andere Kameraden. Ich fand den Jakob dann zu unserer größeren Freude wieder. Er war noch gesund, jedoch sein Gewehr war stark beschädigt. Gegen 6 Uhr nachmittags trafen wir uns wieder, des Morgens gegen 9 Uhr hatten wir uns verloren. Also neun qualvolle Stunden. Jeder von uns beiden wußte wie es ihm war, jedoch nicht, wie es dem andern erging. Als wir eben wieder zusammenwaren, kam unser Herr Oberst zu reiten - der war im Feldzuge als Kommandeur der Avantgarde abkommandiert - und sagte: "Ist das mein Regiment?" Dabei rollten dem alten Mann die Tränen über die Wangen.

Auf einmal rief er: "Schnell, Karree formiert, da hinten kommt ein feindliches Kavallerieregiment." Hinter dem früher erwähnten Hause standen noch drei Geschütze der Artillerie, wobei zwar noch die Bedienung, aber kein Kommando mehr war. Daher übernahm der Herr Oberst selbst das Kommando. Er ließ in aller Eile die Geschütze auf eine Anhöhe vor uns fahren; wir hörten, wie er kommandierte: "Schnell Karree formiert, schnell Feuer mit Kartätschen geladen!" Nachdem dieses mörderische Feuer einige Zeit angehalten hatte, retirierte der Feind. Der Oberst kam zurück und sagte: "Für heute seid ihr entronnen", sagte Adieu und ritt von dannen. Nun wurde uns später erzählt, der österreichische General Benedeck habe durch das Fernrohr gesehen uns gesagt, wenn das, was wir sehen, Preußen sind, dann sind wir verloren; und spricht auch zugleich, es sind Preußen, wir sind verloren!

Wie wir nun zum Biwak geordnet waren, hieß es wer alle den Tod gefunden oder hart verwundet worden; unter diesen zählte man auch den Unteroffizier Elwer von der 1. Kompanie, welcher einen Arm verloren hatte. Den Elwer fand der Jakob in einer Scheune. Ich aber war zu sehr angegriffen von der ganzen Geschichte. Des Abends hörten wir noch immer schießen. Dann haben die Österreicher immer fort retiriert, dabei soll es schrecklich zugegangen sein. Im nahegelegenen Wald hörten wir noch Gewehrschüsse. Das waren Signale von Verwundeten. Dorthin gingen die Krankenträger auf Suche. Als es anfing dunkel zu werden, bot sich uns ein schauriger Anblick, denn alle Dörfer und Häuser starrten in Flammen. Vor uns gegenüber lag ein kleiner Berg, Ackerland mit einer angrenzenden Wiese. Auf diesem Berg haben die 17er und 57er schwerharte Kämpfe gehabt. Das Feld lag wie besät von Leichen und Verwundeten. So gingen denn durch das rote Licht der Flammen die Lebenden wie Geister unter den Toten. Wir legten uns zum Schlafen nieder.

Als ich am anderen Morgen erwachte, war es heller Tag. Aber welch schreckliche Gedanken: Mit einem Schlage kamen mir die Schrecknisse des vorigen Tages vor die Augen; denn viele Kameraden lagen da bei uns, welche auf Erden nicht wieder erwachen. Gesattelte Pferde, abgerissene Kanonen, alles lag wirr durcheinander. Jeder von uns dachte, heute abend oder morgen wirst auch du zu den Toten gezählt werden; denn keiner hätte ahnen können, daß es mit der einen entscheidenden Schlacht zu Ende gewesen sei. Ja, ich hörte einen Kameraden zum andern sagen: "Wenn auch jetzt einer käme und sagte, ich hätte das große Los gewonnen, ich wüßte nicht, ob ich ihm danken sollte."

Gegen 6 bis 7 Uhr hoben die Pioniere große breite Gräben aus (sogenanntes Massengrab); da trugen die Krankenträger die Leichen schichtenweise aufeinander. So wurde denn Freund und Feind als Kamerad zusammengelegt. Man kann sagen, viele von ihnen haben längere Zeit in ihrem eigenen Sarge geschlafen, denn die Stiefel, Hosen, Waffenrock und Feldmütze, das bildete ihren Sarg. So wurden sie dann weit weit von ihrer lieben Heimat ohne Sang und Klang, ohne kirchliche Gebete beerdigt. Ja, wir konnten uns kaum in den Gedanken fassen, gestern um diese Zeit noch munter und gesund und heute schon in kühler Erde. Jedoch uns blieb die süße Hoffnung, der Herr der Heerscharen wird ihnen im Himmel die Siegeslorbeeren geschenkt haben.

Liebe Schwester, es ist mir unmöglich, alles wie gesehen und wie durchlebt haben, zu beschreiben. Ich will weiter gehn.

Da fanden wir den Lui Hartmann, welcher mit dem Auspacken des Tornisters beschäftigt war, denn eine feindliche Kugel hatte denselben durchbohrt. Alle Herkenrather fanden wir gesund! Gegen Mittag kam die Kolonne und brachte Erbsen und Speck. Da brachten mir die beiden Wasser, das rot von Blut war. Mit dem Gedanken, es schäume sich alles heraus, haben wir damit gekocht.

Nachher rückten wir aus in ein Dorf ins Biwak. Am anderen Morgen rückten wir weiter vor. Unterwegs sagten uns die Herren Offiziere, es seien 17.000 Gefangene gemacht und 100 Geschütze erbeutet worden.

Marsch auf Wien

Des Nachmittags kamen wir gegen 4 Uhr bei Wenaritz ins Biwak. In dem Dorfe habe ich die ersten schwarzen Husaren gesehen.

Ich wollte Wasser holen. Aber da stand ein Posten am Brunnen, weil das Wasser vergiftet war. Da sagte einer zum anderen, das fehlt auch noch, nun kein Wasser. Ich ging in ein Gehöft, um Brod zu holen. Da stand an der Türe eine Frau; sie rief in einem fort "Kleba prisch", Brot fort, Scheshko prisch, alles fort. Da kam ein Unteroffizier von den 33ern mit einer Vollmacht und wollte Brot requirieren. Er ließ in dem Hause und der Scheune alles durchsuchen. Da fanden die Soldaten in der Scheune unter der Frucht einen großen Sack Brot. Da hielt ich bei dem Unteroffizier an um das kleinste Brot; denn die Brote waren sehr unregelmäßig gebacken. Endlich willigte er ein unter der Bedingung, die Frau in die Scheune zu bringen und zu sagen: Scheßko prisch! Dieses Opfer war meinerseits bald vollbracht.

Den folgenden Tag, den 6. Juli kamen wir ins erste Quartier. Hier erhielten wir recht schlechtes Brot, denn es war nur halb gar gebacken.

Besonderes weiß ich davon nicht zu sagen; das heißt neues, als daß uns der General der Kavallerie an Kartoffeln verhalf, indem er einen Keller erbrechen ließ.

Von da rückten wir des morgens gegen 7 Uhr aus. Unterwegs wurde uns der Jubel vorgelesen, welcher in Berlin herrschte, und gegen 2 Uhr kamen wir nach Neuhof. Da habe ich mit noch 30 Mann in einem Dorfe gelegen. Bis dahin hatten wir noch keinen Tabak erhalten; aber unser Weg führte uns nach Guttenberg, einer Stadt, in der nun der Tabak requiriert wurde. Dieser hat dann beinahe 2 Monate gehalten. Den Tag kamen wir ganz allein abdetaschiert nach Sankt Jakob, wo uns der Tabak überliefert wurde.

Den andern Tag marschierten wir weiter von 6 Uhr bis gegen Abend. Dann quartierten wir uns ein in einem Dorf namens Seinek. Den 10. Juli den nächsten Tag verfolgte uns das Geschick nach Freudenthal, ein sehr kleines Dorf. Unter sehr starkem Regen kamen wir da an und wurden zu 30 Mann in einem Haus einquartiert mit einem Prinzen und einem Sekunde-Leutnant, welche auch des nachts mit uns im Heu in einem kleinen Schuppen geschlafen, wobei jeder es noch für ein Götterleben hielt, denn wir sollten ins Biwak, jedoch das Haus war sehr klein und von armen Seidenwebern bewohnt.

Den folgenden Tag gings durch die Stadt Iglau, wo einige Kranke zurückblieben, welche später dort viele Wachen getan. Das war auch ein recht heißer Tag, und endlich gegen 3 Uhr nachmittags kam unsere Kompanie in zwei Häusern ins Quartier. Wie das Dorf, welches nicht klein war, hieß, weiß ich nicht mehr (Backlitz), das weiß ich aber noch, daß wir den Tag den Leutnant Haun als Hauptmann erhielten.

Und wenn wir uns erzählen von der verflossenen Zeit, so bezeichnet es der Gerhart den Tag, wo wir all die Kartoffel gegessen. Ja, wir haben da auch einmal recht unsere ausgehungerten Mägen mit Kartoffeln gefüllt. Die Leute waren alle fort und die Offiziere ließen die Keller erbrechen.

Den anderen Tag nach einem langen Marschtage nach Dreschbis, einer großen Stadt. Hier kamen wir zu einem armen Schuster ins Quartier. Ach wie freuten wir uns, mit einem Bürger sprechen zu können, denn der konnte deutsch.

Den andern Tag kamen wir nach Wallusek, wo wir recht bald ankamen gegen 10 Uhr morgens. Hier hatten wir den folgenden Tag Ruhe; das war der erste Ruhetag seit Gott weiß wie langer Zeit. Da wirst du dir denken, da könntet ihr euch einmal ausschlafen, denn an solchen Ruhetagen weiß man nicht vor Arbeit wo hinaus. Wir hatten da Gewehrappell, und alle Sachen mußten geputzt werden. Das war seit 6 Wochen nicht mehr geschehen. Gegen Abend hatten wir Gottesdienst, und es war unser Kirmessamstag.

Der Gottesdienst bestand in einer kurzen Andacht und Predigt. Ehe die Predigt vollendet war, kam unser Armeekommandeur mit seinem Gefolge. Er hielt gerade uns gegenüber still. Nachdem die Predigt ganz vollendet, stieg der hohe General Herward von Bittenfeld vom Pferde und grüßte unseren Herrn Geistlichen, was für letzteren eine hohe Ehre war. Dann stieg er wieder auf sein Pferd und ritt dann weiter. Für den Tag hatten wir ein unvergeßliches Andenken, denn es gelang uns Mehl und Gänsefett zu bekommen. Nun wurde beratschlagt, ich sollte Klöße backen. Da solltest du einmal Klöße gekostet haben, und für unseren ausgehungerten Magen wars ein Leckerbissen; denn durch all die Biwaks war ich in der Kochkunst sehr fortgeschritten. Den folgenden Tag kam der Gerhart wegen recht starkem Rheumatismus ins Lazarett. Also – so sagte der Jakob, gehst du unsere Kirmes von uns. Unser Marsch brachte uns viele Meilen von Wallesch, wie das Dorf aber hieß, weiß ich nicht. (Weihnau?)

Hier wurde von 2 Kameraden Brot gebacken. Gegen Abend besuchte uns der Josef Neuheuser. Nun sollte uns wieder ein unvergeßlicher Tag zuteil werden; denn da haben wir bei der größten Hitze einen Marschtag gehabt, wo viele an Hitze und Ermüdung gestorben und wir noch nicht mit der Hälfte der Kompanie nach Erdberg kamen; jedoch Gott Lob und Dank, wir haben alles ausgehalten. Den gesagten Tag auf Kirmesmontaq sind 21 Mann von unserer Kompanie ins Lazarett gekommen.

Nun kam der Kirmesdienstag, ob dieser nichts neues liefert? Doch, liebe Schwester, da haben wir in Altobersdorf, wo wir gegen Mittag ins Quartier kamen, Wein empfangen. Unsere Kompanie kam in eine Scheune, obschon die Kompanie sehr zusammengeschmolzen, so waren doch noch immerhin 160 bis 180 Mann. Die Herrn Offiziere hatten Weinkeller, welche meistens Weinhändlern gehörten, erbrechen lassen und requirierten, so gingen die Soldaten mit ihren Feldkesseln, um Wein zu holen, da kannst du dir wohl denken, da die meisten wenig gegessen, fast alle in dulci jubilo kamen; der Zufall wollte gerade, daß ich für meinen Teil keinen Wein trinken konnte, weil ich zu starke Leibschmerzen hatte; der Jakob brachte weißen Wein, jedoch er glaubte, roten wäre besser für mich. Da ging er zurück und holte roten Wein, jedoch leider konnte ich diesen nicht genießen, zum Glück ließen die Schmerzen nach, da hieß es: Heraustreten zum Appell.

Da überreichte mir der Feldwebel einen Brief, auch einen für den Jakob. Wie ich nun nach üblicher Weise herausgetreten war, rief der Herr Leutnant (derselbe hatte sich an der Scheunenecke gestützt) Molitor kehrt, Molitor kehrt. Da ich nun meine Haltung hielt, also nicht auf die Erde purzelte, so rief er: "Dieser Molitor ist der einzige der Kompanie - dann wogte alles - der nicht be – .... weiter hörten wir nichts, denn auch Herr Leutnant hatte die Stärke des Weines zu stark erprobt. Er lag daher zusammengekauert an der Erde. Nun krabbelte jeder so gut er konnte wieder in die Scheune. Einige probierten das Singen, andere wollten erzählen. Beides schien nicht zu gelingen. Sehr viele wollten dem Österreichischen Quartmasse nicht trauen. Doch es war ein großer Wirr-Warr durcheinander.

Am andern Morgen, also an unserm Kirmesmittwoch, war der Katzenjammer so modern wie zu Hause. Viele konnten froh sein, daß ihnen der Kopf angewachsen war, sonst hätten sie ihn vergessen mitzunehmen. Als wir auf dem Sammelplatze des Bataillons zusammenkamen, hielt der Herr Hauptmann der 1. Kompanie von Quart, welcher bis dahin das Bataillon geführt, eine lange Strafpredigt wegen des Weines von gestern, jedoch am Schlusse tröstete er uns mit den Worten: "Solange ich das Bataillon führe, bekommt ihr keinen Wein mehr."

Nun gings weiter nach Kesselsdorf. Jedoch dicht vor Kesselsdorf bekamen wir den Oberst-Leutnant von Sikotski als Regiments-Kommandeur. Wir marschierten durch ein kleines Städtchen, wo die 24er einquartiert waren, und wir mußten da erst abkochen, bis wir gegen Mittag in Kesselsdorf einrückten bei vollem Staubgewolke, so daß man nicht dadurch sehen konnte. Die 24er lagen in dem Städtchen, wo wir durchmarschierten, indem an den Oberst-Leutnant vorbeimarschiert wurde. Doch dahinter lagen auch einige im Biwak, und wir mußten den Nachmittag, ehe wir einrücken konnten, warten, bis die 24er geräumt hatten, und da wurde erst abgekocht.

Wie erwähnt hatten wir einen neuen Regiments-Kommandeur erhalten, so erhielt unser Bataillon seinen früheren Kommandeur Oberst-Leutnant von Brauwitsch wieder - der war bis dahin Kommandeur der Regiments wieder. Oben genannter war ein herzguter Mann. Er sagte: "Wie ich gehört, ist euch der Wein verboten. Nun habe ich aber Eier gefunden. Eier in einem nahegelegenen Keller. Eier ist also kein Wein. Diese könnt ihr haben." So bekam denn jeder 8 Eier je nach der Dicke. Da gabs ein Leben, die Kuchenpfannen hatten es so eilig wie zu Faßnacht; denn überall, wo man kam, waren die Soldaten am Eierkuchen backen.

Den anderen Tag hatten wir Ruhe.

Jeder bekam wieder sein Quantum Eier. Nun gings den folgenden Tag nach Hohenrupersdorf, da sind wir den 20.Juli angekommen und den 23.ten nach Hiples marschiert. Während der Zeit hieß es, es ist Waffenstillstand. Und da wurde Appell abgehalten, und des Sonntags war Kirchengang. Da haben wir beide, Jakob und ich, bei zwei alten Leuten gelegen. Mit dem Tagesbericht bin ich etwas eilig vorgeschritten und habe etwas vergessen, welches ich gerne berichtigte.

Nämlich an dem früher erwähnten Kirmessonntage wurde der Jakob krank, so daß ich an Cholera glaubte, denn diese hatte schon einige Opfer verlangt. Ich ging des Nachmittags in dem Dorfe rund, und es gelang mir, ein Huhn zu kaufen, welches 20 Groschen kostete. Dieses machte ich zurecht und brachte es dem Jakob auf den Heuboden. Da war sein Lager. Des Nachts verzehrte er mit und mit das Fleisch. Am andern Morgen waren die Schmerzen beseitigt. Jedoch er war matt, daß er nichts tragen konnte. Daher trug ich alles doppelt, und er ging leer. Dabei mußte ich meistens 2 Gewehre tragen. Dieser war unglücklicher Weise der lange und heiße Marschtag, wie schon erwähnt. Daher war es mir den andern Morgen nicht mehr möglich, etwas zu tragen; denn wo die Tornister-Riemen gewesen, war alles durch und wund, und dazu hatte ich große Brustschmerzen. Glücklicherweise hatte der Jakob sich wieder ganz erholt, und er mußte dasselbe tragen wie ich den Tag zuvor. Da hat der Jakob sag und schreibe 7 Marschtage mein Gepäck getragen. Dazu den ersten noch mein Gewehr, weil es nicht anders ging. So ein Opfer kann man auch nur von einem Bruder erwarten.

Wie wir wieder nach Hiples marschierten, war ich Gott Lob wieder so weit, meine eigene Last zu tragen. In Hiples kam ich in ein Quartier, welches recht gut war. Den andern Tag quartierten wir eine halbe Stunde in Halfens. Da haben wir es zu 10 Mann sehr schlecht getroffen; denn der Wirt war so frech, daß wir eklich mit ihm verfahren mußten, um auch nur das was irgendeinem zustand zu erhalten. Dazu hatten wir auffallend viel Dienst.

Wir blieben dort den 24. 25. 26. Juli, da haben wir Vorparade im Bataillon gehabt. Der 27.ste war wieder ein unvergeßlicher Tag, denn da wurde der Friede erklärt bei Wolfpassing. Gegen Mittag kamen wir in der Nähe von Wolfpassing ins Biwak. Da sagten uns die Herren Offiziere: "Heute ist ein verhängnisvoller Tag; denn gegen 12 Uhr kommt die Entscheidung: entweder Friede oder vorwärts auf Wien zu", wo wir nur 5 Stunden von entfernt waren und nur 2 Stunden von den Schanzen.

Da könnt ihr euch wohl vorstellen, wie uns ums Herz war gerade um 12 Uhr, da es Friede von allen Seiten hallte. Ja, ich las grade dem Jakob einen Brief vom Vater vor, da wurde ein Spektakel gemacht, denn der Prinz Karl war als Abordnung den Frieden uns zu bringen ins Biwak gekommen. Das war ein Gefühl für uns nach so vielen harten Strapazen; denn nicht lange mehr, so hatten wir keine Hoffnung mehr, daß es besser gehe.

Waffenstillstand und Frieden, Rückmarsch

In Wolfpasing blieben wir nun bis den 31. Juli. In der Zeit haben wir noch öfters Vorexerzieren gehabt; denn den 30. Juli hatten wir Königsparade bei Nikolsburg. In der Zeit fing auch die Cholera heftig an, ihre Opfer zu verlangen; denn es wurden in Wolfpassing viele, welche daran gestorben waren, beerdigt.

Den 31. Juli gings nach Ernstbrunn, eine Kreisstadt.

Von der sächsischen Grenze an hatten wir nur ein Paar Schuhe (Stiefel). Daher gingen die meisten auf österreichischem Boden. Nun wurden unsere Schuster am Tage gefahren und bei ihre Herren Kunstgenossen einquartiert. Mit diesen vereint mußten sie des nachts die Reparaturen vornehmen. Jedoch das reichte nicht mehr aus. Daher mußten die Bürger, wo es nötig war, mit uns die Fußbekleidung wechseln.

Von Ernstbrunn gings den folgenden Tag durch sehr viel Dreck und Schmutz nach Großstelzendorf. An selbigem Orte hauste die Cholera sehr, und du kannst dir leicht denken, daß uns das einen nicht geringen Schrecken einjagte. Es wurde uns gesagt, die 14.te Division sei am Morgen eingerückt und habe viele Cholerakranke zurückgelassen. Diese mußten wir des Nachmittags beerdigen. Wie lange sollten wir noch der 14. Division nachmarschieren. Ach es ging noch lange, und es verfolgte uns der Weg nach Ziersdorf. Da haben wir den folgenden Tag Ruhe gehabt. Der Jakob kam dort auf Wache. Und wir mußten des Nachmittags 2 Soldaten, welche an der Cholera gestorben, beerdigen.

Den 4. gings nach Maissau. Hier haben wir das erste gute Quartier gehabt. Ja wir brauchten uns nicht mehr zu kochen. Dann gings nach Frauenhofen, wo wieder der Gerhart aus dem Lazarett kam, und bald sich wieder bei uns einfand. Nun fand es die Oberigkeit für gut, da die 14. Division so viele Kranke zurückgelassen und wir noch anderen alle gesund waren, daß diese Division einen andern Weg einschlug. Von dem Tage an ging es immer besser. Wir kamen nach Frankenreith, wo wir den folgenden Tag Ruhe hatten.

Nun gings nach Allentsteig. Da kam ich und der Jakob bei einen Bäcker ins Quartier, und der Gerhart kam bei einen Hufschmied. Das war ein sehr schönes Städtchen. Dann gings nach Vitis. Da haben wir zu 31 Mann im Quartier gelegen; und dann durch Schrems nach Kleedorf, wo wir den folgenden Tag Ruhe hatten. Dann gings nach Litschau, ein schönes altes Städtchen, letztes in Österreich. Dann gings über Wittau nach Lottau, erstes Quartier in Böhmen. Dann gings nach Bomitsch, wo wir den andern Tag Ruhe hatten und Kirchengang. Es war gerade das Fest Maria Himmelfahrt. Daselbst erhielten wir euch den Tabak von Haus, welcher ganz brüderlich verteilt wurde unter uns 2 Gebrüder, Gerhart und Johann Strässer.

Den 16. gings über Veßeling und Somera nach Brandlin. Dann nach Marwetz bei Tabara, wo wir ganz abtaschiert waren und ganz gute Quartiere zu 6 bis 7 Mann erhielten. Der 18. brachte uns nach Nedrahowitz, wo wir den folgenden Tag Kirmes und zugleich Ruhetag hatten. Ein Kamerad gab sich bei dieser Gelegenheit als Graf aus und spielte auch seine Rolle ganz gelungen. Die Kellner hatten alle 12 Jahre zu Mainz gedient, daher konnten diese geläufig deutsch. Der oben genannte Kamerad war gegen den hinzugekommenen Leutnant sehr unhöflich, welches der Leutnant mit in Kauf nahm. Da schien die Sache bei Kellnern nicht zu sein, denn gleich nachher hörten wir, wie einer rief: "Sechs Glas Bier für die Bedienung des Herrn Grafen;" Jedoch den andern Morgen fehlte das gräfliche Trinkgeld. Auch wir hatten bei dieser Kirmes einen Spaß zu bezeichnen. Unter anderm stand auch eine ganz alte Frau auf ihren Stock gestützt an dem Tanzkreise und sah dem Treiben zu. Da sagte ich für den Jakob, ich kann ja doch keinen verstehen, so könnte ich euch wohl mit der alten Möhn tanzen. Ich ging auf sie zu und sagte: "Maminka Bozem, Mutter kommt her," und machte eine kurze Kreisbewegung mit der Hand. Sie winkte ja, und wir beide machten eine Runde. Das war aber nur ein Gedibbel. Dann rief sie den Kellner und ließ Bier bringen. Ich ließ ihr sagen, daß der Jakob mein Bruder sei. Nun schien bei ihr die Freude voll zu sein; denn wir beide mußten mit ihr an einen Tisch gehen. Da ließ sie ein Glas Bier nach dem andern kommen. Der Kellner erklärte uns, das sei eine wohlhabende Frau. Sie ließ mir sagen, nun könne sie ihren Enkeln und Urenkeln sagen, daß sie mit einem feindlichen Soldaten getanzt habe, was vielleicht in ganz Böhmen in so hohem Alter keine zweite sagen könne. Wir blieben nun so lange bei ihr, bis wir es vorzogen, in unser Quartier zu gehen. Dann ließ ich ihr für die gute Bewirtung danken und nahmen unter gegenseitigen frommen Wünschen Abschied.

Den 20. August gings nach Rachevor. Auf diesem Marsche habe ich meine Mütze verloren. Ebenfalls begrüßten uns auf diesem Marsche viele schöne Berge und wundervolle Ansichten. Den folgenden Tag kamen wir nach Rosewitz. Von da nach Wenaritz zurück. Da hatten wir auf eine unbestimmte Zeit Standquartier. In diesem Dorfe habe ich euch dieses Buch aufgezeichnet.

Im Standquartier Wenaritz

Ich will weiter gehen. Unser Dorf liegt in zwei Dörfern. Wir haben es ganz gemütlich hier. Ein Landwehrleutnant hat das Kommando, und wir haben ganz gute Quartiere hier. Wir haben wenig Veränderung; jedoch ich werde dir später alles erzählen; denn ich habe vieles vom Feldzuge ausgelassen, sonst wäre ich nicht fertig geworden, für jetzt bin ich müde. Also später mehr.

Wir sind jetzt 18 Tage hier. Wie wir hierher kamen, sahen wir aus wie abgetriebene Gäule, denen vielfach der Hafer gefehlt. Jedoch es scheint, als wollten sie uns auch etwas zu Gute tun; denn wir bekamen doppelte Portion und alle Kriegszulagen. Unser Dorf zählt etwa 30 Häuser, und unsere Abteilung ist 20 Mann stark. Daher liegen wir vereinzelt in den Quartieren. In unserem Quartier bin ich, der Jakob und ein urgemütlicher Kölner mit Namen Schwallbach. Dieser hatte auch früher den Grafen gespielt. Am Ausgange des Dorfes wohnt ein Jude, dessen Schwägerin, ein Mädchen von 18 Jahren, geht jeden Tag in alle Quartiere. Dieses spricht geläufig deutsch. Dann wird mit der Frau das Nötigste abgemacht wegen Kochen, Dienst etz. Wir geben nämlich alles ab, und die Frau besorgt das Kochen für uns.

In dem Dörfchen ist ein Wirtshaus. Eine Witwe mit einem großjährigen Sohn mit Namen Franzko. Der sorgte für gutes Pilsener Bier. Da kannst du dir wohl denken, daß wir, wenn wir nur frei sind, die meiste Zeit beim Franzko umbringen.

Wir haben über den andern Tag Dienst. Ich für meinen Teil habe alle Tage Dienst, denn als Ersatz wurde uns alte Landwehr und Rekruten zugeteilt. Von den letzteren haben wir auch 5 erhalten. Mit diesen mußte ich über den andern Tag 1 ½ Stunde exerzieren. Unser Exerzierplatz ist vor dem Franzko. Der sorgt auch, daß unsere Fensterbank nicht leer von Biergläsern wird. Nun, ich gehe bald nach Hause, wenn ich sie nun so weit bringe, daß, wenn die anderen Soldaten stehen müssen, so habe ich schon viel getan.

Im übrigen wenig Veränderung. Einen Tag wie der andere. Ausgenommen wir haben dann und wann beim Franzko Ballkränzchen unter den Klingen einer Drehorgel. Aber nicht wie zu Hause. Wir mit unseren schwergenagelten Stiefeln und unsere Tänzerinnen mit bloßen Füßen.

Kurz, ich bin den 29. in Prag gewesen, und wir werden den 12. von hier fortmarschieren und den 13. in Prag ankommen. Ebenfalls den 14. Morgens 6 Uhr 40 Minuten von Prag abgefahren. Nun werde ich auf der Bahn die Gelegenheit nicht versäumen, die Dörfer, Städte und Stationen aufzuschreiben, wo wir durchkommen. Hier liegen wir beinahe 6 Wochen und hoffen bald unserem Ziele näher zu treten. Also bis auf die Bahn.

Dein Bruder Wilhelm

Rückfahrt nach Aachen

Nun, liebe Schwester, nun ist der langersehnte Tag, der 14., wo wir auf die Bahn kommen, und jetzt sitzen wir wieder zusammen, um bald wieder in geschlossener Ordnung die liebe Heimat zu umfassen. Jedoch durch das Rütteln des Zuges kann ich fast die Bleifeder nicht halten. Daher werde ich kurz die Namen aufzeichnen, wo wir durchkommen und werde das fehlende nachholen.

So sind wir denn diesen Morgen gegen 5 ½ Uhr auf die Bahn gekommen in Prag. Dieses Prag ist eine wunderschöne Stadt und ist noch um die Hälfte größer als Köln. Da bin ich auch auf der Stelle gewesen, wo der hl. Johannes von Nepomuk in die Moldau geworfen worden ist. Gerne möchte ich das Prag näher beschreiben, jedoch die Bahn will es nicht dulden.

Daher bis später. So werde ich die Städte, Dörfer und Stationen aufzeichnen.

Hantis

Hosiwitz - die erste Station und weiter

Karlstein — Perlaun

Sidi-Horowiz ein Städtchen

Zisbon eine kleine Station

Kolainbron dtz.

Rockinam ein Städtchen

Chrast eine bloße Station

Pilsen eine Stadt

Hirscha eine Station

Stado dto. [Staab]

Standor dto. [Stankau]

Danelize dto. [Domazlice] Taus auf deutsch 1/2 Uhr Nachmittags, eine Stadt

Tosmäle – Rhein ?

Furth die erste Station in Bayern, gegen 4 1/2 Uhr Nachmittag Kaffee getrunken

Kothmailing ein sehr schönes Städchen mit reizenden Bergen u. Ruinen [Kothmaißling]

Cham Dorf

Bösing dto.

Roding dto [Pösniq] 20 vor 6 Uhr

Robenau

Bodenwöhr 7 Uhr

Schwandorf nun ist es schon sehr dunkel. Daher soll es wohl schlecht gehen, in der Nacht die Namen aufzuzeichnen.

Nürnberg eine große Stadt

Gegen 2 Uhr des Nachts Mittagessen in Fürth.

Des Morgens gegen 1/2 6 Uhr in Mainbernheim

Kitzingen Schlachtgegend ein Städtchen

Dettelbach eine Station gegen 7 Uhr morgens

Rottendorf eine Station

Würzburg eine große Stadt. Da fanden wir die 1. Wache, welche von bayrischen Soldaten gebildet war. Das ist eine schöne Stadt, auf einem langen Berge liegt ein herrliches Schloß. Da begrüßten uns allenthalben die schönen Weinberge in freilich riesiger Gestalt, welche uns freudig entgegen lächelten, als wollten sie uns die Hoffnung auf baldiges Wiedersehen der Heimat zurufen.

Veitshöchheim ein Dorf

Thungersheim eine Stadt

Retzbach ein Dorf

Himmelstadt dito [Kleinwernfeld]

Wernfeld ein Städtchen

Gemünden ein großes Dorf

Station Lohr ein Städtchen mit vier Kirchen liegt in einem romantischen Tale und begrüßte uns mit seinen Weinbergen.

Partenstein eine Station

Lausenberg dto [Laufach]

Aschaffenburg. Da haben wir gegen 1 1/2 Uhr Nachmittag gegessen, ebenfalls eine Schlachtgehend.

Stockstadt eine halbe Stunde Aufenthalt.

Babenhausen in der Nähe ein herrliches Schloß.

Darmstadt eine große schöne Stadt, etwa 1/4 5 Uhr nachmittags. 1 Stunde gewartet.

Weiterstadt eine Station

Großgerau dto

Bischofsheim eine Stadt – ich war geschimpft

Mainz um 10 Minuten vor 7 Uhr Abends, wie gerade die Sonne unterging und ihre goldenen Strahlen als Gruß gleichfalls über den Rhein verflossen, wie als wolle sie sagen: Seht dort euren heimatlichen Rhein. Auch Ihr habt euer Tagewerk im Feldzug vollbracht.

Den Schluß schreibe ich später. Den anderen Morgen gegen 6 Uhr kamen wir in Köln an und gegen 8 Uhr in Aachen.

Kurz vor Aachen hielt der Zug. Da wurden wir dann von den Bürgern feierlich in die Stadt abgeholt. Also 50 Stunden auf der Bahn kampiert.

Bei unserer Kompanie zeichnete sich besonders unsre alte Waschfrau, genannt Wäschetring, aus. Sie rief:

"Merr Jongen ett eß got datt ihr do sitt. Merr ech hann kenn Arbet mie." Sie erbat sich ihr mitgebrachtes Sträußchen auf die Degenspitze des Herrn Leutnant setzen zu können, war ihr auch willfahrt wurde. Wie wir nun an die Stadt kamen, wurden auf dem Walle Böller abgeschossen, wobei die Tring ihr bekanntes Jubeln erschallen ließ. Da sagte der Herr Leutnant: „Tring, das haben wir nicht nötig, wir sind schußfest.“

Demobilisierung und Schluss

Den folgenden Tag wurden die Landwehre entlassen, tags darauf die Reserven. Nicht zu vergessen: Unser früherer Herr Oberst zog als General mit in die Stadt ein.

Nach 10 Tagen kam wie aus heiterem Himmel der Befehl, der Jahrgang 63 sei sofort zu entlassen. Die welche auf Wache kommandiert müssen in einer Stunde abgelöst sein. Morgen früh um 9 Uhr sollen die Reservisten mit der Bahn abgehen. Auch ich war auf Wache kommandiert.

Wie ich wieder in der Kaserne war, ereignete sich ein vorteilhaftes Ereignis. Nämlich wie der Feldzug anfing, hatte man die allerschlechtesten Kleider in große Tonnen eingestampft. Diese sollten verkauft werden. Als wir wieder nach Aachen kamen, standen die Tonnen noch auf dem Flur. Nun hatte der Hauptmann der 1.ten Kompanie bei seiner Kompanie befohlen, sie sollten die Tonnen auspacken und die besten Kleider davon nehmen.

Zwei Kameraden, mit die größten und korpulentesten der 1.ten Kompanie: Ein Bierbrauer und ein Metzger. Diese hatten den Befehl nicht gründlich ausgeführt; denn sie hatten gerade das Gegenteil getan. Des Maß mußte durch graue Bindfäden ersetzt werden. So mit dem unvermeidlichen Reservestock und Flasche waren sie gelegentlich an der Wohnung des Herrn Oberst vorbei spaziert. Herr Oberst kam auf den Kasernenhof zu reiten und hatte die beiden Kandidaten vor sich gehen. Nun wurden in aller Eile die Herrn Offiziere zusammengerufen. Er hielt eine Ansprache, in welcher er am Schlusse bemerkte: „Ist das ein Geschenk für Leute, die 3 Jahre gedient und dazu noch einen Feldzug mitgemacht? Wenn die 3. Garnitur nicht ausreicht, so greift zur 2.ten.“ Nun gings hast dus nicht gesehen auf die Kammer, und das mußte sehr gut sein, was wir gebrauchen konnten.

Am andern Morgen wurde sich auf die gesagte Stunde auf der Bahn versammelt. Hier sagt ein Kamerad dem andern Adieu mit den Gedanken, die meisten im Leben nicht mehr sehen; jedoch der Gedanke, du gehst nach Hause, überflügelte alles. Nun, der Jakob hat auch seine Rekrutenzeit vorüber.

Den Schluß habe ich zuhause geschrieben. Ich muß nun sagen, so eine Dienstzeit verbunden mit einem Feldzuge ist ein vollständiger Lebensabschnitt und komme zu dem Schlußsatz, wie ich auch zu Anfang cgesagt:

Das Leben ist ja nur ein Traum!

Pet. Wilh. Molitor.

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